:  the crystal method  :  electronica mit methode 
 

Dort, wo elektronische Musik gerade bis Rap und R&B reicht, hat sich wieder einmal eine neue Schublade aufgetan. Electronica, als the next big thing proklamiert, öffnet einer europäischen Domäne die Tür, der die USA bislang nichts entgegenzusetzen hatten. Interview mit Ken Jordan von :  Niko Alm  : 
 

Ken Jordan und Scott Kirkland aka The Crystal Method befreiten mit ihrem Debut  "Vegas" einen halben Kontinent aus dem elektronischen Vakuum und gliederten ihn wieder in die Gefilde der kontemporären Popmusik ein. Amerika mußte lange auf dieses Album warten, an dessen Fertigstellung die beiden seit 1992 werkten. Ihre erste 12inch now is the time"Now Is The Time" erschien im Herbst 1994. In der Zwischenzeit bereiteten The Prodigy und ChemBros den Markt soundmäßig auf, sodaß der Zeitpunkt der Veröffentlichung sich ex post als äußerst günstig herausstellte.  
Der Begriff Electronica ist vor allem durch britische Bands etabliert, was vielleicht ein Grund dafür ist, daß amerikanischen Journalisten die pure Elektronik von The Crystal Method suspekt ist und sie infolge ihrer Hilflosigkeit "Vegas" als Mischung aus Rock, Hip-Hop, Electronic und Soul oder als Kombination von American Rock und European Techno etikettieren. 
Hierzulande sind sowohl Akzeptanz als auch Differenziertheit der elektronischen Musik weiter entwickelt und in Clubs sind unzählige Spielarten von Techno zu hören; trotzdem bleiben für diese eine Variante  die Türen verschlossen, obwohl es sich bei den genannten Bands, dort wie hier längst von der Masse geschluckt und verdaut, zweifelsohne um technisch und soundmäßig hochstehende, elektronische Musik handelt. Das liegt zum Teil am Image, das der Massenkompatibilität anhaftet, aber auch an einem Grunddilemma des Konsums technoider elektronischer Musik. Bands laufen dem Konzept einer DJ Kultur zuwider, bei der die Künstler im Hintergrund stehen. Die Konzentration richtet sich auf die Musik und vor allem auf den DJ, nicht auf die Band, die zu sehr von der Musik ablenken würde. Ebenso verhält es sich mit Gesang, erst recht, wenn es sich um einen exaltierten Frontman wie z.B. Keith Flint von The Prodigy handelt. 
Ihrem geringen Bekanntheitsgrad haben es The Crystal Method wahrscheinlich zu verdanken, daß sie trotzdem am 7. April im Wiener Flex auftreten durften, wenngleich das Special Dub Electronic Warmup (Del Campo, Tante, Cpt. Joghurt) den Gästen standhaft entgegenhielt, wie sich Electronica hierzulande anzuhören hat. Die Band war von diesem kühlen Empfang wenig begeistert, "Der DJ heißt MC Shield. He shields people from coming in." Doch eher etwas für Leute mit niedrigem Blutdruck und Grund genug sich ein wenig Crystal Meth reinzuziehen. 
Der Name mit der Drogenkonnotation hat harmlose Wurzeln. Scott und Ken standen beide auf das gleiche Mädchen, Crystal. Sie hatten beide kein Auto und wurden von ihr herumchauffiert. Ein anfänglicher Bandkollege und Rapper nannte dieses Transportservice: The Crystal Method.  
"Das einzige gescheite, was er gesagt hat", meint Ken Jordan, die schwerere Hälfte des Duos. 

Und ihr habt euch beim Auflegen in einem Strip Club getroffen? 
Ken, "Nein. Ist das die Bio vom Jänner? Das ist die einzige unwahre Angabe. Das ist von einem City-Of-Angels-Fax übriggeblieben, 'Ken und Scott sind letzte Nacht verhaftet worden, weil sie deutsche Schafhirten belästigt haben und außerdem haben sie eine neue Single...' 
Ich gehe aber in zu viele Strip Joints. Seid ihr aus Wien? Wie sind die Strip Clubs da? Als ich gekommen bin, hab' ich die Rollerblades angeschnallt und bin ums Hotel gefahren. Da hab' ich etwas gesehen, das 'Sex Cabin' heißt. Was zur Hölle ist das?" 

Vermutlich ein Ein-Mann-Kino. 
"Bei und heißt das Jack Shack. Nicht das ich etwa ... niemals." 
Du hast also nie in einem Strip Club aufgelegt? 
"Nein, ich gehe noch immer in zu viele Strip Joints, aber wir haben nie dort aufgelegt, nur in DJ Clubs.  
Als wir im Jänner in Europa auf einer Promotour waren, hat uns jeder diese Frage gestellt. Ich sagte unserer Plattenfirma, 'Ändert das', aber Sony meinte, sie könnten die Bio nicht mehr ändern, da sie schon verschickt worden wäre." 

Man sagt ihr mischt American Rock und European Techno. Habt ihr wirklich so viele Rockelemente in euren Nummern? 
"Ich habe eigentlich keine Gitarren gesampled, oder? Scott hat auf  'High Roller' eine Gitarre eingespielt und ein Freund von uns, Jon Brior, auf  'Bad Stone', aber das klingt überhaupt nicht nach einer Gitarre. Wir haben jedenfalls keine Gitarrensamples verwendet.  
Wenn die Leute in Amerika eine Band sehen, die eine Platte rausbringt, auf Tour geht und live spielt, dann sieht das für die aus wie eine Rockband. Die sind so beschränkt, daß sie dann so etwas schreiben." 

D.h. eine Band steht auf der Bühne, also ist es eine Rockband. Sie haben aber keine Gitarren, also ist es nur eine halbe Rockband. 
"Exakt." 

Könntet ihr eigentlich Instrumente spielen? 
"Ja, ich spiele Keyboards. Ich hab' sogar Unterricht genommen auf der Uni. Ich spiele aber sehr schlecht und übe nie. Außerdem bin ich mehr Tontechniker und Produzent. 
Scott spielt Gitarre seit er zwölf ist. Er übte immer Mötley Crüe Riffs. 
Ich hab' mir aber nie den 80er-Jahre Mist, dieses LA-Zeug, wie Poison oder Cinderella, angehört. Mein älterer Bruder hat mir Led Zeppelin, AC DC und Jimi Hendrix vorgespielt. Cooles Zeug." 

Wie schaut euer Live-Setup aus? Verwendet ihr Sequencer? 
"Früher war das ein Alptraum. Wir haben meistens am Wochende auf  Raves gespielt und dazu mußten wir unser halbes Studio abbauen, um es mitzunehmen. Jetzt haben wir separates Live-Equipment und müssen unser Studio nicht mehr so zerlegen. 
Es ist sowieso ein ganz anderes Setup. Wir haben einen viel kleineren Mixer und kondensieren soviel als möglich in unsere Sampler. Im Studio haben wir einige, große, schwere, analoge Synths, die in einem ganzem Song nur 'boop, boop, boop...' machen. So etwas samplen wir dann. 
Wir haben eins, zwei,... Wir haben fünf Sampler mit auf Tour.  
Die Leute sagen uns auch manchmal, 'Get a drummer, get a bassplayer!' Fuck! Der Drummer macht nicht die Sounds im Studio; wir machen sie. 
Wenn wir dann mit einer Nummer fertig sind, überlegen wir noch einen halben Tag, einen Tag oder länger, wie wir sie live umsetzen. Wir versuchen die Hauptteile selbst zu spielen; nicht den Bass und die Drums, aber Hooks, Melodien usw. Scott spielt sogar Bass zu ein paar Sachen, aber du weißt schon... (Ken tippt auf die Tischplatte. - Keyboard.) 
D.h. wenn wir spielen, hörst du auch, daß wir manchmal Mist bauen und uns verspielen." 

Ihr liegt also nicht das DAT ein und geht tanzen. 
"Nein kein Band." 

Habt ihr Trixie Reiss, eure Sängerin, mit? 
"Nein, aber wir hatten einmal eine Show in Denver, wo sie dabei war. Das funktionierte ganz gut und ich denke sie wird bei der nächsten Tour mitkommen, wenn wir zurück in Amerika sind. 'Comin' Back', wo sie singt, wird ja die nächste Single sein." 

Was macht sie, wenn sie nicht bei euch singt? 
"Sie ist nicht einmal eine Sängerin. Sie ist eine Künstlerin aus New York. Ein Freund hat mir ein 4-Track gegeben mit lauter wirrem Zeug d'rauf. Es war gänzlich ohne Instrumente aufgenommen, nur ihr Gesang, und dann noch mehr Gesang mit einem ganz üblem Delay. She turned the feedback waaay up and goes: uuuuuuuuuuuuuuhhhhhhaaaaaaahhhhh. Lauter Mollakkorde. Wir dachten, die müssen wir finden.  
Die Vocals für 'Comin' Back' haben wir 1992 aufgenommen. Die restliche Musik auf dem Demo, die Drums und so, klingen jetzt ziemlich peinlich. Wir haben alles außer den Vocals neu gemacht. Wir haben sie auch kommen lassen, um zu sehen, ob sie den Track besser einsingen kann, aber es war nicht so gut wie beim ersten Mal. 
Dafür haben wir, während sie da war, 'Jaded' aufgenommen." 

Euch gibt's jetzt schon einige Zeit und euer erstes und einziges Album "Vegas" enthält alles, was ihr in den letzten fünf Jahren gemacht habt. 
"Nein. Naja, eigentlich war das einzige vorher veröffentlichte Stück 'Keep Hope Alive'. Außer auf diesem Ding sind Bonus Tracks." 

Ja, es gibt zwei. 
"Laß mich mal sehen...Na gut. Die amerikanische Version hat nur 10 Titel. 'Now Is The Time', unsere erste Single, und '(Can't You) Trip Like I Do' sind nicht auf der amerikanischen.  
Auf dieser Version wollten wir noch die erste und die letzte Single dazugeben." 

"(Can't You) Trip Like I Do" vom Spawn-Soundtrack ist im Prinzip euer Song und Filter haben Gitarre und Vocals dazugespielt.  
"Ja, unser Song war komplett fertig. Filter sind gefragt worden, ob sie dieses Spawn-Ding mit Moby machen wollten, aber Moby wurde ja zum ... (Ken spielt Air-Guitar). 
Dann hörten sie ein Demo mit neun fertigen Songs von uns und meinten, sie wollten lieber uns nehmen. Filter haben dann unseren Track in einzelne Parts zerlegt und umstrukturiert. Wir mußten die Nummer dann in dieser Form neu aufnehmen. Mit dem Ergebnis sind wir zu Filter nach Chicago gefahren und haben den Track fertig eingespielt und gemischt. Diesen Teil kann man als Zusammenarbeit bezeichnen, aber das Songwriting war von unserer Seite längst abgeschlossen. 
Ich mag auch was sie dazugegeben haben. Das ist etwas, das wir nicht hätten machen können." 

Ihr habt Remixes für Moby  gemacht, für Keoki etc. Was habt ihr für Black Grape geremixed? 
"Es ist nicht auf ihrem neuen Album, sondern auf dem davor. Der Track heißt 'Reverend Black Grape'. Folgendes ist passiert: Seit 5 oder 7 Jahren gibt es jedes Jahr ein großes Summer Festival, das Lollapalooza heißt. Seit 2 oder 3 Jahren hat Perry Farrell, der Organisator - er war in Jane's Addiction - versucht so ein raviges Event aufzubauen, das parallel dazu läuft mit elektronischen Bands. Es war ein totales Desaster. Auf einem solchen Ding sollten Moby und Black Grape auftreten und ihre Plattenfirma fragte uns, ob wir Black Grape remixen wollten. Wir haben das gemacht, aber dann ist das Festival abgesagt worden.  
In einem Film hört man den Remix aber. Er ist wirklich schlecht und heißt 'Bulletproof'. D.h. die Nummer ist auch auf dem Soundtrack, aber da ist mir etwas danebengegangen. Wir haben den Remix gemacht und denen das DAT geschickt. Da waren zwei Versionen drauf, eine lange und eine kurze. Die erste hieß 'The Crystal Method Mix' und die zweite 'The Crystal Method Edit'. Die haben aber die zweite genommen und auf der CD sieht es so aus, als hätte unsere Arbeit nur darin bestanden den Track zu kürzen. Egal. 
Jedenfalls haben wir ein Jahr lang keine Platten mit unserem Mix bekommen. Wir wollen alles immer auf Vinyl haben. Und dann haben wir den gleichen Manager, den auch Black Grape in den USA haben, engagiert. Schließlich haben wir dann ein Stück auf Vinyl bekommen." 

Also muß man den Manager anstellen, um den Song zu bekommen? 
"Nein. Das ist uns erst sechs Monate, nachdem wir ihr engagiert hatten, eingefallen, 'Hey wir haben einen remix für Black Grape gemacht, hast du eine 12inch'. Er hatte sie." 

Wo werdet ihr euch soundmäßig hinbewegen, Techno, Rock , Vocals? 
"Wir werden versuchen komplettere Songs zu machen, aber nicht notgedrungen mit Gesang. Wir haben ja keinen Sänger in der Band. Ich wünschte, ich könnte singen, aber die Leute würden sich ja umbringen.  
Aber es ist doch so, daß wenn man die Vocals aus deinem Lieblingslied rausnimmt, man den ödesten Song der Welt hat.  
Es ist also sehr schwer einen Song ohne Vocals zu machen und das ist die Herausforderung für uns.  
Ich glaube nicht, daß Prodigy ihren Stil geändert haben, um mehr Platten zu verkaufen. Die waren schon auf der ganzen Welt groß, außer in den USA, aber seit ihrem letzten Album sind sie auch dort erfolgreich.  
Wir machen unsere Musik aber nicht um Top-40-Stars zu sein. Wenn wir das wollten, würden wir überhaupt andere Musik machen. Wir denken überhaupt nicht darüber nach, ob wir mit mehr Vocals mehr Platten verkaufen würden. Wir werden natürlich unabhängig davon weiter mit Gesang arbeiten.  
Wir hoffen auch Platten für andere Bands produzieren zu können. Da wird es vermutlich Gesang geben, aber das sind dann keine Crystal Method Alben." 

Wie lange wird es dauern das nächste Album rauszubringen? Wieder fünf Jahre? 
"Wir haben dieses Album in weniger als einem Jahr aufgenommen, aber wenn man sich aber die Timeline ansieht... it's pretty fucked up. Erster Release vom Album 94, die Platte erscheint 97. 
Seit August, als das Album herauskam, haben wir vielleicht eine Woche zu Hause in unseren Betten geschlafen. Wir werden aber versuchen während der Tour neues Material zu schreiben. Ich dachte, es ginge mit unserem Livegear, aber das Setup ist ein anderes.  
Wir haben uns jetzt ein Apple Powerbook zugelegt, damit wir in einem Hotelzimmer wie diesem ein Babystudio einrichten können mit einem Sampler, einem Synth und dem Mac." 

Könnt ihr mit eurem Livesetup auf das Publikum reagieren? 
"Scott liefert jeden Abend eine gute Show ab, aber wenn die Leute fad sind, kann ich mich nicht überwinden. I can't  fake it. 
Natürlich können wir auch unser Set ändern und ausdehnen. Wir haben aber noch keinen Weg gefunden, um die Songs länger zu machen. Bei uns ist jeder Song als eine Sequence definiert und wir gehen von Sequence zu Sequence. Wenn wir einen Song variieren wollten, müßten wir Sequences innerhalb des Songs definieren.  
Ich hätte auch gerne unser Powerbook auf der Bühne, aber es gibt mir kein gutes Gefühl einen Computer auf der Bühne zu haben wie Aphex Twin. Er drückt PLAY auf seinem Computer und geht auf der Bühne schlafen. Das nennt er dann Liveshow." 
 
:  the end  :