:  asian dub foundation  :  text : karina schwann

die asiatischen Warm ups der Beastie Boys in Wien - Laut Primal Scream soll die Asian Dub Foundation (ADF) die beste Live Band in Großbritannien sein. Ihre eigenwillige, politische Fusion von Hip-hop, Drum´n´Bass, Punk und Techno stellt sie an die Toplist einer kontemporären Hype-Peripherie. Können politische Angelegenheiten durch die ADF gepuscht werden?

Setzen wir uns in die Zeitmaschine und reisen eineinhalb Jahre back into the definite Past und zwar als die asiatische Underground Szene, ausgehend vom "Blue Note Club" der montäglichen "Anokha" Nights im Norden Londons, die Musikszene mit atemberaubenden indischen Tablas, Sithar´s und anderem abendländischem Geflöt prickelnd beeinflußte. Eine innovative musikalische Strömung wurde durch die Bands Cornershop, White Town und der ADF um 1993 ins Leben gerufen und bereicherte das britische Nachtleben um 1001 Nacht. Ende der Achtziger vermischten sich zwar indische Volksmusik und House-Rhythmen zum damalig neuen Bhangra-Genre, aber die Szene blieb weitgehend auf die Asian Community beschränkt. Erst nach dem plötzlichen medialen Durchbruch von Cornershop und später White Town eroberte die indische Welle auch die britische Pop-Halbinsel und somit auch das europäische Festland. Als in den Fünfzigern und Sechzigern viele der Eltern unserer musikalischen Experten als einfache Arbeiter nach England geholt wurden, müßte man glauben, daß Inder mittlererweile als gleichberechtigt gegenüber der etwas blasseren, englischen Bevölkerung angesehen werden können. Doch sieht die Realität, wie uns die ADF belehren will, etwas anders aus: Neben dem Trend indisch essen zu gehen oder beim Inder um die Ecke orientalische Gewürze zu kaufen, ist der Kontakt zwischen Weißen und Indern eher gering. Und diesem Mi(e)ßstand will die ADF entgegentreten. Im Jahre 1952 lebten nur 2000 Inder in Southall, welches das Klein-Indien Londons darstellt. Heute sind es über 50000. Die Leute kamen vor 50 Jahren als Indien von Großbritannien unabhängig wurde. Der interkulturelle Austausch jedoch scheint sich nur in der Musik zur Zeit abzuspielen, bestätigt Pandit G der Dj der britisch-asiatischen Formation. Der hippe Charakter der ADF zeigt sich in der Mixtur verschiedenster Musikrichtungen in ein und demselben Song. "Wir sehen keine Fusion unserer differnzierten Sounds, sondern sie stehen als lebendige, ganze Bausteine nebeneinander und ergänzen sich so zu einem sinnvollen, multioptionalen Ganzen," erklärt Dj-cum-dancer Sun-J. "Wir alle kommen aus den verschiedensten musikalischen Genres und das gab uns die Möglichkeit diese Vielfalt in unsere Arbeit einfließen zu lassen." Die ADF wurde vom Bassisten Dr. Das alias Aniruddha Das, welcher in musik-technologischen Workshops asiatische Jugendliche lehrt, ins Leben gerufen. Einer seiner Schüler war der 15 jährige Master D alias Deeder Zaman. Er rappte mit Gruppen wie Joi und State of Bengal seit seinem neunten Lebensjahr und heftete der Gruppe einen zusätzlich breakbeatärischen Charakter an. Der Dj Pandit G alias John Pandit arbeitete mit einer polizeilichen Organisation, um die Rassenverbrechen im Osten Londons zu bekämpfen. Durch sein Wirken nahm die ADF an Underground Parties als Soundsystem teil. Chandrasonic, alias Steve Chandra Savales, der Gitarist der Band, war ein Mitglied der Megadog Techno-Dub Favoriten Higher Intelligence Agency. Er wurde wegen zu geringer chilling mood aus diesen Kreisen verbannt. Auch Sun-J alias Sanjay Tailor stieß aus der Rave-Szenerie, wo er als Tänzer und Dj agierte, zu der Formation hinzu. Ein bombastisches Drum´n'Bass, Hip-Hop, Techno, Dub und Punk Geschwader durchzogen mit spikigen Sangeinlagen von Master D stehlen jedem Motorsägen Wettbewerb die Show. Der Dj sampelt, selektiert und liefert die rhythmisierenden Drum-Beats, während Master D hüpfend, hyperaktive Ragga-Fetzen dem Publikum zum Fraß vorsetzt. Chandrasonic und Dr. Das elektrisieren mit vibrierenden Jah Wobble Basslines und New Wave Gitarren, wobei die indischen Einsätze wie die Staatsflagge im Wind eines Maharaja Palastes prälliert. "We see everything as interchangeable and try it all out," erklärt Chandrasonic den eigensinnigen Stil. Sie halten genauso wenig von Musik-Kategorisierungen als von relaxten Abenden bei Kerzenlicht. Sie schreien sich ihre musischen Adern aus der Kehle und das alles im Zeichen des Anti-Rassismus Spektakels. Ein Haufen Gleichgesinnter, zorniger und aufmüpfiger Inder, die sich nicht so einfach mit netten Sprüchen zufrieden geben wollen und gegen das Unrecht dieser Welt plädieren. Die Essenz ihres musischen Konzeptes ist aber hauptsächlich in ihren politischen Texten zu finden. Dub is the place we come to argue and debate - heißt es im Song "Dub Mentality" auf ihrem neuen Album Rafi´s Revenge. In der Symbiose eines Multisounds und der kritischen Betrachtungsweise eines asiatischen Lebens in Großbritannien, wird der Multikulturalität in neuartiger Rappermanier die Ehre erwiesen. Als fünfköpfige Einheit wollen sie der Öffentlichkeit in einem soundig, dramaturgischen Rahmen, die Fehltritte unserer Gesellschaft näher ans Ohr bringen. Sie sehen sich als ein junges, artistisches Sprechrohr, für die von der Regierung nicht ausgesprochenen oder nur latent behandelten politischen Angelegenheiten. Durch eine Bürgerrechtsgruppe in Tower Hamlets und einem gemeinschaftlichen Musikprojekt, werden verschiedene Schulen besucht, um der örtlichen Jugend bei den ersten schöpferischen Schritten auf die Sprünge zu helfen. Sie erhoffen sich dadurch zukünftig bessere soziale als auch musikalische Aufstiegschancen für die heranwachsenden asiatischen Youngsters. Die ADF ist auf dem besten Wege in die Fußstapfen einer rockigen "radical chic" Tradition zu treten. Pioniere dieses rootlastigen Tribes äußern sich in den legendären Namen wie Linton Kwesi Johnson und Africa Bambaata (und die soziale Arbeit die er unter der Schirmherrschaft der Zulu Nation leistete). Ihre Sprechchöre und soundschweren Breaks hinterlassen den Eindruck revolutionärer Slogans. Ihr Ziel liegt im gleichzeitigen aufwiegeln, bilden und organisieren. Würden die klassisch-traditionellen, erleichternden indischen Töne ausbleiben, welche nebenbei sowieso nur mit Hörapparat aufgespürt werden können, könnte man geradezu in der Annahme liegen, einer politischen Propaganda ausgesetzt zu sein.

Seid ihr eigentlich auch an der Entstehung der Anokha Monday nights im "Blue Note" Club in London und dem damit in aller Munde verbundenen "Asian Flow" in irgendeiner Weise beteiligt gewesen ?

"Yein - Pandit G legte einige Abende, besonders am Beginn als es so richtig populär wurde, ein paar Mal auf. Aber an der eigentlichen Organisation waren wir nicht beteiligt, obwohl wir natürlich alle Leute von dort kennen, wie die Cornershop People, Talvin Singh (den Veranstalter der Anokha-Nights) usw., aber außer unserer Hautfarbe verbindet uns ideologisch gesehen eigentlich garnichts mit den Jungs. Dieser Club am Hoxton Square sperrte nun zu und hat sich nach Islington verlegt. Das ändert eigentlich nichts am speziellen Flair dieser Abende, außer daß die Location eine andere ist - die Szene bewegt sich ständig von einem zum anderen Club, damit der Mooove erhalten bleibt," erklärt Chandrasonic.

In welcher Art und Weise könnt ihr persönlich rassistische Züge spürbar erkennen, wenn ihr beispielsweise durch die Straßen Londons spaziert oder welche Angelegenheiten betreffen diesbezüglich eure Familien ?

"First - Österreich ist, wenn wir über Rassismus sprechen, schrecklicher als Deutschland, das ist auf jeden Fall unser Eindruck. Es gibt fast keine andersfärbigen Leute hier in Wien, auf jeden Fall nur sehr wenige - sodaß die Bevölkerung glaubt, wir sind alle Einbrecher, Kriminelle oder Drogenabhängige," knallt Sunny-J ärgerlich die Antwort in den Raum. Beispielsweise, so erzählt Sun-J weiter, wurde er im Hotel Hilton von einem Pagen gestoppt und um seine Zimmernummer gefragt, so als könnten junge Färbige auf keinen Fall im Hilton absteigen. "In England haben wir durch die gegebene Multikulturalität im direkten Umgang mit Personen keine Schwierigkeiten. Hier äußert sich der Rassismus als ein verstecktes, institutionelles Problem. Auch in der Musikbranche haben wir, wenn wir es schaffen wollen, gegenüber der weißen Musikwelt größere Hürden zu überwinden als das üblich der Fall ist. Alles was wir wollen sind gleiche Rechte für alle. Die Briten glauben tatsächlich, als sie Indien als Kronkolonie abstießen, einen karikativen Zug geleistet zu haben - was sie nicht sahen ist die Tatsache, dass sie Indien in einem völlig chaotisch, desolaten Zustand zurückließen.

Ein Song auf eurem neuen Album nennt sich "Free Satpal Ram" - was genau verbirgt sich hinter diesem Namen?

"Wenn man ein Gerichtsverfahren hat, sprich wie im Fall Satpal Ram, der sich durch Notwehr gegen sechs Weiße die ihn angriffen mit einem Messer verteidigen mußte und dabei leider einen davon tödlich verletzte, bekommt er lebenslänglich. Wäre Satpal ein Weißer gewesen, dann könnte er, in Angesicht der gegebenen Tatbestände, mit einem milderen Urteilspruch rechnen. "Self Defence Is No Offence" - (Textsequenz aus Free Satpal Ram). Unsere musikalische Option mit solchen Themen an die Öffentlichkeit herantreten zu können, soll Ausdruck unseres Verlangens nach einer neuen Art von Völkerverständigung sein, um möglichen Ungerechtigkeiten in dieser Welt den Kampf anzusagen. What we want to provide is power of energy."

Wart ihr selbst schon einmal in Indien - wie signifizierte sich der Eindruck euer eigentliches Heimatland einmal kennen zu lernen ?

"Nur Sun-J besuchte Indien aus familiären Gründen einmal," erklärt Pandit G. "Für mich war es schockierend diese Armut und das Leben derer mitansehen zu müssen. Und überhaupt halte ich garnichts von Jungtravellern die glauben in Indien ihre Erleuchtung zu finden. Sie hauen sich Drogen rein, hören dazu Techno in den Bars von Goa, verarschen die Inder und glauben zu allem Überfluß auch noch dieses Land und deren Bevölkerung verstanden zu haben. Diese Pseudo-Touris bringen dann Silberschmuck und Klamotten mit nach Europa und verkaufen diese zu inkorrekten Preisen. Ich sah einmal einen solchen Crustie, wie er lachend vor der Nase eines Inders einen 100 Ruppee-Schein provokant seinem brennenden Feuerzeug als Spielzeug vorsetzte," läßt sich Sun-J wütend aus.