Viennale


Der letzte Vorhang ist gefallen, die 44. Auflage des Vienna International Film Festivals Geschichte. Zurück bleiben zahlreiche neue Eindrücke und alte Problemzonen und auch die alljährliche Besucherrekordverkündung darf natürlich nicht fehlen.

Die erste - und für die zukünftige Ausrichtung des Festivals vermutlich wichtigste - Erkenntnis der diesjährigen Filmtage ist zweifelsohne, dass sich die Viennale heuer endgültig von der oftmals beschworenen Ankündigung ein Publikumsfestival sein zu wollen verabschiedet hat. Nie war die Handschrift Hans Hurchs deutlicher zu spüren, nie sah sich das zahlende Publikum stärker den persönlichen Befindlichkeiten des seit nunmehr zehn Jahren wirkenden Festivaldirektors ausgeliefert. Die Viennale mag dieser Tage mit einer Gesamtauslastung von 77,60 Prozent erfolgreicher denn je sein, angesichts der die Säle stürmenden Bobo-Horden darf jedoch davon ausgegangen werden, dass die Formel "Eventhopping > Inhalt" längst allumfassende Gültigkeit besitzt.

And The Band Plays On

Von der Masse ewigquatschender Kurzweilcineasten weitestgehend verschont blieb die innerhalb kürzester Zeit zum internen Programmhöhepunkt aufgestiegene "Sisters Act"-Reihe zu Ehren von Joan Fontaine und Olivia de Havilland. Ein Umstand, der nicht nur zahlreiche entspannte Festival-Stunden nach sich zog, sondern auch die anvisierten Besucherzahlen deutlich nach unten drückte. Ein Schelm, der hier einen Zusammenhang sieht.

Abseits von bis heute allgegenwärtigen Werken wie "Gone With The Wind" und "Rebecca", bot die Schau nicht nur die Gelegenheit de Havillands Meisterstück "To Each His Own" oder Fontaines Oscar-prämierten Auftritt in "Suspicion" einen wiederholten Besuch abzustatten, nein, auch bisher wenig bekannte Werke, wie Raoul Walshs sensationell mitreißende Komödie "The Strawberry Blonde" oder Joseph Santleys rustikale Farce "Blonde Cheat", sorgten für cineastisches Licht am dunklen Horizont.

Three Count

Auch wenn der direkte Vergleich zur Golden Hollywood Ära selbstredend ein unangemessener ist, muss einen angesichts der diesjährigen Auswahl an nordamerikanischen Produktionen dennoch fast schon Angst und Bange werden. Sei es John Turturros völlig inkohärentes Regiedebüt "Romance & Cigarettes", Joey Lauren Adams mit viel Vorschußlorbeeren bedachtes Durchschnittswerk "Come Early Morning" oder die zahnlose Lobbying-Satire "Thank You For Smoking" – Enttäuschungen gaben es 2006 en bloc.

Zur Ehrenrettung mussten mit Richard Linklater und Joe Dante zwei große Kaliber ran, die mit ihren jeweiligen Arbeiten "A Scanner Darkly" und "Homecoming" in gewohnt souveräner Manier reüssierten. Ebenfalls definitiv auf der Habenseite zu verbuchen ist Publikumsfavorit "Little Miss Sunshine", während der in den USA grenzenlos abgefeierte "Half Nelson" wohl in erster Linie nur aufgrund mangelnder Konkurrenz noch ins Plus rutschen konnte. Großen Publikumszuspruch fand auch Kelly Reichhardts Buddy-Movie "Old Joy", welches in knapp gehaltenen 76 Minuten der Sentimentalität ein Loblied singt.

Stars of CCTV

Wo also haben sich die exemplarischen Höhepunkt der Viennale 2006 versteckt? Zum einen natürlich im großen Dokumentarfilmprogramm, welches längst zu den Eckpfeilern des Festivals zählt und heuer mit 79,80 Prozent Auslastung eine geradezu sensationelle Quote aufzuweisen hat. Allen voran muss an dieser Stelle "Hamburger Lektionen" genannt werden, besitzt Romuald Karmakars eindrucksvoller Film über Mohammad Fazazi doch die rare Kraft Weltbilder ins Wanken zu bringen.

Wesentlich heiterer geht es bei "Eleghia Zhizni – Rostropovich, Vishnevskaya" zu, der neuen Arbeit Aleksandr Sokurovs. Mit großen Fingerspitzengefühl und viel Herzblut porträtiert der Russe zwei seiner berühmtesten Landsleute, sowohl in historischer als auch musikalischer Hinsicht ein Erlebnis. Und auch Sergei Loznitsa lies sich in diesem Jahr nicht lumpen, sein aus Archivaufnahmen zusammengestelltes Portrait zur Belagerung Leningrads ("Blokada") gehört zweifellos zu den stärksten Arbeiten der diesjährigen Viennale.

Für weitere positive Momenten am Gebiet des Dokumentarfilms sorgten unter anderem die beiden US-Produktionen "My Country, My Country" und "TV Junkie", sowie Dennis O'Rourkes "Land Mines – A Love Story". Etwas enttäuschend fielen hingegen die zahlreich vertretenen, im Vorfeld hochgelobten, österreichischen Produktionen aus, weder "Bellavista", "Miss Universe 1929 – Lisl Goldarbeiter" noch "Der Kärntner spricht deutsch" konnten wirklich überzeugen.

Iron Monkey

War die Viennale einst eine echte Bank in Sachen asiatischer Kino-Highlights, so hat sich dieser Trend in den vergangen Jahren um bemerkenswerte 180° gedreht. Die ganz offensichtlich unerwünschte Genre-Klientel wird mit Mitternachtsscreenings meist unterdurchschnittlicher Auftragsarbeiten abgespeist – hier tat sich heuer ganz besonders das südkoreanische PG13-Fiasko "The Host" hervor – und auch abseits des Mainstreams muss man drauf hoffen, dass sich, wie im Falle von Hiroki Ryuichi ("Vibrator", "Yawarakai seikatsu"), mit dreijähriger Verspätung doch noch die Vernunft durchsetzt.

Sieht man von Nagasaki Shunichis extra-prächtigen Eigenremake "Yamiutsu shinzo" einmal ab, bleibt einem schließlich kaum mehr als in krampfhaft verkünstelter DV-Verkleidung daherkommende Teenager-Dramen ("In Between Days"), Sexfilmchen die das Prädikat Pink nicht verdienen ("Nokofurin Toraretaonna"), Dschungel-B-Movies der unlustigen Sorte ("Pangarap ng puso") sowie prätentiöse Wirrwarr-Onanie ("Peterpan-eui Gongsik").

Going Home

Der finale Blick auf den mit 50+ Kästchen markierten Spielplan attestiert dem Programm 2006 einige wenige spannende Entdeckungen und mehr Leerlauf als sich selbst ein so erfolgreiches Festival wie die Viennale leisten sollte. Neben bereits erwähnten Schätzen wie "The Strawberry Blonde", konnten in diesem Jahr noch Miguel Gomes fantastisches Franz von Assisi Kurzspiel "Cantico das Criaturas" sowie Luis Bunuels völlig zu unrecht verkanntes Dschungel-Drama "La Mort en ce jardin" restlos begeistern.

Keine großen Überraschungen kamen diesmal aus Argentinien, Veronica Chen lieferte mit "Agua" souveräne Standardware, während Lisandro Alonso ("Fantasma") die Leute aus dem Saal trieb wie nur er es kann. Einziger kapitaler Ausrutscher: "La prisionera" von Alejo Moguillansky und Fermin Villanueva. Frankreich bescherte der Viennale in diesem Jahr nicht nur Julie Depardieu als Gast, sondern mit "Toi Et Moi" auch einen herzhaften Tiefpunkt - Kino für Menschen mit Amelie-Postern im Schlafzimmer. Ähnlich wie beim asiatischen Film, ist auch im frankophonen Bereich eine klar geschmacksorientierte Tendenz auszumachen.

Was also bleibt von der 44. Viennale? Zum einen sicherlich die Erkenntnis, dass die Luft für kreative Ausrutscher aufgrund erbarmungsloser Linientreue immer dünner wird, zum anderen aber auch der Fakt, dass sich das Festival mittlerweile zu einer fixen europäischen Größe gemausert hat. Programm ohne vordefinierter Geschmacksregelung findet jedenfalls auch in nähere Zukunft nicht in Wien statt, für das Beste aus zwei Welten empfiehlt sich deshalb wie gehabt der Blick über die Grenzen.

Nicolas Ossberger