:  koa hiatamadl mea : die übermalung des provinzialismus

text: michael koscher

"Ich glaube, die wahren Abenteuer finden nicht im Kopf statt. Dort beginnen sie. Denn jedes Abenteuer beginnt mit der Vorstellung davon. Nein, nicht jedes. Es gibt auch jene, in die man hineingerät. Aber sind es dann nicht die Vorstellungen anderer?"
(H.v.G., April 1998)

Die Vorstellungen anderer - genau die hat Hubert von Goisern nach gut zweijähriger Absenz von Bühnen und Plattenmarkt realisiert, indem er vor kurzem seine beiden neuen Alben "Gombe" und "Inexil" vorgelegt hat. Mehr denn je hat er sich weg von der kreativen Songwriter- und Interpretenposition hin zur Produzententätigkeit für Musiker aus Afrika und Tibet gewendet, ohne jedoch auf das Vermitteln von Gefühlen, Stimmungen und emotionalen Verhaftungen in alpenländischer Manier zu vergessen - fast ekstatisch jodelt Hubert von Goisern auf Cut 2 von "Gombe" - ein arger Kontrast nach dem ersten, der sich aus leisen Urwaldgeräuschen konstituiert: Insekten, Urwald und Vogelgezwitscher.
Die Bezeichnungen der beiden Alben sind geographisch motiviert: "Gombe" ist ein kleiner Ort am nordöstlichen Ufer des Tanganijka-Sees. Dorthin reiste Hubert von Goisern, nachdem ihm sein Freund Michael Neugebauer im Winter 1994 die Schimpansenforscherin Jane Goodall vorgestellt hatte. "Aber schon diese erste Begegnung hatte eher die Qualität eines Wiedersehens als des Sichkennenlernens." Es folgte eine Reise nach Afrika, dann eine weitere und nach einem Film "Gombe". Auf dieser CD fließen die Stücke geradezu ineinander, Naturgeräusche und Urwald, Geplätscher eines Schwimmenden im See (obwohl man nicht genau weiß, ob das nun wirklich Jane Goodall ist, so wie im Booklet abgebildet); dazu einheimische Trommler, Freud (und das ist interessant: ein Schimpansen-Alphamännchen, das seine Haare verloren hat und dessen Schreie der Nummer vier auf "Gombe" zugrunde liegen), sowie ein für die Steirischen bis zu Streicherarrangements verantwortlicher Hubert von Goisern sowie Chöre und da herausragend: ein Kinderchor aus Kigoma. Auf Cut 12 leitet er diesen Chor sprech-schreiend und dabei gleichzeitig jodelnd in unverständlichstem Dialekt ein, wobei eine wunderbare Harmonie zur afrikanischen Sprache entsteht.
"Inexil" hingegen bezeichnet nicht direkt einen Ort, sondern ist Ausdruck für die wohl politisch gesehen prekäre Situation, in der sich Tibet momentan befindet. Nach einen erstmaligen Zusammentreffen mit tibetischen Musikern entstand für Hubert von Goisern der Wunsch nach dieser musikalischen Produktion. Im Frühjahr 1996 reiste er nach Tibet und war überwältigt von einem Volk, das sich durch seine Friedfertigkeit auszeichnet, dennoch genauso durch die Unterdrückung durch die chinesische Besatzungsmacht gekennzeichnet ist. Da eine Zusammenarbeit mit Musikern in Tibet nicht möglich war, entschloß sich Hubert von Goisern mit im Exil lebenden Künstlern des Tibetan Institute of Performing Arts im nordindischen Dharamsala, einer Gründung des 14. Dalai Lamas zur Pflege der Tradition des tibetischen Tanzes und der tibetischen Musik, zu arbeiten. Nach Aufnahmen in Indien, lud sich Hubert von Goisern vier der Musiker in sein Studio nach Salzburg ein, wo mit südamerikanischen und europäischen Instrumentalisten "Inexil" seine endgültige Gestalt bekam. Die ganze CD vermittelt Goisern Melancholie und seine Traurigkeit über das politische Schicksal Tibets. Zu den einzelnen Cuts, die übrigens isolierter und eigenständiger als auf "Gombe" erscheinen, erklärt er, worum es darin geht, was an diesem Datum für historische Dinge passiert sind etc. Goisern verwendet auch Teile alter tibetischer Opern, läßt die Musiker zeitgenössisch arbeiten - genauso in einem Zwiespalt wie er früher selbst mit den 'Alpinkatzen'.
Hubert von Goisern hat in zweifacher Ausgabe Brücken geschlagen, Brücken zu anderen Kulturen, anderen Musikstilen und vor allen zu anderen Menschen. "Möge diese Musik Mut zur Begegnung machen".