"Es wäre eine schöne Vorstellung, wenn die Viennale - bei allen Irrtümern und Mängeln - so etwas sein könnte wie das Essential Cinema eines flüchtigen Jahres." - Hans Hurch, Sommer 2005.

Eine schöne Vorstellung, indeed, exerzierte das diesjährige Programm der Viennale doch schonungslos vor, wie wertkonservativ selbst das weltoffenste Filmfestival sein kann. Der Trend dem Publikum durch geschmäcklerische Vorselektion jedwede Chance auf Mitbestimmung in Sachen "Essenz" zu nehmen, setzte sich nämlich auch 2005 unbeirrt fort, eine Unart, die natürlich postwendend mit neuen Zuschauerrekorden belohnt wurde.

Dial M for Murder

86.200 Besucher in 12 Tagen - das ist ein Erfolg der sich sehen lassen kann. Erreicht wurde er in erster Linie dadurch, dass sich das Festival in den letzten Jahren konsequent in Richtung Eventkultur orientiert hat. Besuchte das Cineastenvolk einst nebenher die ein oder andere Zusatzveranstaltung, könnte man heute fast schon annehmen, dass die Kinosäle nur noch als eine Art Bonus-Location für die Viennale-Zentrale Partycrowd fungieren.

Ein Trend, der heuer für so manche unerfreuliche Situationen sorgte, scheint das Besucherplus doch zahlenmäßig ident mit jener Gattung Mensch zu sein, die ein Lichtspieltheater nicht von einem Cafehaus, einer Telefonzelle oder einem Hochschullehrgang für Raschelkunde unterscheiden kann. Wenn man bei gut 50 besuchten Veranstaltungen die ungestörten Vorführungen an einer Hand abzählen kann, ist es jedenfalls nicht vermessen festzustellen, dass weniger manchmal wirklich mehr ist.

Freaks & Geeks

Am auffälligsten Betroffen von der neuen Volkssportart "Ich mach euch den Audiokommentar", war einer der heimlichen Höhepunkte des diesjährigen Festivals, die Werkschau zu Ehren Ruan Lingyus. Unberührt von der beeindruckend körperlichen Performance der chinesischen Stummfilmlegende, schmiss ein nicht unbeträchtlicher Teil der Publikums schon nach kurzer Zeit komplett die Nerven weg, was angesichts der Qualität von wunderprächtigen Filmen wie "Love and Duty" und "The Goddess" schlichtweg inakzeptabel ist.

Etwas zivilisierter ging es bei der gut frequentierten Schiene des Filmarchivs zu - sowohl die Reihe "Proletarisches Kino" als auch das "ORF3" - Programm, welches im übrigen noch bis 30. November im Metro-Kino zu bewundern ist, wussten zu überzeugen. In Sachen Auslastung (~70%) als Erfolg zu werten sind auch die beiden diesjährigen Tributes für Jane Birkin und Buenos Aires, ob die Befriedigung direktorialer Fanboy-Anwandlungen jedoch eine Schau dieser Größenordnung rechtfertigen, darf zumindest zaghaft bezweifelt werden.

Ob beabsichtigt oder nicht, der auffälligste rote Faden in diesem Jahr war die inhaltliche Schwerpunktverlagerung in Richtung 60er und 70er. Egal in welcher Schiene man sich auch befand - ob Hauptprogramm, Retro oder Tribute - man konnte sich sicher sein, dass man über kurz oder lang auf Hippies, Nixon, 68er, Drogenwahn, Vietnam und/oder die üblichen Kunst-Verdächtigen stoßen würde. Mit "Coming Apart" und "Cpt. Milkshake" gab es beispielsweise zwei frisch ausgegrabene Spielfilme aus den Jahren '69 bzw. '70 wiederzuentdecken und auch im Doku-Bereich beherrschte der Blick zurück das Bild.

True Lies

Ebene jene zählt bekanntlich seit Jahren zu den absoluten Prunkstücken der Viennale, was sich ja mittlerweile auch positiv in den Bilanzen niederschlägt. Prominent programmiert, erfreute sich die Dokumentarschiene jedenfalls auch heuer wieder großer Beliebtheit und das obwohl sich das Programm qualitativ schwankend wie schon lange nicht mehr präsentierte.

Zu den klaren Gewinnern zählt sicherlich Romuald Karmakars Club-Frontbericht "Between the Devil and the Wide Blue Sea" und auch Jeff Feuerzeigs "The Devil and Daniel Johnston" (Titel = Programm) konnte vollends überzeugen. Im politischen Bereich gelang es vor allem Thorsten Trimpop zu überraschen, zeigt sein Film "Der irrationale Rest" doch eine DDR fernab jedweder Ostalgie.

Einen echten Lichtblick stellte auch Bill Daniels Hobo-Doku "Who is Bozo Texino?" dar, denn wer 16 Jahre an einem schlussendlich 56' dauernden Film bastelt, kann kein schlechter Mensch sein. Ebenfalls durch Kurzweil punktete die Nokia-Doku "A Decent Factory" von Thomas Balmés, Michael Glawoggers "Workingman's Death" hingegen beeindruckte vor allem durch unglaubliche Nähe.

Weiteres solides Dokumentar-Handwerk gab es in Form von Kristina Konrads Nicaragua-Rückkehr "Unser America", dem zwar kaum für neue Aufschlüsse sorgenden, aber zumindest flott gemachten Infomercial "Midnight Movies - From the Margin to the Mainstream", Garrett Scotts und Ian Olds Irak-Krieg-Doku "Occupation: Dreamland", sowie Esther Hoffenbergs familiäre NS-Aufarbeitung "Les Deux vies d'Eva".

Doch wo Licht, da bekanntlich auch Schatten. Das mit "Following Sean" jedoch ausgerechnet jener Film ganz besonders negativ auffiel, der einem vorab noch von höchster Stelle als exemplarischer Viennale-Film präsentiert worden war, spricht gelinde gesagt Bände. Ein Konzept, das wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzt, ein Regisseur der diesen Fakt mit einer Extraportion Ego zu überspielen versucht - Dr. Watson übernehmen sie.

Blame Canada

Konfrontierte man heuer die üblichen Verdächtigen gegen Festivalende hin mit der obligatorische Frage nach den persönlichen Höhepunkten und Tiefschlägen, erntete man in der Regel bloß Achselzucken. Was es bis zu einem gewissen Punkt leider ziemlich auf den selbigen bringt, denn müsste man das diesjährige Angebot auf eine Wort reduzieren, man würde um "durchschnittlich" nicht herum kommen.

Konnte man sich in der Vergangenheit noch ins geistige Leo "schwacher Jahrgang" retten, hat die Programmierung der letzten zwei, drei Jahren wohl endgültig bewiesen, dass die Verweigerungshaltung gegenüber jedweder nicht dem eigenen Filmverständnis entsprechenden Strömung Methode hat. Großes Genrekino spielte sich im Oktober 2005 jedenfalls nicht im Rahmen der Viennale, sondern im regulären Kinobetrieb bei "A History of Violence" ab.

One Last Laugh in a Place of Dying

Kurzum, Filme die einfach danach verlangen, dass man sie noch am selben Abend zum Hauptthema einer jeden Konversation macht, waren in diesem Jahr Mangelware. Gestandenen Größen wie die Gebrüder Dardenne ("L' Enfant"), Takeshi Kitano ("Takeshi's") und Abel Ferrara ("Mary") gelang es noch am ehesten zu polarisieren, gegen die Trägheit von Werken wie "La Neuvaine", "Black Dragon Canyon", "Keuk jang jeon", "Les Etats nordiques", "Yi zhi hua nainiu", "Geminis" oder "Les Promeneur du Champ des Mars" war am Ende jedoch kein Kraut gewachsen.

Die Entdeckung des Festivals war mit Sicherheit Marina Razbzhkinas "Vremya Zhatvy", ein bolschewistisches Mähdrescherkleinod, voll Witz und Melancholie. Gus van Sants "Last Days" entpuppte sich als genau jener Film, den man sich nach "Gerry" und "Elephant" erhoffen durfte (sehr zum Ärger der weiter oben beschriebenen Partycrowd) und auch Don McKellars "Childstar" lies für einen kurzen Moment einen Hauch von nordamerikanischen Indie-Feeling aufkommen.

Der asiatische Film mag 2005 so stark wie selten zuvor vertreten gewesen zu sein, überdurchschnittlich viele gute Produktionen konnten deshalb dennoch nicht ausgemacht werden. Ob "Inuneko", "Mah nakorn", "Bashing", "Hong Yan", "Mahiru no hoshizora" oder "Tian bian yi duo yun" - der Dunstkreis zwischen "nett", "bemüht" und "belanglos" war dicht bevölkert. Herauszustechen vermochten nur die wenigsten Produktionen, wie der tibetanische Cinemascope-Augenschmaus "Kekexili", Shinji Aoyamas audiovisuelles Spektakel "Eli Eli Lema Sabachthani?" und der "Kikujiro no natsu"-Klon "Kikyo" von Koji Hagiuda.

It's not broken... it's advanced!

Fakt ist, die Viennale steht heute besser da denn je. So gut, um genau zu sein, dass sie es sich leisten kann, das Filmmuseum mit, höflich ausgedrückt, nur marginal publikumswirksamen Retrospektiven (2004: Straub/Huillet, 2005: Andy Warhol) zu bespielen. Die Hinzufügung des Künstlerhauses als zusätzliche Spielstätte hat sich als voller Erfolg erwiesen, die Rahmenbedingungen für eine Rückbesinnung auf alten Tugenden - das für sämtliche cineastische Strömungen offene Festival - wären somit gegeben. Eine Chance, die man im Sinne des real existierenden (essentiellen) Kinos wahrnehmen sollte.

Nicolas Ossberger