: cold : text: thomas weber
 

COLD kommen aus Jacksonville. Das liegt zwar im nördlichen Florida, gehört aber trotzdem schon zu der Gegend, in der es europäischen Besuchern innerhalb von wenigen Minuten im Freien die Schweißperlen auf die Stirn treibt. Der Einfluß der obligaten Klimaanlagen kann vom aufmerksamen Hörer zumindest stimmungsmäßig herausgehört werden. Aber nicht nur Gott und der Mann mit den Pferdehufen, auch einige andere, uns Mitteleuropäern exotisch anmutende, Kreaturen haben zu COLDs Depro-Rock das Ihrige beigetragen.              

"Unsere Musik hat nichts mit dem Wetter zu," stellt der multiinstrumentalistische Frontman Scoot Ward gleich klar. "Wenn, dann ist es in Jacksonville am ehesten zu heiß. Bei uns gibt es aber nicht nur wunderbares Wetter sondern jeden zweiten Nachmittag Gewitter, Wolkenbrüche, einen Hurricane oder Tornado. Oder es kriechen Alligatoren in deinem Garten rum. Das ist Jacksonville. Es ist also nicht nur verdammt heiß, es läuft dir auch verdammt oft kalt den Rücken runter." Die langwierige Suche nach einem geeigneten Bandnamen hat die Veröffentlichung von COLDs Debütalbum gehörig hinausgezögert. Die elf Nummern dafür waren nämlich allesamt schon im Frühjahr 1996, also vor mehr als zwei Jahren, fertig. 
Das Hauptproblem war, einen wirklich neuen Bandnamen zu finden. "Alle unsere Vorschläge waren nämlich schon von irgendeiner Band besetzt. Wir haben sicher vierzig oder fünfzig Mal recherchieren lassen, und jedes Mal war der Name schon in Verwendung. Jede Recherche hat uns fünfhundert Dollar gekostet. Das ist eine ganze Menge Geld. Aber sonst hätten wir vielleicht später rechtliche Probleme gehabt und uns schlußendlich erst umbenennen müssen."

Sobald der Name COLD feststand, gings quer durch Amerika auf Tour, als Vorband von Limp Bizkit und Korn. Ein sichtlich erfolgreiches Unterfangen, denn als vor wenigen Wochen COLDs Debütalbum in den USA veröffentlicht wurde setzte dort ein regelrechter Hype ein. Ein Hype, der eigentlich schon einige Monate zuvor in Großbritannien losgetreten worden war. Das Magazin KERRANG! nominierte damals COLD nämlich zur best band of the year, druckte Album-Reviews in mehreren aufeinanderfolgenden Ausgaben ab, "und auf einmal konnten wir uns Poster mit unseren eigenen Gesichtern drauf an die Wand hängen." Live lief es dann in England auch verhältnismäßig einfach. "Irgendwie ist es auch ein schönes Gefühl, wenn die Leute wegen uns auf ein Konzert kommen, unseren Namen schreien und nach dem Gig Autogramme wollen."
Hierzulande mußten sich COLD live erst als Vorband von Soulfly (Max Cavalera) bewähren. Eines haben die Vier aus Florida dabei recht schnell erkannt: hier läuft  alles ganz anders als in England oder Amerika, wo der Einfluß der Musikpresse verhältnismäßig gigantische Ausmaße annimmt. "Bei euch hier ist alles mehr Underground. Das ist auch cool. Hier zählt Mundpropaganda viel mehr. Aber sogar wenn wir nur vor zehn Kids spielen, dann wissen wir: diese Zehn erzählen es zehn ihrer Freunde weiter usw." 

Auch wenn COLDs Songs live durchwegs krachiger kommen als auf CD. Auf Konserve grundeln sie oft so apathisch im Moll-Bereich herum, daß beim Durchhören von Lied zu Lied manchmal der Eindruck entsteht, daß sich mit jeder Nummer das Geschehen noch eine Oktave tiefer abspielt. Und würden wir in diesem Fall nicht ziemlich schnell an den natürlichen Grenzen unserer Sinnesorgane scheitern, COLD arbeiteten längst auf diese Art und Weise. Aber auch innerhalb unserer beschränkten Sinnesgrenzen hinterläßt COLDs selbstbetitelter Erstling eine bedrückende Stimmung. Eine Stimmung in der Scoots nasaler, oft undeutlicher Gesang noch besser zur Geltung kommt als der von Gavin Rossdale bei BUSH. Der Vergleich mit BUSH drängt sich deshalb auf, weil Parallelen zwischen der Singtechnik der beiden Frontmänner Scoot und Gavin nicht ganz von der Hand zu weisen sind. Ein Vergleich der den ohnehin von Natur aus etwas paranoid wirkenden Scoot aber nicht wirklich glücklich macht, da er wohl schon des öfteren bezichtigt worden sein dürfte, Rossdales erfolgreichen Gesangsstil einfach nur zu imitieren.

Wenn der durchschnittliche, musikalisch in härteren Gefilden sozialisierte Musikfan bei Florida auch immer noch zuerst an Tampa und damit an Florida als eine Hochburg des Death Metals denkt; in diese Richtung sind derartige Vorwürfe in jedem Fall unangebracht. Irgendwie fast schon bemerkenswert, daß dieses Genre an der Musik COLDs keinen hörbaren Kratzer hinterlassen haben dürfte. "Wir kommen ganz aus dem Norden Floridas. When we think about Florida, we think about Lynryd Skynryd and Molly Hatchet. Metal und Death Metal war immer nur ganz im Süden, und dort auch nur weil dort ein ganzer Haufen Death Metal Bands Alben eingespielt hat Mit dieser Szene sind wir aber noch nie in Berührung gekommen. Ich habe mein ganzes Leben noch nie ein Death Metal Konzert gesehen, ich war aber fast mein ganzes Leben in Florida. Verstehst du was ich meine?" 
 Musikalisch kommt die Band selbst also weniger aus der Metalgegend als aus einem losen Rock-Background. "Unser musikalischer Input reicht von Tool über Soundgarden bis Black Sabbath. Von musikalischen Wurzeln können wir da nicht wirklich sprechen. Tool waren ja in unserer Jugend nicht da, jetzt gehören sie aber zu unseren wichtigsten Einflüssen." Als düstere Rock-Band wollen sich Scoot und Gitarrist Kelly Hayes auch nicht nachsagen lassen, harte Musik zu machen. Erst mit der Definition, daß ihre Musik nicht wirklich musikalisch hart, sondern vielmehr emotionell hart ist, geben sie sich zufrieden. "Es gibt auf unserem Album ja auch ganz ruhige oder akkustische Nummern. Wenn wir da von harter Musik sprechen, dann ordnen das die Leute gleich falsch ein." Die Bandmitglieder selbst wollen sich kollektiv als Alternative Rock Band verstanden wissen. Unter anderem auch deshalb, weil es für wirklich harte Bands, die "Musik rein aus dem Bauch heraus machen", nicht gerade charakteristisch ist, daß sie mit teilweise fast schon poetischen Texten arbeiten. Scoot, der alleine fürs Songwriting verantwortlich zeichnet, findet sichtlich Gefallen daran, zweideutige Aussagen mit metaphorischen Vergleichen zu präzisieren bzw. scheinbar eindeutige Texte dadurch in mehrdeutige Nebelgewänder zu hüllen. 

Trotzdem gehören COLD nicht zu der Sorte Bands, die im Nachhinein reflektierend über ihre (bei COLD: durchwegs negativen) Erfahrungen berichten. "Ich schreibe nur Texte wenn es mir schlecht geht. Wenn ich gerade gut drauf bin, dann genieße ich den Augenblick, gehe auf eine Party oder so. Das ist aber eine Art Kreislauf, denn üblicherweise fühle ich mich am Tag nachdem ich auf einer Party gewesen bin extrem schlecht." Scoot(er)s eigene musikalische Vorlieben könnten durchaus auch programmatisch für die Band gelten: "Ich denke die besten Songs handeln von Schmerz und Seelenqualen." Mit Melodie hat der ehemalige Kammerjäger in diesem Umfeld kein Problem, ganz im Gegenteil. Eine Bedingung stellt er diesbezüglich aber in den Raum: "Melodie ist absolut okay solange dadurch nicht das Gefühl auf der Strecke bleibt." 

Kämen COLD aus einem anderen Bundesstaat Amerikas, sie würden - jede Wette - auf der Bühne ihre Voodoo-Puppen auspacken. Und wenn Scoot im Song ‘Serial Killer’ auf einmal "all that saved you was your apathy" singt, dann lädt das zu verschiedenen Interpretationen ein. Es könnte nämlich durchaus Scoots in den (teilweise sehr persönlichen) Texten immer wieder durchschimmernde Apathie sein, die ihn vor dem Gefängnis und wahrscheinlich auch einige mehr oder weniger Unschuldige vor dem sicheren Tod bewahrt.