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Grandaddy sehen aus, als wären sie direkt dem Film "Der einzige Zeuge" entsprungen. Ungekämmt, seltsame Bärte und auch sonst wirken sie nicht so ganz aus diesem Jahrhundert. Aber vielleicht sehen in dem kleinen Kaff Modesto, Kalifornien ja alle so aus. Jedenfalls haben sie eine äußerst nette Platte aufgenommen, die auf sehr angenehme Weise verwirren kann. Traurige Weisen treffen auf fetzige Gitarren, wunderschöne Melodien auf ein billiges Keyboard. "Under The Western Freeway" ist ein Album, das den Hörer jedesmal auf’s Neue überrascht. Am Lagerfeuer in der Prärie unter einem klaren Sternenhimmel mit einer Dose warmen Bud Light in der Hand über das Leben philosophieren. So oder ähnlich muß das Leben in Modesto wohl sein und es klingt wunderschön. "Stay alone, put a record on" singen Grandaddy in "Summer Here Kids" und das kann eigentlich nur "Under The Western Freeway" sein. Wie das mit Grandaddy so ist und was sie vorhaben, erklärt mir Gitarrist Jim Fairchild am Telefon: 

?: Wie habt ihr zusammenfunden? Wie ist die Band entstanden? 

Jim Fairchild:  Also im Grunde war es so: Jason (Lytle, guitars, keys, vocals) hat schon vor Jahren begonnen, Songs zu schreiben und auf einem Vier-Spur-Gerät aufgenommen. Irgendwann war er dann soweit, daß er die Songs eigentlich im Kontext einer Band hören wollte. So hat er sich dann mit Kevin (Garcia, bass, vocals) und Aaron (Burch, drums) zusammengetan. Das sind eigentlich die Originalmitglieder der Band. Sie sind so aufgetreten, haben Songs aufgenommen und so. Vor drei Jahren sind dann Tim (Dryden, piano, keys) und ich dazugestoßen. 

?: Jason ist also das Mastermind. Wie groß ist der Einfluß der anderen Bandmitglieder? 

Jim:  Es ist nicht so, daß wir überhaupt nichts zu sagen hätten. Normalerweise hat er aber den kompletten Song im Kopf und wir helfen ihm halt das zu verwirklichen. Manchmal ist eine Nummer aber auch noch nicht fertig und beim Proben steuern wir unsere Ideen dann bei. Aber Jason hat wirklich ein gutes Ohr und ein Riesentalent für’s Songwriting. Wenn wir uns da jetzt groß einmischen würden, dann wäre das nur aus irgendwelchen Ego-Gründen und das will keiner von uns. Wir sind alle so gute Freunde und wenn Jason uns dann einen Song vorspielt, ist es eh meistens so, daß wir das nicht besser machen könnten. 

?: Was glaubst du sind eure Einflüsse? Im Presseinfo steht ja Pixies, Hank Williams und ELO. Das erste was mir aufgefallen ist, war Neil Young. 

Jim:  Ja, alle vier sind sehr schmeichelnd. Eine andere Band, die wir sehr schätzen, ist Ween. Aber es gibt eine Vielzahl anderer Bands, die wir auch sehr mögen. Es gibt eine Band in Amerika "Home", aber ich glaube nicht, daß die in Europa schon etwas veröffentlicht haben. Und das letzte Radiohead-Album hat alle von uns berührt.  

?: Ihr nehmt ja auch Zuhause, in eurem Home Studio, auf. Seit ihr von der sogenannten "Lo-Fi"-Bewegung und Bands wie Guided By Voices oder Pavement beeinflußt? 

Jim:  Eigentlich weiß ich über Guided By Voices nicht allzuviel. Ich würde gern mal mehr von denen hören, aber das ist so mit einer Liste von 50 Platten, die man kaufen will und sich nur vier leisten kann. Und dann tust du noch 50 dazu und irgendwas fliegt halt raus. Pavement ist definitiv eine Band, die wir sehr respektieren, aber was das "Lo-Fi"-Ding angeht: Ich mag den Ansatz, eine Idee, die man hat, möglichst schnell auf Tape zu bannen und wir machen das auch so. Aber wir versuchen halt trotzdem immer, die beste Aufnahme zu machen, die wir im Moment machen können. Manchmal sind wir durch unsere Fähigkeiten limitiert oder durch unser Equipment, aber auf was wir uns halt schon am meisten freuen, ist, daß wir hoffentlich immer besser werden. Musikalisch und auch bei den Auftritten, daß unsere Aufnahmen auch reifen und wir endlich die Möglichkeiten haben, Aufnahmen zu machen, die uns wirklich zufriedenstellen. Weil das ist es, was wir tun wollen. 

?: "Under The Western Freeway" ist eure erste Platte?  

Jim:  Vor zwei Jahren haben wir eine EP veröffentlicht, die aber nur in Amerika erhältlich ist. Es gab auch ein paar Singles und im Laufe der Jahre haben wir auch viele Tapes rund um Modesto veröffentlicht. Aber alles nur in sehr geringer Auflage, so 50 oder so. Es gibt also schon eine aufgenommene Geschichte der Band, aber halt nur in sehr geringer Stückzahl. Hoffentlich wird das alles einmal in irgendeiner Form das Tageslicht sehen! 

?: Ihr bereitet euch ja gerade auf eine Europa-Tournee vor. Kommt ihr das erste mal nach Europa? 

Jim:  Es ist die erste lange Tour in Europa. Wir waren schon ein paar mal da und haben drei oder vier Shows gespielt im September und Oktober, aber das war sehr limitiert. Hauptsächlich haben wir uns mit Plattenfirmen-Leuten getroffen und ein paar Interviews gemacht.  

?: Was sind eure nächsten Pläne? Was kommt nach der Tour? 

Jim:  Ich glaube, wir werden im Sommer wieder nach Europa kommen und ein paar Festivals spielen und dazwischen hoffe ich, daß wir endlich eine Heimat für unser Studio finden und ein paar Aufnahmen machen können. Das wäre sehr nett, endlich an der zweiten Platte arbeiten zu können. 

?: Habt ihr schon Material? 

Jim:  Definitiv! Als wir "Under The Western Freeway" aufgenommen haben, hatten wir 45 Songs, aus denen wir wählen konnten. Und Jason schreibt eigentlich kontinuierlich neue Songs. Es gibt so viele Songs, wo ich gar nicht erwarten kann, sie in der aufgenommenen Fassung zu hören und zu sehen, was für eine Form sie annehmen. 

?: Was erwartet ihr von dem Publikum in Europa? Glaubst du die kennen euch schon? 

Jim:  Also die paar Shows, die wir gespielt haben waren sehr aufregend, und das Publikum war sehr aufnahmefähig. Es wirkt fast so, als ob die Leute in Europa nicht so verschlossen wären, wie in den USA. Hier ist es manchmal so, daß die Leute mit verschränkten Armen und der Einstellung "Beeindruckt mich!" herumstehen, in Europa sind die Leute einfach Fans von Musik im Allgemeinen, die halt hoffen, gute Musik zu hören zu bekommen. Die paar Shows in Europa waren wirklich sehr nett, ich kann’s gar nicht erwarten wieder hinzufahren! 

(flo)