: gautsch  :

text: niko alm

"Das ist der größte anzunehmende Unfall - Supergautsch...", meint er selbst; seine erste Single "Den Abend" verirrte sich spätnachts gar einmal zum rotblauen Sender (Du weißt schon, der mit der nordkoreanischen Heiterkeit.) und Gautsch weiß wohl, daß das schlecht für's Image sein kann. Doch er kann beruhigt sein - Pjöngjang dementiert. Aber wir haben es gehört.

Herr Göttsch (24) aus Münster spielt nicht, aber seine abgelatschten Bowlingschuhe transportieren dennoch dieselbe smoothe ?sthetik einer 70-er Jahre Edelkegelbahn, die sich in seiner Musik, den Textsamples und im Booklet seines selbstbetitelten ersten Albums wiederfindet. Gautsch klingt wie diese Tapeten im Booklet, die seine und unsere Kindheit geprägt haben. Mit ihrer ornamentalen Verspieltheit bilden sie den gelungenen visuellen Background einer ebenso verspielten Mischung aus Pop, HipHop und etlichen neueren elektronischen Klassifikationen. Über allem schwingen Gautschs Reime, mal gesungen mal gerappt, immer jedoch in gefinkelter Sprache. Zumal denkt man, daß eigentlich alle Möglichkeiten ausgereizt wären neue Stile zu finden und zu rekombinieren. Doch es sind nur die Grenzen abgesteckt, innerhalb derer Verknüpfungen stattfinden. Kreuzungen gibt es viele und das Netz wird immer engmaschiger werden. An einem neuen Knotenpunkt sitzt Gautsch. Will man trivialere Vergleiche strapazieren kann leicht passieren, daß man mit völlig unzureichenden Erklärungen zwischen Fishmob, Tocotronic und 5-Sterne Deluxe stecken bleibt. "Die meisten kommen einfach nicht zurecht damit, was ich eigentlich will. Einige Kommentare kommen aus der Richtung, ob es jetzt mehrere Ebenen sind oder nur flaches Dahergesülze, jedenfalls da§ sie es nicht verstehen." Musikalisch besteht Gautschs Debut praktisch nur aus Samples, keine Synths, keine Gitarren. Neben dem Plattenspieler ist der Sampler auch sein einziges Musikinstrument. "Gemacht ist alles elektronisch, manchmal hört sich's aber schon so an, als ob es von einer Band gespielt wird. Analoge Elektronik eben oder Samples von irgendwelchen Livebands." - Den Unterschied zwischen einem Loop oder ob es tatsächlich gespielt ist, bemerkt allerdings auch der wenig geübte Hörer. - "Ja, aber es ist ja nicht diese Elektronik im Sinn von Kraftwerk. Nicht so clear, sondern schmutzig, obwohl es poppig ist. Ich hab' auch darauf geachtet, nichts von Sampling-CDs zu nehmen au§er Drumbeats, um die Loops amtlicher klingen zu lassen und das zu verstärken, was im Vinyl fehlt." - Gautsch samplet ausschlie§lich von Platte und ohne Einschränkung alles, was ihm gelegen kommt. - "Altes Zeug, neues Zeug. Zurück bis Hans Albers oder noch weiter: Comedian Harmonists, vielleicht auch als Einflu§ von mir - nicht die Band an sich, aber die Richtung. Ich denk' mir auch nicht, daß ich credible Samples haben mu§, die einer erkennen darf oder nicht. Das ist mir egal. Hauptsache es ist nicht so platt gecovered wie Puff Daddy. Ich will im Endeffekt auch keine Coversongs machen, ich will meine Songs verwirklichen und es sind meistens Melodien, die mir einfallen, wo ich mir die Tasten am Keyboard suche. Dann sample ich mir einen schönen Flötenton und leg' den darunter. Die Melodien sind einfach poppig, weil ich auf eingängige Melodien stehe. Sie ist für mich gut, wenn sie im Ohr bleibt, egal ob das Aqua macht oder Hans Platzgumer. Andere Leute mögen sagen, 'Das ist Ausverkauf. Das ist schrecklich blöd. Wir wollen was Abgefahrenes', aber wenn die Melodie stimmt, dann hat der Song was." Nebst Einzelsounds, Basslines, Loops und s.w. samplet Gautsch auch jede Menge Text. In Zitaten tauchen sowohl Rudi Carrell (beim ersten Mal Hören etwas irritierend) als auch Klaus Lage auf. Den Gastauftritt des Letzteren dementiert Gautsch aber unheftig, "Das glaubt jeder, aber das ist von mir", oder irgendwelchen H?rspielen, quasi als kleine Aufarbeitung der Kindheit, wo Tapeten noch Muster, aber selten Struktur hatten. - "Es ist sowieso alles sehr verspielt, auch die Melodien. Ich mach' halt aus dem Bauch heraus Musik. Ich bin nicht der Typ, der sich ein Konzept überlegt und auf Kampf verfolgt, der sich gedanklich Türme aufbaut. Ich mach' Musik, weil ich Bock d'rauf hab'. Ich setz' mich nachmittags hin und sample Sachen, die dann auch nicht unbedingt Sinn ergeben müssen. Sinn - in so einem Gebäudesinn. Wahrscheinlich auch mit dem Hintergedanken, daß ich nicht ganz blöd bin." Geb?udesinn? Sicher nicht. Und Sinn macht es auch nicht Gautsch in die HipHop Ecke zu stellen. Deutscher Sprechgesang mitnichten. - "Ich kann auch nicht so gut rappen, wie andere Leute und ich will nicht durch die Beats alles an Melodie kaputtgehen lassen. Ich bin nicht so ein Typ, der sagt, jetzt m?ssen die Beats fett kommen. Lieber flacher in der Produktion, dafür melodiöser und sommerlicher." Das Verhältnis Gautsch - HipHop ist dann auch keineswegs so nah, wie man es nach kurzem Reinh?ren meinen m?chte. Vielmehr kämpfte er sich durch sämtliche Musikrichtungen und gelangte so unweigerlich zu seinem eigenen Stil. - "Bei NDW hab ich das erste Mal was verstanden, dann kamen Disco, Funk, Soul, Garage." Nebenbei hat er natürlich immer brav Pop gehört. Von sp?teren Einfl?ssen wie Nine Inch Nails, Front 242 und KMFDM ist jetzt nichts mehr zu hören. - "Ich hab' Phasen mitgemacht bis zu Punksachen, die ich nebenbei höre, die eigentlich sehr uncool sind. Melodypunk wegen der Melodie. Da fallen die guten Melodien noch auf. Ich h?r' immer noch alles, vor allem viel und nicht nur HipHop und Pop." Ganz offensichtlich hat auch die sogenannte Hamburger Schule (Tocotronic, Die Sterne, Blumfeld, Stella, ...) ihre Spuren auf Gautschs Debüt hinterlassen. Ganz direkt sogar in der Nummer "Froh sein", mit einem, zwar durchaus ironisch auslegbarem, insgesamt aber eher liebevollen, etwas umformulierten Tocotronic-Zitat. Von seiner Heimatstadt M?nster aus beteiligt sich Gautsch somit am fast schon traditionellen, freundschaftlichen Hamburger Diskurs-Pop und Pop-Diskurs. Da er keine Instrumente im herk?mmlichen Sinn spielt und die einzigen beiden Gitarrenakkorde, die er kennt, schon f?r eine Nummer verbraucht hat, ist Gautsch auf seinen Sampler angewiesen. Einzig mit ihm f?hlt er sich wirklich imstande, seine bereits in jungen Jahren erworbene kompositorische Technik umzusetzen. Schon mit 14 fertigte er gemeinsam mit einem Freund Tapecollagen, die er mittels Pausentaste zusammenschnitt. Darüber wurde dann noch gesungen bzw. gerappt . Auf diese Weise ist eine erkleckliche Zahl an Songs entstanden, die immerhin "fünf oder sechs 60-Minutenkassetten" gef?llt haben. Ein Bruchstück dieser Kooperation, der Track "Nachdenken", befindet sich dann in aufgemotzter Form auch auf "Woher hat er das?", einem Demo seiner Plattenfirma V2, ehe er schlu§endlich auch auf dem Album landet. Gautsch selbst landet dann auch auf dem Album; sogar vorne drauf. Ist Gautsch so sch?n, da§ er es bis zum Coverstar bringt? "Eigentlich ist es recht uncharmant auf dem Cover zu sein. Ich hab' mir gedacht, wenn du dich der Öffentlichkeit ohnehin als Majordealmensch stellst, dann mu§t du auch auf die Kacke hauen und zeigen wer du bist. Ich bin der Typ, der die ganzen Samples aneinanderreiht und die Texte schreibt und ich bin der Typ, der die †bersicht hat ?ber das Coverartwork, die Anzeigenspr?che, Videogeschichten, ?ber alles. So ein bi§chen Controlfreak. Es ja auch mein Baby, also mu§ ich vorn d'rauf sein." - Mit Krawatte? - "Das ist die Position, die jetzt in mir drin steckt, das fiese Lachen, das Verk?uferm?§ige. ÔKauft die Platte, da ist was Schlimmes drauf.' Ich will, da§ die Leute sich das zumindest anh?ren und Stellung beziehen. Ich will ja auch Leute auf diesem Level, dem Majorlevel erreichen, sonst h?tte ich sie ja auf einem Indie ver?ffentlicht." Trotzdem gab es da nat?rlich anfangs die †berlegung, das Album auf einem kleinen Indie-Label zu ver?ffentlichen. Als jahrelanger schreibender Mitarbeiter des Fanzines "Komm K?ssen" (In seinem Nachruf auf Falco bedauert er, da§ der Wunsch nach einem Duett jetzt nicht mehr erf?llbar ist.) kommt Gautsch ja auch irgendwie aus dem vielger?hmten Underground. Durch verschiedene Praktika bei Plattenfirmen kennt er aber auch die andere Seite, was mitunter sicher zu seiner Rolle als Controlfreak beigetragen hat. Nur nicht zuviel Verantwortung aus der Hand geben, lautet die Devise, nur nicht den †berblick verlieren. Dieses Mehr an Selbstbestimmung war anfangs eines der Hauptargumente f?r die Ver?ffentlichung auf einem Indie-Label. "Aber ich wollte den Schritt einfach machen. Das ist ein Selbstversuch. Wie weit kann ich mit meiner Definition von Popmusik in der tats?chlichen Popmusik kommen. Ich hab' mir dann ?ber die letzte Konsequenz, …ffentlichkeit kennt einen, drei bis vier Wochen Promotour und touren, keine Gedanken gemacht. Wenn man die Chance hat so was auszuprobieren, ist der Reiz, gleich mal auf die Kacke zu hauen und das nicht nur bei einem Indie zu machen, ziemlich gro§. Jedenfalls bei mir. Und ich denke auch, da§ es irgendwie kein Indiealbum, sondern ein Majoralbum ist. Ein Instrumentalalbum h?tte ich nie auf einem Major ver?ffentlicht und wenn nicht andere Leute die Bewegung geebnet h?tten, da§ so etwas sich bew?hren kann, h?tt' ich's auch nicht gemacht. Ich habe ein Chance gesehen, da§ es etwas werden kann. Au§erdem sind die Unterschiede guter Indie - b?ser Major nicht mehr so, wie sich die Leute das vorstellen. Alle wollen verdienen, die Indies haben nur einfach weniger Budget zur Verf?gung." Kleine Einbu§en an Street Credibility in gewissen Szenen macht ein Vorteil wett, den meistens nur Majors bieten k?nnen, weil bei kleinen Labels einfach das Budget nicht ausreicht: die M?glichkeit Singles zu ver?ffentlichen. Von Gautsch gibt es derer vier (Den Abend, Ravem?dchen, K?nig des Pop, Gebogen), jede in eine andere Tapete des Booklets gekleidet, wobei der Meister darauf achtet den K?ufer nicht mit billigen Remixes abzuspeisen, sondern auch neue Tracks miteinzupacken. "Den Abend" geht mit gutem Beispiel voran und bietet nicht nur neue St?cke, sondern sogar den Titeltrack in einer musikalisch alternativen Version. Live verfolgt Gautsch gezwungenerma§en ein anderes Konzept, da seine ersten Versuche als Alleinunterhalter mit Mikrofon und konservierter Musik von DAT auf wenig Verst?ndnis beim Publikum gesto§en sind. Jetzt finden auf der B?hne einige Musiker mehr zusammen, meistens Rekruten aus seiner Zweitband, der Johnny Mix Combo. In diesem Fall ein Schlagzeuger und ein Gitarrist/Bassist. - "Die Samples kommen schon vom DAT, aber die Drumloops sind weg und werden vom echten Schlagzeug gespielt. Es wird eher rockiger, geht mehr nach vorn." Die M?glichkeit Gautsch in dieser Quasi-Bandformation live zu sehen wird sich fr?hestens in den Sommermonaten auf einigen Festivals bieten. Bis zur sicher f?r den kommenden Herbst eingeplanten Tour werden wir uns aber aller Wahrscheinlichkeit nach mit Gautsch solo auf CD zufrieden geben m?ssen.