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Das britische Extremlabel “Earache” schickte 4 tourwilige Bands und einen DJ in einem technoid gestalteten Designpaket quer durch Europa. Am 7. Jänner machte das musikalische Kombiangebot auch in Wien halt. Ich möchte euch die Bands nicht vorenthalten. Lest, und bildet euch ein Urteil, ob ihr gerne dortgewesen wäret .  

:  1  Pulkas  : 
 Die Londoner Alternativmetaller sind berüchtigt für ihre psychotischen Liveshows. und haben schon Konzerte in England (klar!), Holland, Belgien und Spanien gegeben. Obwohl sie schon seit über einem Jahr auf Earache sind, ist noch kein Debut veröffentlicht worden. Pulkas sehen sich als tonangebende Vertreter einer “new wave of alterna-metal” in den UK.  

:  2  Janus Stark  : 
Strubelhaariger Kopf dieser Punkband ist Gizz Butt, der Livegitarrist von Prodigy, mit denen er schon den Mut hatte, allein im Vorjahr vor über einr Million Menschen zu spielen. Prodigy schön und gut, aber Gizz bei hat bei dem Einmannprojekt doch nichts zu sagen und  seine Band klingt nun mal ganz anders. Den Namen zu seiner Band fand der Blaukopf bei seinem Hobby, dem Comiclesen. Janus Stark, der Superheld.  
Gizz zum neuen Album: “Das ganze Album ist fantastisch. Es kann dir als Songwriter gar nichts besseres passieren, als wenn es genauso klingt, wie du es wolltest, wenn nicht sogar besser.”  

:  3 Misery Loves Co.  : 
Neben den genialen Northern Territories kommt auch diese Formation aus Uppsala, Schweden. Das Düstermetalduo durchstöbert mit Patrick Wirens Texten die klaffenden Abgründe einer problematischn Seele. Ihr Debut aus dem Jahre 95 klang nach Pantera meets Ministry, Samplebeats und Bratgitarren. Auf ihrer neuen Scheibe “not like them” haben sie Einflüße von frühen Cure und Joy Division bis Neurosis und Brutal Truth verarbeitet. Aber diesmal wurden die Samples meistens als herkömmliche Instrumente getarnt, und somit ein weitaus unbequemeres Gebilde als der Vorgänger erschaffen. Obwohl intensiv in Schwärze gebadet wird, hinterläßt “not like them” auf mich einen etwas  schalen Nachgeschmack. Wahrscheinlich bin ich dafür zu lebensfroh. 
Patrick dazu: “Wir haben uns ins Studio gesetzt und einfach ein Album gemacht, das uns persönlich gefällt. Wenn du darüber zu nachdenken anfängst, was die Leute erwarten, dann hast du schon verloren.”  

:  4  Dub War  :  
Sind nicht nur in England “Stars”, sondern auch hierzulande wegen ihres einzigartigen Sounds und charismatischen Frontmans Benji vielen Crossoverfans ein Begriff. 
Der Sound von Dubwar ist die logische Entwicklung in der Musikwelt: Dub und Reggae verschmelzen mit Metal und Rock. Schwarz trifft auf Weiß, auf beispielhafte Weise. Außerdem haben sich Dub War schon immer verdammt gut mit der Dance Szene verstanden, was meist kreative Remixe auf ihren Maxis zufolge hatte, sei es von den Beastie Boys, Attica Blues oder Nico Sykes.  

:  5  Ultraviolence  :  
Johnny Violent begann 1991 mit einer sehr extremen Form von Techno zu experimentieren, das sich 1993 zu dem entwickelte, was manche Gabber nennen. Ultraviolence ist sicher ein ungewöhnlicher Act auf Earache. Als Johnny den Vertrag mit Food verlor, da sie von ihm Popmusik erwarteten, stachen ihm die Earache Slogans wie “Wir machen die härteste Musik der Welt” in die Augen. Mit einem DAT in der Hand besuchte er das “Metal” Label und sagte: “Ich habe da die härteste Musik der Welt...”. 
Jonny V. zu seinem heutigen Schaffen: “Mein Sound ist sehr hart und schnell. Manchmal zu untanzbar, aber um das geht es nicht. Ultraviolence bedeutet für mich Gewalt in Form von Sound und Emotion, daher verwende ich auch sehr emotionale Melodien. Es soll dein Herz kicken.” Der coole Song “Adultry” macht jedenfalls Neugier auf das kommende Album, obwohl er zuletzt mit dem Konzeptalbum “Psychodrama”, einen Ausrutscher erster Klasse veröffentlichte. 
  

Johnny Violent legte bereits am frühen Abend mit seinem Set los, was nicht unbedingt auf Gegenliebe beim noch spärlichen Publikum stieß. “Heast Oida, wir wolln Metal, net an Techno Schaß”, entkam es deutlich hörbar einer Metalgöre. Doch Johnny ließ sich nicht beirren, seinen wilden Gabber mit peinlichen Samples (“I am ugly - I kill you” oder “Fuck me” etc.) und allseits überbekannten Popmelodien auf die Menschen loszulassen. Fördert man so Toleranz?  
Pulkas hatten die Ehre, die Show zu eröffnen, doch sie wurden von der Wiener Hörerschaft kaum zur Kenntnis genommen, es waren ja vielleicht gerade 30 Menschen anwesend, die sich anscheinend bemühten, möglichst weit weg von der Bühne zu stehen. Dafür bekamen sie eine Pantera-Korn-Musikmixtur, die besonders aggressiv dargeboten wurde. Daß zwischen den Bands immer wieder Herr J. Violent dazwischenfunkte, erspare ich mir weiterhin zu erwähnen.  
Gizz und seine Freunde spielten ihren melodischen Punk (sicher einer der besseren Sorte). Doch wie soll Stimmung aufkommen, wenn der singende und gitarrenspielende Gizz wie ein Zinnsoldat auf der Bühne steht? Die Audienz applaudierte höflich. 
Misery Loves Company waren die nächsten, und mit Sicherheit die düstersten des Abends in der Szene. Im Studio nur zu zweit, doch auf der Showbühne eine richtige Band. Der Drummer setzte sich brav seine Kopfhörer auf, und somit konnte es losgehen. Patricks aggressive Depressionen wurden sehr, sehr Metal-lastig unterlegt, was aber Sound-technisch zu wünschen übrig ließ, wenn man die Studiowerke kennt. Ein paar Samples machen also das Kraut nicht fett, aber eine coole Show war’s trotzdem. 
Die Abräumer des Abends waren jedoch Dubwar. Benji wußte von Anfang an, was zu tun war, um das Publikum zu motivieren. Der rockige Rastamann hüpfte wie wild herum und drückte die Tasten seines kleinen Samplingkeyboards als wäre er direkt mit der Stromquelle verbunden. Zeitweise schien er wie ein Marionettenspieler, der an den Publikumsbeinen Fäden zu ziehen versuchte. Da sprang der Funke hin und her. Gizz mußte mit seiner Gitarre einspringen, da der Dubwar Gitarrist einen familiäres Problem zu verdauen hatte. Jeder andere wäre verzweifelt, die Noten während des Konzertes von den Bodenblättern zu lesen, doch Gizz bremste das Songtempo nur unmerklich. Ein wahrlich abwechslungsreiches und tanzbares Konzert, von romantischer Ballade zum Mördergroover boten Dubwar alles, was man von ihnen erwartet hatte. 
  
Earache hat seine Vielfalt unter Beweis gestellt, doch sollte das Label aufpassen, mit dem Geschmack des Publikums zu kalkulieren. (raal)