:  fear factory  :

text+interview: niko alm

DIE ENTÄUSCHUNG BEI DEN FANS WAR GROSS; 'REMANUFACTURE' BESTAND, WIE SCHON DER NAME NAHELEGT, AUS NICHTS ANDEREM ALS REMIXES DES LETZTEN ALBUMS 'DEMANUFACTURE'. FÜR DIE ENGEN GANGLIEN DER METALFANS AN UND FÜR SICH EINE GÜNSTIGE GELEGENHEIT NEUE NEURONALE VERBINDUNGEN HERZUSTELLEN UND DEN HORIZONT EIN WENIG ZU ERWEITERN. DOCH DIESE MÖGLICHKEIT GIBT ES NUR IN DER BETRACHTUNG VON AUSSEN UND IST DEM SUBJEKTIVEN WAHRNEHMUNGSFELD DER KLASSE EINS ANHÄNGER ENTZOGEN. FEAR FACTORY WUSSTE SICH DARAUF EINZUSTELLEN UND LIEFERT MIT 'OBSOLETE' DAS NAHELIEGENDE VERSÖHNUNGSANGEBOT. DINO LÄSST WIEDER DIE SCHWARTE KRACHEN.

Fear Factory umgeben sich mit sämtlichen Attributen einer ordentlichen Metalband. Einmal abgesehen von der Musik, den harten Gitarren, einer quantisiert-präzisen Doublebass und s.w. findet man am Cover Knochen und ähnlich schmucke Accessoires, die Musiker verdecken mit ihren langen Haaren (jetzt auch nicht mehr) kaum die prominentesten Tätowuren und Texte bzw. Songtitel tragen ein Übriges zu der vom Hörer erwarteten Rezeption des Gesamtprodukts Fear Factory bei. Diese Musik nennt man Metal. Punkt. Der oftmalige Versuch von Fear Factory sich selbst als Harcoreband auszugeben ist genausooft fehlgeschlagen, wie diese bizarre Eigendefinition geäußert wurde. Eigentlich wollten sie damit nur darauf hinweisen, daß sie mit dem Prädikat Metal alleine unzufrieden sind, und das ist nicht nur aus ihrer Sicht legitim. Die Unterscheidungsmerkmale mögen gut versteckt sein, doch sie sind bei eingehender Betrachtung auszumachen. Fear Factory verstehen es bei aller gekünstelter Härte nicht als Poser dazustehen. Ihr Versuch konzeptionell zu arbeiten kann getrost als gelungen betrachtet werden und ihre bevorzugte Thematik beginnt im Bandnamen und zieht sich konsequent durch ihr ganzes Îuvre. Ihre Ausdrucksform ist Metal und der Output sollte im Rahmen dessen gemessen werden. Die Gegenüberstellung Mensch - Maschine - Gesellschaft, die Wehrlosigkeit des Individuums gegenüber Technologie und Überwachungsstaat, ist ein wiederkehrendes Thema in ihren Texten, das auch in der musikalischen Umsetzung angreifbar verwirklicht wird. "Soul Of A New Machine" heißt das hochgelobte erste Album, dessen eigentliches Wesen erst mit der Remix EP "Fear Is The Mindkiller" an die Oberfläche tritt, wenngleich dafür fremde Hilfe in Anspruch genommen wurde. Dino Cazares wollte an den Arbeiten zu dieser EP eigentlich teilhaben, was die kanadische Einreisebehörde aber gekonnt verhinderte. Man kann ja nie wissen ob so ein Mexikaner nicht doch bei Kentucky Fried Chicken Hühner braten will, vielleicht gar ohne Arbeitserlaubnis. So mußten Bill Leeb und Rhys Fulber von Front Line Assembly der Band in Eigenregie bzw. via Telefon zu ihrem Alter ego verhelfen. Die Rechnung am Monatsende war horrend. Mit dem 1995 folgenden Album "Demanufacture" schloß die Band nahtlos an vorangegangene Leistungen an, baute den elektronischen Anteil aus und etablierte ein rigoroses Schema aus gebrüllter Strophe und gesungenem Refrain und vice versa. Analog zu den Remixes für das erste Album unterzog man auch "Demanufacture" einem Überarbeitungsprozeß, den man dieses Mal in die Hände mehrerer Konstrukteure legte, wobei man vorsätzlich ein breites Spektrum von Elektrotüftelei bis zu derbem Primitivtechno abdecken wollte: DJ Dano wurde letzerer Aufgabe mit seinem T-1000 (Hunter-Killer) Mix voll und ganz gerecht. Rhys Fulber, Greg Reely, Tom Holkenborg (Nerve, Junkie XL) und Kingsize sorgten für weitere Abarten. Für Dino Cazares war Remixing immer "ein logischer Prozeß, der nächste Schritt", niemals Füllmaterial für Singles, sondern eine Weiterentwicklung von Songs, die bereits beim Schreiben dafür ausgelegt waren und den Remix in den Erbanlagen hatten. "Cloning Technology" lautet dementsprechend auch der Untertitel von "Remanufacture" und setzt damit auch auf dem Konzept der Vorlage auf. Fear Factorys gesteigertes Interesse für Elektronik wurde leider bzw. zum Glück, je nach Vorliebe, durch die mangelnde Begeisterung der Fans für "Remanufacture" getrübt und der angedeutete Pass doch nicht gespielt. Mit dem neuen Album werden eventuelle Restunstimmigkeiten in der Basis endgültig obsolet werden. Die eindeutige Anlehnung an "Demanufature" bedeutet konzeptionelle und musikalische Kohärenz, Weiterentwicklung und neue Einflüsse werden weiterhin in die Remixes abgeschoben, die es sicher auch von "Obsolete" geben wird. Keine Beschränktheit aber Selbstbeschränkung trotz aller Beteuerungen der Band, "For us, diversity has always been the key", meint Sänger Burton C. Bell dazu. Diese Forderung erfüllt einer am meisten, der eigentlich nicht zu Band gehört; Rhys Fulber, dessen Tätigkeit bei "Fear Is the Mindkiller" in eine fruchtbare Zusammenarbeit bei den folgenden Alben mündete. "Demanufacture" wurde de facto von ihm produziert, da die Band mit dem dreckigen Metalsound von Colin Richardson unzufrieden war und mit ihm alles neu überarbeitete. Als Soundlieferant, Programmierer im Hintergrund und damit Quasibandmember war es nur logisch, daß er auch unter Zuhilfenahme eines weiteren bekannten Mannes, nämlich Greg Reely (Skinny Puppy, Front Line Assembly, 16volt), "Obsolete" produzierte. Der Rest, die eigentliche Band, lebt Diversity eher bei Gastspielen aus: Burton, Dino und Christian Olde Wolbers trugen einiges zu Max Cavaleras neuer Band Soulfly und dem gleichnamigen Debutalbum bei, die beiden letzteren wirkten auch auf Limp Bizkit "Three Dollar Bill Y'alls" mit, Raymond und Dino spielen auch bei Brujeria und diese Liste geht noch ein schönes Stück weiter, doch damit genug und zurück zu "Obsolete". Die 6-monatigen Arbeiten am Album sind abgeschlossen und Dino Cazares gibt erleichtert (Nein, er hat nicht abgenommen.) am Telefon Auskunft über das neue Werk. Das Interview beginnt er mit dem unvermeidlichen, "Bist Du ein Freak?", er ist hörbar bester Laune und findet auch die biedersten Allgemeinfragen sehr lustig, was möglicherweise an seinem Ende unserer Telefonleitung liegt. Amsterdam. Es hat drei Jahre gedauert dieses Album aufzunehmen. Das ist eine lange Zeit. Was habt Ihr gemacht?

Wir waren auf Tour seit 1995. Überall und mit allen. Und zwischendurch haben wir die Remixes veröffentlicht. Wir haben uns einfach Zeit gelassen, um sicher zu gehen, daß es das beste Album wird, das wir jemals gemacht haben. Ich glaube, das haben wir erreicht.

Musikalisch hat sich aber nicht viel geändert. Bist Du mit dieser Interpretation einverstanden?

Ja, es hat sich nicht viel geändert... meinst Du seit "Soul Of A New Machine"?

Eigentlich meinte ich "Demanufacture".

Ha, ha. Du glaubst es hat sich nichts geändert?

Ja.

Gut. Ha, ha.

Ist das gut?

Ha, ha. Glaubst du, daß es gut ist?

Zumeist erwartet man von Bands irgendwelche Änderungen im Sound, aber mir ist dieses Ergebnis auch recht.

Musikalisch wollten wir aus Fear Factory etwas Organischeres machen. Wir wollten in Richtung Prodigy gehen, aber wir konnten nicht, weil wir so viel negatives Feedback auf die Remixes bekommen hatten. Viele Metalfans waren enttäuscht und verwirrt. Sie glaubten, daß "Remanufacture" das neue Album wäre und der neue Sound von Fear Factory ist. Die Kids haben das wirklich geglaubt, und als sie das neue Material hörten war das wie ein Stoßseufzer der Erleichterung für sie, daß wir nicht in diese Richtung gegangen sind. Fear Factory hat aber immer noch etwas von den elektronischen Roots, als wir angefangen hatten, und wir haben mehr Keyboards auf dieser Platte als auf den anderen zuvor, mehr als auf "Soul Of A New Machine" und "Demanufacture". Wir haben viel mehr Melodien und wir haben sogar ein Orchester auf zwei Nummern, nämlich "Timelessness" und "Resurrection". Grooviger wollten wir auch sein, also haben wir mehr Bass eingesetzt als früher. In dieser Hinsicht ist das Album für mich schon anders.

Obwohl mehr Elektronik verwendet wird, bleibt sie nach wie vor ein Stiefkind im Hintergrund und erzeugt ebendort Atmosphäre, greift aber nicht in den Song ein. Dino stimmt zu.

Jedes Album, das wir machen, wird in diesem oder jenem Punkt anders sein. "Demanufacture" hatte auch Keyboards, aber nicht so viele. Die Keyboards waren immer da, um dem ganzen eine gewisse Würze zu geben, aber niemals um über der Musik zu stehen.

Wie ist das mit Rhys Fulber, gehört er jetzt zur Band?

Rhys Fulber hat das Album produziert. Er ist nicht wirklich in der Band, aber er ist definitiv ein stilles, fünftes Mitglied, das uns hilft unseren Sound zu entwickeln. Rhys hat dazu beigetragen unsere elektronische Seite nach außen zu kehren.

Das Cover von "Demanufacture" stammt von Dave McKean. Meine Promo kam leider ohne Cover; wer hat "Obsolete" gestaltet?

Dave McKean hat wieder das Artwork gemacht. Er macht erstaunliche Sachen. Seine Idee für das Cover war wirklich gut. Das Album heißt "Obsolete" und bedeutet, daß die Menschen überflüssig sind. Maschinen haben das Kommando übernommen und die Menschen unterworfen und versklavt. Das Cover zeigt daher ein Menschen-Fossil genauer gesagt ein Spermienfossil.

Ich wußte gar nicht , daß die ein Skelett haben.

Es ist schwer vorzustellen und umzusetzen. Schau's Dir an. Wenn Du die Hülle dann aufmachst, siehst du verschiedene Schädel und so, alles Fossile. Aber Dave McKean macht so etwas mit Stil. Das sind keine blöden Death Metal Totenköpfe, er macht das künstlerisch. Das Artwork alleine ist sehr futuristisch und man sieht sofort, daß viel professionelle Arbeit darin steckt. Uns ist das Artwork sehr wichtig und Dave McKean weiß, was wir wollen.

Wie ist es zu Eurer ersten Zusammenarbeit gekommen?

Ich war ein großer Fan der Sandman-Comics. Wir haben dann die Nummer von seiner Agentur bekommen.

So einfach ist das. Das Thema der Platte: Menschen sind überflüssig, wie äußert sich das?

Wenn du das Booklet aufmachst, findest du eine ganze Geschichte. Es sind zwölf Seiten und es liest sich wie ein Film Script. Es beginnt mit Szene Eins, dann wird der Kontext beschrieben und die Lyrics stehen für den Text der Schauspieler. Dann kommt Szene Zwei, Szene Drei und s.w. In den Texten geht es immer noch um menschliche Gefühle, aber nicht ausschließlich. "Securitron" handelt davon keine Privatsphäre mehr zu haben. Deine Privatsphäre wird dir geraubt. Überall gibt es Kameras, der Staat weiß genau was du tust. Das sind kalte, harte Lyrics. Im Refrain heißt es "No place to hide". Du kannst nirgendwo hingehen ohne beobachtet zu sein.

Du hast ja auch für Soulfly ein bißchen Gitarre gespielt. Wie ist das passiert?

Max war gerade dabei seine Band zusammenzustellen und er wollte eine Show für seinen verstorbenen Stiefsohn Dana spielen, die am ersten Jahrestages seines Todes, glaube ich, oder an seinem Geburtstag stattfinden sollte. Er hatte noch keinen Gitarristen also hat er mich angerufen und ich bin nach Phoenix gekommen und habe alle Songs gelernt.

Für Tom Holkenborgs Projekt Junkie XL hast du ebenfalls einige Gitarrenspuren beigesteuert. Hast Du ihn jemals live gesehen?

Das war cool. Thomas hat für "Remanufacture" einige Remixes gemacht und mich gefragt, ob ich auf seinem Album sein wollte. Auf der Bühne sind sie wirklich gut, aber sie werden noch besser und es ist schwer diese Art von Musik live zu spielen. Aber hast Du jemals "Fear Is The Mindkiller" gehört? Das war lange vorher und wir spielen die Remixes auch live, den "Scapegoat Pigfuck Mix", "Scumgrief Deep Dub Trauma" und "Self Immolation Metal Mix". Diese Nummern machen wir seit das Ding rausgekommen ist.

Und wann sieht man euch wieder live?

Wir spielen einige Festivals im Sommer, Pukkelpop, Lowlands, Bizarre und vermutlich touren wir dann ab Oktober wieder, auch in Österreich. Ich kenne auch jemand in Österreich.

Wen?

Du kennst sie nicht. Sie heißt Barbara. Eine heiße Biene.

Telefonnummer, Adresse? (Aufgelegt.)