Viennale


Die 45. Auflage der Viennale ist Geschichte, die Zeit somit reif für die alljährliche Bilanz aus dem Hause Wellbuilt. Wo versteckten sich die Highlights, welche Arbeiten entpuppten sich als Rohrkrepierer und wem gelang es das Feld von hinten aufzurollen - Fragen und Antworten, hier und jetzt.

Truth or Dare

Die nackten Zahlen stellen der Viennale wie erwartet auch heuer wieder ein Zeugnis mit Goldsternchen aus. Die diesjährige Auslastung von 79,20% entspricht einem Anstieg von 2800 auf insgesamt 91700 Besucher, ein Erfolg der sich einerseits natürlich wirklich sehen lassen kann, andererseits jedoch auch synonym für die Gleichschaltung der im silberbetaschten Einheitsschritt die Vorstellungen füllenden Cinetouristen steht.

Stärker denn je zuvor präsentierte sich das Publikum 2007 als zu allem Ja und Amen sagende Masse, die von jener in Mike Judges "Idiocracy" beschriebenen Kinogeher-Generation so weit nicht mehr entfernt ist. Meinungsbefreiter Applaus als Teil des Happening ist längst die akzeptierte Norm, auch (oder erst recht) wenn Mr. & Mrs. Bobomat die letzten zwei Stunden damit verbracht hat, die vom hauseigenen DVD-Player niedergeprügelte Aufmerksamkeitsspanne mit Dauerkommentierung, Essen und Trinken zu übertünchen.

Will heißen, längst ist nicht mehr das Programm der Star der Viennale, sondern der Event. Ein Fakt, der einem heuer mehr denn je die Freude am Kinobesuch vergällte, geht mit dieser Entwicklung doch der Verlust des Respekts sowohl gegenüber dem Werk als auch dem filminteressierten Publikum Hand in Hand.

The Living Daylights

Die wie gehabt von Direktor Hans Hurch handverlesene und dementsprechend geschmäcklerische Auswahl präsentierte sich auch 2007 wieder als Mixtur aus Nachspielfestivalprogramm und Frischzellenkur, gepaart mich zahlreichen Nebenschienen, deren Anspruch auf Relevanz jedoch von unterschiedlicher Güteklasse war.

Mit einer Auslastung von 84,3% geradezu sensationell besucht, entpuppte sich das Langspielprogramm in diesem Jahr als klarer Publikumssieger. Ein Erfolg der jedoch kaum Rückschlüsse auf die Qualität des selbigen zulässt, erwies sich das heurige Angebot doch an echten Glanzstücken schwach bestückt.

Großproduktionen wie Ang Lee's bürgerliches Schnarchfest "Se, Jie" oder Tony Gilroys beängstigend biederer Liberal Hollywood Werbefilm "Michael Clayton" enttäuschten auf voller Länge und auch Altmeister wie Paul Schrader und George A. Romero lieferten trotz kleiner, versteckter Höhepunkte mit "The Walker" bzw. "Diary of the Dead" im Großen und Ganzen nicht unbedingt Karrierehöhepunkte ab.

Die Fahne langjähriger Qualitätsgarantie schwenkten in diesem Jahr jedenfalls andere, wie beispielsweise Aoyama Shinji ("Sad Vacation"), Gus van Sant ("Paranoid Park"), Kawase Naomi ("Mogari No Mori") und Claude Chabrol, der mit "La File Coupée en deux" sicherlich seine beste Arbeit seit langer Zeit ablieferte.

Ebenfalls nicht von der Hand zu weisen ist der Unterhaltungswert von Todd Haynes fallweise etwas aus dem kreativen Ruder laufenden Bob Dylan Biopic "I'm Not There" sowie der Überraschungserfolg des diesjährigen Programms, "J'ai toujours rêvé d'être un gangster" von Samuel Benchetrit, ein Film der belegen konnte, dass die Welt nicht untergeht, wenn man zur Abwechslung einmal auch eine komödiantisch angehaute Arbeit programmiert. Die Ironie, dass mit "Vozvrashcheniye" der beste Film des Festivals ausgerechnet in der Schiene für von Hurch'scher Hand verschmähte Werke lief, bedarf wohl keinen weiteren Kommentars.

Das wie immer grob vernachlässigte US-Indiekino fasste mit "Shotgun Stories" prompt und hochverdient den diesjährigen Preis der FIPRESCI-Jury aus, warum mit "Joshua" und "Lauren Cass" allerdings ausgerechnet zwei der schwächsten Arbeiten des letzten Jahres ihren ins Programm gefunden haben, weiß wohl nur der Chef himself.

Als Reinfall entpuppten sich auch Valeria Bruni-Tedeschis lästig-reflektorische zweite Regiearbeit "Actrices" und Pascal Bonitzers Moralspiel "Je Pense à vous", sowie, man könnte fast schon sagen wie gehabt, der Block asiatischer Videoarbeiten, dessen Qualitätsbogen sich irgendwo zwischen banal und unerträglich einpendelte.

Auf der großzügig gehandhabten Habenseite zu verbuchen gibt es anno 2007 noch die beiden spannenden japanischen Produktionen "Mansugane Ransha Jiken" und "Ai No Yokan", Nicolas Klotz' Holzhammer-Kapitalismuskritik "La Question Humaine", Emanuelle Cuaus "Tres Bien, Merci" sowie die dank Don McKellars Performance über Wasser gehaltene kanadische Produktion "Monkey Warfare".

Bang Bang, You're Dead

Gelang dem Dokumentarfilmprogramm anno 2006 noch der Coup die beste Auslastung aller Schienen einzufahren, so heißt es heuer wieder zurück ins zweite Glied. Das genaue Warum, Wieso, Weshalb wird so einfach nicht zu klären sein, Fakt ist jedoch, dass es sich bei der Auslese 2007 im direkten Vergleich um einen deutlich schwächerer Jahrgang handelt.

Große Arbeiten waren jedenfalls rar gesät in diesem Jahr, einzig Frederick Wiseman ("State Legislature"), Barbet Schroeder ("L'Advocat de la terreur"), Daniel Gordon ("Crossing The Line") und Maria Ramos ("Juízo") gelang es mit ihren neuen Arbeiten wirklich lückenlos zu begeistern. Sentimental wie gehabt präsentierte sich Volker Koepp ( "Holunderblüte", "Söhne") und auch Hartmut Bitomsky legte mit "Staub" eine gelungene, wenn auch phasenweise ins Schulfernsehmilieu abgeleitende, neue Arbeit vor.

Positiv zu bewerten waren weiters die neuen Arbeiten von Peter Hutton ("At Sea"), Lauren Dunns in erster Linie cinematographisch überzeugender Film "The Unforseen", Peter Kerns "Nur kein Mitleid", John Gianvitos ("Profit Motive and the Whispering Wind"), blankANDwhites "Lynch", Pernille Rose Gronjaers "The Monastery - Mr. Vig & The Nun" sowie "Mahnaz Afzalis "Carte Ghermez".

Doch wo Licht, da bekanntlich auch Schatten und von diesem gab es heuer überraschenderweise leider mehr als genug. Gerade im Bereich Musik ("The US vs. John Lennon", "The Old Weird America - Harry Smith's Anthology of American Folk Music", "Scott Walker - 30th Century Man") entpuppte sich das Angebot zumeist als maximal TV-würdig, ein Schicksal, das auch zahlreiche Biographien in den Abgrund riss ("Brando", "Fritz Lang").

Und selbst auf dem eigentlich als Viennale-Steckenpferd bekannten Terrain der politisch-zeitgeschichtlichen Dokumentarfilmarbeiten verlief die Begeisterung in diesem Jahr in engen Bahnen. Weder "Cocalero", "Un Juif a la mer", "Malon 9 Kohavim", "M", "Tour des finaly", "Stealing Klimt" noch der mit Spannung erwartete "I Will Never Forget You - The Life and Legacy of Simon Wiesenthal" erreichten das Niveau vergangener Jahre.

Der in diesem Jahr mit dem Publikumspreis der Viennale ausgezeichnete Film "Rubljovka - Strasse zur Glückseeligkeit" reiht sich hier nahtlos ein, steht damit aber noch meilenweit über grobe Enttäuschungen wie "Heimatklänge", "In the Shadow of Light", "Yokohama Mary", "The Cats of Mirikitani", "Iskwaterpanck" und dem absoluten Festivaltiefpunkt "Prinzessinnenbad".

Abseits des Hauptprogramms erfreute heuer vor allem die Werkschau zu Ehren Stephanie Rothmans, deren fünf Filme umfassendes Exploitation-Portefeuille einen phasenweise dringend benötigten Blickwinkelwechsel garantierte und auch die BestOff-Schiene sorgte für positive Impulse, zeigte sich doch verstärkt auf, was programmtechnisch theoretisch alles möglich wäre, wenn.

Nicolas Ossberger