:  HeadCrash  :   
 

Bis jetzt konnten HeadCrash auf jedem ihrer vier Alben mit einem neuen Line-Up aufwarten. Der jetzige Zustand gilt bandintern als stabil, was angesichts der kathartischen Entwicklung der letzten drei Jahre kaum Wunder nimmt. Mit dem neuen Album hat die deutsch-amerikanische Band ihr eigenes "Lifeboat" aufgeblasen und die Zäsur mit einem Neuanfang überwunden.

TEXT: NIKO ALM

HeadCrashs jüngste Platte "Lifeboat" unterscheidet sich in jedem Blickwinkel, den ein Album bieten kann, von seinen Vorgängern. Die einfachste Erklärung dafür liegt wie so oft in der Chemie der Band, die von ihrer Zusammensetzung abhängt und auf den musikalischen Output rückwirkt. Daß die Chemie stimmt, ist Bedingung für eine gute Aufnahme und macht einen kleinen Einblick in die Geschichte der Band nötig.
Allen Wright, an den Stimmbändern, und Herwig Meyszner (Gitarre) veröffenlichten 1994 gemeinsam mit zwei Programmierern (Ulrich Franke und Fritz Weber) die erste EP 'Scapegoat' ihres Projekts HeadCrash. Fritz Weber beging Selbstmord und überließ die Arbeit am ersten wirklichen Album 'Direction of Correctness' den verbleibenden Bandmitgliedern. Die nach Fertigstellung der Platte folgende Tour erfordete eine ordentliche Liveumsetzung, zu welchem Behufe man drei neue Bandmitglieder rekrutierte: den zweiten Sänger Shane Cooper, den ebensovielten Gitarristen Roger Ingenthron (von den Spermbirds) und den Schlagwerker Nico Berthold. Bassist hatte man trotz zweifacher Doppelbesetzung noch immer keinen, was Shane und Allen heute noch nicht ganz geheuer ist, "We still had no bass player. We had electronic bass which sucked." - "Which was stupid." - "Which was retarded."
Für das Nachfolgewerk 'Overdose On Tradition' spielten sie im Studio eine Menge Bassspuren ein, sodaß das Engagement des ersehnten Bassisten unvermeidlich wurde. Otto van Alphen heißt dieser nunmehr siebte Mann im Line-Up. Bis dahin entwicklete sich das Projekt HeadCrash praktisch über drei Alben hinweg zu einer richtigen Band, der in dieser Form jedoch keine Zukunft beschieden war.
Der große Bruch kam nach der Tour für das anschließende Remixalbum 'the overdose remixes'. Shane, "Die zwei Geschäftsleute in der Band, der Programmierer und der Schlagzeuger, haben die Band verlassen und das war das beste, was uns passieren konnte, weil es die Art und Weise, wie wir Musik machten, total verändert hat." Während des Interviews vermeiden Shane und Allen es tunlichst Namen ausgeschiedener Bandmitgliedern zu erwähnen, Details über das Zerwürfnis plaudern die beiden Sänger ebenso kaum aus, daß es sich aber auch um $$$ gehandelt hat, deutet Allen mehrmals explizit an, "He fucked us over." Die Kabale der Tour haben ein Übriges dazu beigetragen: Shane,"Wir versuchten es solange als möglich durchzuhalten, aber es war Krieg. Im Tourbus ist der Programmierer tatsächlich zwischen den beiden verfeindeten Lagern der Band hin- und hergelaufen und hat hinter vorgehaltener Hand Sachen verbreitet, 'Weißt du, was der eben über dich gesagt hat...?'. usw. I shit you not." Kein Wunder also, daß der Abgang der beiden kaum bedauert wird. "Wenn du Musik machst, mach sie mit Musikern, nicht mit Geschäftsleuten, die zerstören alles, die sollen zu Hause bleiben oder bei den Plattenfirmen." 
Zu den zwischenmenschlichen Unstimmigkeiten innerhalb der Band gesellte sich noch die Unzufriedenheit über ihr altes Label 'eastwest', "They suck. Sie wollten mehr Songs hören, wir haben ihnen keine gegeben. Also haben sie uns fallen lassen, was wir auch wollten. Es war unser Plan von eastwest wegzukommen. Es war aber nicht Teil des Plans, daß uns die zwei Kerle im Dreck zurücklassen. 
Mit Sony sind wir soweit zufrieden und wir werden gut behandelt, aber ein Label bleibt ein Label. Es sind nicht deine Freunde und wenn du nichts verkaufst, waren sie deine Freunde."
Typischerweise gilt es bei einem Label einen Vertrag zu erfüllen, der eine bestimmte Zahl an Alben vorgibt. Mit sechs eher lieblosen Remixes und ebensovielen unspektakulären Livenummern wäre 'the overdose remixes' ein idealer Erfüllungsgehilfe für diesen Zweck. Ich zaubere die CD in freudiger Erwartung verdutzter Gesichter aus meiner Tasche - Allen kann es kaum glauben,"I can't believe you got that thing." Scheinbar ist es ihm nicht recht, daß jemand diese Platte hört, die, wie die zwei auch unverblümt zugeben, man nur gemacht hat, um 1. aus dem Plattenvertrag herauszukommen und 2. auf Tour gehen zu können. Beide Ziele wurden erreicht, auch wenn man sein Hemd an die Fantastischen Vier verkaufen mußte, das auch mittels Consolidated-Remix nicht mehr reingewaschen werden konnte.
Consolidated ist eine Band, die HeadCrash nicht nur schätzt, sondern auch musikalische, textliche und damit vor allem ideologische Berührungspunkte mit ihnen aufweist. Mark Pistel, den sie bei den Aufnahmen zu 'overdose on tradition' in San Francisco trafen, singt beim Track 'Seamripper' "mit seiner tiefen Darth Vader-Stimme", wie sie von Allen überzeichnet charakterisiert wird; und auch ein zweiter Mann stellt gewissermaßen ein Bindeglied der beiden Bands dar. Jonathan Burnside, der mit  Consolidated zusammenarbeitete, sollte ihnen auf 'overdose on tradition' zu ihrem neuen Sound verhelfen, "Wir entwickelten uns in eine andere Richtung und wollten nicht Teil dieser Bullshit-Crossoverszene sein. Wir glaubten etwas Neues zu haben, das wir Intelligent Groove Sound nannten, keine Musik zum Rauf - und Runterspringen. Deshalb wollten wir weg von all diesen Produzenten hier und sind nach San Francisco gegangen, um etwas zu bekommen, das mehr nach Underground klingt." 
Und Jonathan Burnside ließ sich nicht lumpen, "We got fucked up recording. We got something really Underground, a shitty recording for a lot of money." Konsequenterweise wandten sie sich wieder an den Produzenten des vorangegangenen Album 'direction of correctness' und bekamen was sie wollten. 
Promotet wurde das Album, wie es der Band am liebsten ist, via Bühne; denkt man gar nicht an MTV? "Wir haben ein Video für 'Safehouse' gemacht", erklärt Shane, "das MTV aber nicht spielen wollte, weil in einer Szene jemand Koks zieht und in einer anderen ein Mädchen sich umbringen will. Die haben 50 000 Mark für das Video gezahlt. Weitere 5 000 um die Szenen rauszuschneiden waren ihnen aber zuviel, also ist das Ding in den Abfall gewandert." Allen relativiert den Mißerfolg, "In den USA wurde es ziemlich oft gespielt, aber nicht auf MTV, sondern auf vielen kleinen Sendern." Wie auch immer, damit konnte der Zerfall der Band nicht gestoppt werden. Mit Matthias Liebetruth wurde die vakante Stelle des Schlagzeugers zwar nachbesetzt, das Bandgefüge stabilisiert, doch die Neuorientierung nach dem Split schien ihnen nicht gerade leicht zu fallen. Keiner der sechs Musiker die HeadCrash jetzt ausmachen, konnte programmieren, ein Verzicht auf die Elektronik kam nicht in Frage und jemand mußte diese Rolle übernehmen. Shane führt die Analyse dieser prekären Situation ihrem Ausweg zu, "Herwig hat sich Keyboards und die ganze Scheisse gekauft, das Handbuch durchgelesen und nach zwei Wochen konnte er besser programmieren als es der andere jemals zustande brachte." Na also, so einfach ist es. Einstige Probleme sind auch für Allen nur mehr Schemen der Vergangenheit, "Es hat lange gedauert wieder auf eigenen Beinen zu stehen, doch jetzt ist jeder glücklich und alles funktioniert. Jeder in der Band findet das Album gut und ist zufrieden damit. Das war mit der letzten Platte 'overdose' nicht so. Ich habe mir dauernd eingeredet, 'Das ist gut. Das ist gut' und in meinem Hinterkopf ging es, 'That sucks. That sucks.' Wir haben das durchmachen müssen, um zu diesem Album zu kommen."
Die Erleichterung und Zufriedenheit der Band ist verständlich. Mit Otto, Herwig und Roger verfügt HeadCrash über drei Songwriter, die alle gleichermaßen befähigt sind überdurchschnittliche Nummern zu schreiben. So stammen 'Spun' und 'Rubber Raft', zwei Schlüsselsongs des Albums von Otto bzw. Roger, während Herwig ohnehin die meisten der restlichen verantwortet. 
Live hat sich sich mit 'Lifeboat' am wenigsten geändert: die beiden Energiebündel Shane und Allen dominieren weiterhin das Bühnenbild durch Hyperaktivität, während die Präzäsion des DAT-Bandes zumindest die Entbehrlichkeit eines siebten Mannes vor Augen führt.