:  clawfinger  :  russian roulette

Man wirft ihnen vor, daß sie schlechte Musik machen und dem Plagiat frönen. Ist es wirklich so? Zak Tell und Bård Torstensen standen Rede, Antwort und auf dem Prüfstand Bühne.  
  

clawDer Vorwurf des Plagiats führt zu einem Gerücht, das mit Sicherheit als unhaltbar zurückgewiesen werden muß. Ihr Bandname - bzw. dessen verdeutschte Aussprache -leitet sich nicht vom Wühlen in musikalischen Exkrementen anderer Musiker ab. Aber wer bedient sich nicht an fremden Ideen?  

Den Vorwurf kann man auch sachlich entkräften. Clawfinger haben einfach einen einzigartigen Stil, der sich nicht leugnen läßt. Ihren Gitarrensound kann man mögen oder nicht. Die Art und Weise wie er zustande kommt ist außergewöhnlich. Daß Zak Tell, Frontman, Sänger und Ideologe, nicht singen kann, ist unbestritten. Aber deswegen rappt er ja - wie gut sei dahingestellt. Nichtzuletzt dieser Mischung aus Gitarrensound und Zaks Gerappe, verdanken Clawfinger ihren Erfolg und ihrem steilen Aufstieg mit der ersten Platte "Deaf Dumb Blind".  

Beginnen wir mit "Deaf Dumb Blind". Ihr habt in einem Spital gearbeitet. Als Zivildiener?  

Bård: Nein, wir haben dort wirklich gearbeitet. Zu dieser Zeit (1990) gab es in Schweden einen Mangel an Pflegepersonal. Jocke war aber der einzige mit einer medizinischen Ausbildung. Zak hat auch dort gearbeitet, wahrscheinlich aus demselben Grund wie wir alle: es war leicht dort einen Job zu bekommen.  

Erlend und ich sind eigentlich von Norwegen nach Schweden gezogen, um eine Band zu gründen. Uns ist aber das Geld ausgegangen. So haben wir begonnen im Krankenhaus zu arbeiten - im selben Stockwerk. Wir wurden Freunde, waren alle interessiert an Musik und beschlossen gemeinsam ein Demo aufzunehmen.  

Ihr seid also mit dem Vorsatz nach Schweden gegangen eine Band zu gründen?  

B: Ja.  

Rage Against Rage Against The Machine ?  

Ihr Debutalbum "Deaf Dumb Blind" mit seiner gediegenen Mischung aus Metal und Rap war die gelungene, skandinavische Alternative zu Rage Against The Machine, die jedoch eines etwas seltsamen Beigeschmacks nicht entbehrt.  

Ob irgendein Schwarzer den käseweißen Schweden braucht, der für ihn "Nigger rappt und den Zeigefinger hebt, sei dahingestellt. Die linke Internationale hingegen ist wahrscheinlich heilfroh, daß es Rage Against The Machine ("Arm the homeless!") mit ihrem Dollar-schwangeren Sony-Plattenvertrag gibt. Glaubwürdigkeit war schon immer ein Synonym für ihre Technologiefeindlichkeit (No samples, keyboards or synthesizers used in the making of this recording.) Rage - gut, Maschinen - böse. Kein Wort von EffektgerSten. Da haben ihnen Clawfinger aber ordentlich einen ausgewischt...  

In Rage Against The Machines erstem Album gab es am Ende des Booklets diese kleine Notiz. Eure Antwort darauf war...  

Bård: This album is loaded with samples, loops and no guitar amps.  

Warum verwendet Ihr keine Gitarrenverstärker?  

B: Wir gehen direkt ins Mischpult. Jocke hat ein kleines Effektgerät entdeckt, das wirklich toll klingt. Der Grund warum wir keine VerstSrker verwenden ist, daß der Sound über das Mischpult sofort kommt. Bei einem VerstSrker ist immer ein wenig Delay dabai. Dieser "direct attack" ist auch so etwas wie unser Markenzeichen.  

Eure Nummern werden am Computer konstruiert.  

B: Nein. Wir programmieren ein Drumpattern über das echtes Schlagzeug gespielt wird. (Bård demonstriert auf den Tisch hämmernd wie's gemacht wird.) Dann kommen Bass und Gitarre dazu. Wir hätten damals noch gar keine Songs mittels Computer basteln können, da wir über kein Harddisk Recording verfügten. Wir hatten ja nur einen Sampler...   

Zak: Aber nicht als wir die Demos aufgenommen haben.  

B: Genau. Ich habe mir jetzt einen Apple gekauft und Cubase VST. Somit können wir schon während der Tour Demos aufnehmen.  

Jocke hatte damals einen Atari und Cubase, mit dem wir aber nur Basslines und Drums programmiert haben.  

Das erste Album war nur für ein schmales Publikum anglegt.  

Z: Das erste Album war für gar kein Publikum angelegt.  

B: Wir machen alle Alben für uns selbst.  

Ja sicher...  

B: Er sagt, "Ja sicher." Ja sicher...  

Z: Das erste Album ist das einzige, das man 100% für sich selbst macht. Man hat noch keine Fanbase, keine Erwartungen, keine Leute, die dich stressen. Egal ob man es zugibt oder nicht, bewußt oder unbewußt: es kann nur das erste Album sein, das man für sich selbst macht, das rein und unschuldig ist. Und naiv.  

Wir gehen zwar jetzt nicht strategisch vor, aber die Klischees stimmen. Den Druck gibt es, aber ich glaube der grsßte Druck kommt von uns selbst.  

Stichwort naiv. Würdest Du die Texte des ersten Albums nocheinmal schreiben?  

Z: Ja.  

Brauchen Schwarze also tatsächlich einen schwedischen Mentor?  

Z: Keine Ahnung. Ich mußte über mich sprechen, ohne besondere Rücksicht auf andere zu nehmen. Natürlich würde ich das heute nicht mehr so formulieren. Das war 6 Jahre her und heute denke ich mir, das ksnnte mißverstanden werden. Ich würde mich direkter artikulieren.  

Direkter?  

Z: Ja, ich würde keinen Refrain nehmen, der "Nigger, Nigger, Nigger, Nigger..." geht, sondern würde es klarer formulieren, weil der Refrain genau das war, was die Leute nicht verstanden haben.  

Die meisten Leute sind refrainorientiert, Das ist der Teil, der den Song verkauft. Nur wenige schStzen einen Song in seiner Ganzheit.  

Use Your Brain : An sich selbst adressiert ?  

160 Gigs nach Versffentlichung des ersten Albums, darunter auch Auftritte am "Dynamo Festival" oder beim "Rock am Ring", wurde das Nachfolgewerk auf die Musikwelt losgelassen. Obwohl "Use your Brain" nicht ganz an den ursprünglichen Erfolg ankoppeln konnte, bewiesen Clawfinger doch, daß sie, ob der vielen Konzerte, auch einiges an musikalischer Erfahrung dazugewinnen konnten.  

 "Pin Me Down" ist Euer am stärksten industrialisierter Song. Nicht zuletzt wegen des Videos...  

Zak: Das wurde in einer Fabrik in Chicago gedreht. Warum weiß ich nicht. Wahrscheinlich weil der Regisseur dort lebt und es einfacher war uns hinüberzufliegen als umgekehrt. Ich verstehe das ganze Video-Business nicht. Für mich ist es nur ein Commercial für den Song. Zuviel Geld für so wenig, außer man ist Aqua oder Ace Of Base, d.h. wenn man garantiertes Airplay hat, weil es nichts enthält, das aufregen könnte. Alles ist sweet & sugarcandy.  

Ihr macht auch Remixes; was habt Ihr neben "To The Hilt" von Die Krupps noch gemixed?  

Z: Ich bin nicht involviert in den Remixes. Das macht Jocke unser Keyboarder. Ich glaube bis jetzt waren es insgesamt 16: Misery Loves Co., Meshuggah, Drain, ... Gemeinsam mit Bård hat er auch einige unserer Sachen gemixed. Außerdem ist es besser, wenn man eigene Nummern remixed. Auf die Art und Weise bleibt der Song erhalten. Viele Remixes zerstören einfach den Song. They kill your little baby.  

Russisches Roulette  

Das dritte Album hat offensichtlich keinen Namen. Ist das Euer "White Album" oder heißt es doch Clawfinger? Oder vielleicht "Russian Roulette" wegen dem Cover?  

Zak: Nein, wir heissen Clawfinger und es ist unsere dritte Platte. "White Album" trifft zu. Und im Grund sind wir eine Metalband.  

Ihr bezeichnet Euch als Metalband?  

Z: Nein, das war ein Zitat aus "Bad News".   

Bård: Hast Du "Bad News" gesehen?  

Nein 

Z: Ich zitiere öfter daraus und die Leuten schreiben dann: Clawfinger glauben sie sind eine Heavy Metalband. Keiner kapiert's.  

Also seid Ihr eine Metalband?  

Z: Wir schreiben einfach Songs. Wenn es ein Metalsong ist, gut, wenn er TripHop Elemente enthSlt, auch gut. Manche werden es Balladen.  

Eine.  

Z: OK, eine. Aber was auch immer am Ende des Tages rauskommt, wir bleiben dabei, egal um welches Genre es sich handelt. Gerade beim dritten Album.  

Mit den ersten beiden Alben haben wir uns selbst ein bißchen eingegrenzt. Wir haben uns in eine Ecke gespielt. Wir wollten da raus, also haben wir gewartet bis die Farbe trocken war und sind dann abgehauen.  

Das neue Album zeugt von musikalischer Weiterentwicklung, wenngleich die typischen Elemente nach wie vor das musikalische Gesamtbild prSgen. Man bediente sich eines neuen Produzenten, Peter Reardon (Scarface, Geto Boys, Coolio...). Nicht zuletzt sorgt ein dezent gesteigerter Einsatz von sinnvoller Elektronik für mehr Frische und mehr Pfiff.  

Teilweise wurde etwas mehr Melodie in die Nummern eingebettet, sogar eine Ballade ("I guess I'll never know") hat sich in den Tracks verloren.  

Zwei Songs üben Kritik am Thema Religion, vor allem in seiner institutionalisierten Form ("Two Sides", I'm Your Life And Religion"), aber ansosnsten hSlt Zak mit seiner Gesellschaftskritik hinter den Bergen. Hie und da will er uns aufrütteln ("Chances", "Hold Your Head Up"), manchmal will er selbst nicht aufstehen ("Don't wake me up") und eigentlich scheint er generell etwas trSger geworden zu sein. Seine LieblingsbeschSftigungen laut eigener Angabe sind Computer spielen, B + C Movies und Shnlich spannendes: "I also like rollerblading, mountainbiking and drinking beer with my friends." Whooa! Cool! Da erklärt vermutlich auch wie man auf so lustige Songs wie "Crazy" kommt, in dem Album- und Bandnamen zu einem Text verarbeitet werden: "...nevermind Nirvana even if I have to pay, I'm a fool for a lifetime and king for a day.." Na, ja.  

Auf der neuen Platte gibt es einen Song namens "Crazy". Was soll das? Hört sich irgendwie an wie, "Wir sind so lustig.."  

Zak: Es war einfach nur ein Spaß ihn aufzunehmen. Da gibt es auch keinen tieferen Sinn dahinter, außer man hat seine eigene Interpretation.  

Die Verknüpfung der Bandnamen und Albumtitel ist aber doch etwas ungelenk.  

Z .Fair enough. Es tat aber auch gut einen Song auf der Platte zu haben, der irgendwie sinnfrei ist.  

Bård: Es war die generelle Idee des Albums ein diverseres Gefühlsspektrum zu erzeugen, sowohl musikalisch als auch textlich. Wenn man die ganze Zeit nur aggressiv ist, löscht man sich irgendwann selbst aus.  

Z: Niemand ist die ganze Zeit aggressiv, niemand ist "Raging Bull", nichteinmal ich, Zak Tell von Clawfinger.  

Das glaubt auch keiner.  

Z: Ja, ich weiß, aber so fühlte ich mich nach zwei Alben und 300 Konzerten. Ich mußte etwas abkühlen.  

B: Der Punkt ist, wenn man immer wieder die gleichen Songs spielt, die außerdem alle sehr ähnlich sind, bleibt man am Status Quo stehen. Da gibt es keinen Kick mehr.  

Der erste Song ("Two Sides") ist recht interessant. Da werden orientalische Einflüsse verarbeitet, zum Teil wird arabisch gesungen. Inhaltlich geht es gegen die institutionalisierte Form von Religion.  

Z: Gegen die Institution, gegen die Fundamentalisten. Da wird es gefährlich. Alle Möglichkeiten sich mit anderen Gedanken zu konfrontieren, werden systematisch ausgeschaltet. Das ist beängstigend. Ich versuche tolerant zu bleiben. Ich bin nicht religiös, aber auch ich muß akzeptieren, daß es Millionen Menschen gibt, die sehr gläubig sind. Solange ich das nicht schlucken muß, sollen sie weiter glauben. Ich stimme dem zwar nicht zu, aber ich kann ihre Denkweise nicht ändern.  

B: In der organisierten Kirche gibt es soviele Vorurteile. In Norwegen sind Homosexuelle aus der Kirche ausgeschlossen. Das ist fast schon wie Rassismus. Die Kirchenoberhäupter sind Rassisten. Jesus predigt das Gegenteil.  

"Eaten Alive"  

Du schaust Dir gerne B+C Movies an?  

Zak: Ich seh' mir halt gerne Filme an.  

Welche?  

Z: "Eaten Alive". Ich wohne über eine Videothek. Kommt auf meine Stimmung an.  

Du bist im UK aufgewachsen, hast also keine Probleme englische Texte zu schreiben.  

Z: Nein, englisch ist meine Muttersprache. Das wahrscheinlich auch der Grund warum ich englische Texte schreibe. In dieser Sprache habe ich zu denken begonnen. Ich lebte dort von bis ich 10 war, dann gingen wir nach Schweden.  

Aber Ihr Skandinavier seid in dieser Hinsicht ohnehin gut ausgebildet.  

B: Ja, weil Filme bei uns nicht synchronisiert sind. In der Schule habe ich Englisch nicht ausstehen können. Ich hab's durchs Fernsehen gelernt.  

MIDI-Ritter und Mischpultfreaks aufgepaßt  

Zu guter letzt ist auf der neuen Platte noch ein ganz spezieller CD-ROM Bonustrack mitgepreßt (nicht auf Vinyl - aufpassen beim Kaufen), und zwar in Form eines Programmes, mit dessen Hilfe sich der gefinkelte Computerspezialist und Amateur-Musikprogrammierer mittels beigepackter Gitarrenriffs, Drumloops und (long-f)hnlichem seinen ganz individuellen Clawfinger-Bonustrack zurechtfeilen kann. Und dem nicht genug, kann man das Entstandene wettbewerbsmSßig an Clawfinger schicken, die dann eine der Perlen auswShlen und auf die B-Seite einer herannahenden Single nehmen werden.  

Zak: Es steht leider nicht auf dem Cover, aber auf dem Album gibt es einen Bonustrack, einen CD-ROM Track mit dem man seinen eigenen Clawfinger Song aufnehmen kann.  

Ich hab's ausprobiert, finde das Programm aber ein wenig kompliziert.  

Bård: Zuerst machst Du ein Pattern. Dann gehst Du über zum nächsten. Dann ein drittes...  

Dann klickst Du ein Pattern an und drückst Record. Du mußt die Patterns in Realtime wechseln, während Du aufnimmst. 
Hast Du den Ordner auf Deine Harddisk kopiert?  

Sicher.  

B: Dann funktioniert es nämlich besser als von CD.  

(alm, stoff)