:  Jazzkantine - viele Köche machen dich high!  :  

  Die Jazzkantine servierte 13 Braunschweiger zum Abendessen, und das gleich zweimal hintereinander. Warum von einseitiger Ernährung trotzdem keine Rede sein kann, lest ihr im folgenden Artikel.

Am verregneten Abend des 17. Mai stand kein Kabarett am Programm des Wiener Metropol: Vor dem Eingang standen so viele Gäste, daß kurzfristig am 18. ein zweiter Termin angesetzt wurde - alleinige Schuld daran trägt die Jazzkantine.

Beide Male sorgte die dreizehnköpfige Band für erstklassigen Groove: trotz zweier nahezu identischer Sets ging ihnen auch am zweiten Abend die Frische nicht verloren. "Respekt ist unsere Aufgabe", verkündeten die vier Rapper gleich zu Beginn, "Fünf ist unsere Nummer" hieß es gegen Ende. Und dazwischen gab es ausgedehnte Instrumentalstücke, die so auf keinem Jazzkantine-Studioalbum zu finden sind. Einmal experimentierten die Musiker mit Posaune und Drum-'n'-Bass Tracks, um wenig später alle Funkhits des kollektiven Popkultur-Unterbewußtseins (Take Five, Pass the Peas...) in ein fetziges Medley zu verpacken. Zwischen Bläsersätzen und Vibraphon-Exzessen blieb auch DJ Air-Knee genug Zeit, sein Scratching-Talent vorzuführen - Rewind, Selector!

Der Jazzcharakter des Konzerts lag darin, daß jedem Musiker genug Platz eingeräumt wurde, um sich mit seinem Instrument persönlich zu entfalten. Da machten die Rapper keine Ausnahme: Aleksey brachte eine Kantinenversion seines Solostücks "Haß mich", während auch Capu, Philipe und Tachi freestylten - so wird bei den Auftritten der Band Hip Hop zu Jazz und vice versa.

Ohne Unterstützung seines Partners Signore Rossi aber dafür im Arztkostüm drohte der Kleine mit dem großen Maul (Tachi), alle Türsteher ins Krankenhaus zu befördern - so ganz ohne Kabarett geht's im Metropol dann anscheinend doch nicht.

Beide Abende ließen die gleiche Tendenz erkennen: Permanent steigendes Stimmungsbarometer im Publikum, zunehmende Ausgelassenheit bei den Musikern. Daß dabei das eine auf das andere wirkte, ist wohl klar.


Wir sprachen mit Capuchino und Tachi über die Jazzkantine, Hip Hop im allgemeinen und private Zukunftspläne im besonderen:

wellbuilt: Worauf legt ihr bei eurer Tour besonders wert, im Gegensatz zu Studioproduktionen:

Tachi: Früher war auf der Bühne alles viel spontaner, inzwischen haben wir eher ein Set-Programm, weil wir eben so viel spielen. Wir müssen das auf der Bühne so durchziehen, damit die Leute alles kriegen.

wellbuilt: Wenn ihr auf der Bühne steht, schaut's ein bißchen so aus, als wären das zwei Bands - die Musiker im Anzug und die Rapper-Fraktion. Wie sehr ihr das? Und wie entstehen eure Nummern, läuft das auf zwei Schienen?

Tachi: Ist auch so.

Capu: Eigentlich sind's noch mehr Schienen. Da gibt's sowas wie Rhythmusfraktion, Schlagzeug, Bass, Keyboards, vielleicht ein bißchen die Gitarre. Wir sind so eine Art Grundband, die die Tracks baut. Was dann noch dazukommt, sind die Gastauftritte. Da kommt dann mal Pee Wee Ellis im Studio vorbei, spielt sein Zeug über den Track und verschwindet dann wieder. Dann gibt's die Rapper, die sich den Song anhören und ihre Texte dazu schreiben.

wellbuilt: Auf eurem aktuellen Album "Geheimrezept" featured ihr extrem viele Gäste - ist es nicht sehr schwierig, ein solcher Konzept auf der Bühne live umzusetzen?

Capu: Jazzkantine war ja nie eine Band, sondern in Projekt. Wir sind natürlich eine Band, wenn wir live auf der Bühne stehen, aber das ist schon was völlig anderes. Und es ist natürlich auch immer wieder so, daß sich die Konzertbesucher Songs erwarten, die wir live dann so nicht bringen können, weil die von irgendwelchen Gaststars kommen - das sind für uns zwei recht verschiedene Dinge, aber das macht auch gerade den Reiz aus.

wellbuilt: Für den Gastauftritt von Ol' Dirty Bastard auf eurem Album hat's ja nicht nur Lob gegeben. Wie seht ihr das:

Capu: Ja, du hast recht, da haben einige Leute dann gemeint, das sei nicht "real" - aber die Jazzkantine war schon immer ein internationales Projekt, und daß die Musiker für ihre Arbeit bezahlt werden, ist doch ganz normal. Unsere Jungs waren mit denen im Studio und haben den Track gemacht - es sah für viele wohl sehr kommerziell aus, aber wir haben kein Problem damit. Ich mag den Song auch sehr gern.

wellbuilt: Wie hat die Jazzkantine-Idee eigentlich begonnen? Das Projekt kam ja etwa zeitgleich mit "Jazzmatazz" zustande.

Capu: Die Rapper waren auf jeden Fall inspiriert von Jazzmatazz, US3 und solchen Projekten, die damals alle sehr trendy waren. Die Produzenten waren schon vorher beeinflußt von Quincy Jones, Back on the Block und solchen Sachen. Und da hat man gesagt, sowas könnte man auch mal machen. In Braunschweig gibt's viele Jazzer, Reggaemusiker etc...Zur gleichen Zeit hat im Nebenstudio "State of Department" aufgenommen, und so entstand eben die Idee, die beiden mal zusammenzupacken. Wir wollten einen kleinen Sampler für den Untergrund machen, wenn wir 10000 Stück verkauft hätten, hätte uns das sehr gefreut. Das hat dann Leute wie Smudo rangezogen. Da hat die Plattenfirma dann zugeschlagen, weil die sich gedacht haben, wenn schon Smudo da mitmacht, dann muß das irgendeinen Sinn haben. Wir waren anschließend viel auf Tour, hatten anfangs nur deutsche Texte und haben alles live gebracht. Jetzt fangen wir an, multikultureller zu werden. Auf Tour sind wir zwar eine Band, aber Jazzkantine ist eigentlich immer noch ein Projekt.

wellbuilt: In den letzten zwei, drei Jahren hat es im deutschen Hip Hop viele Weiterentwicklungen gegeben. Die ganze Szene beginnt langsame auch, kommerzielle Erfolge zu feieren. Ein Projekt wie Jazzkantine spricht nun aber auch Leute an, die sich für Hip Hop eigentlich nicht interessieren und dazu über eine andere Stilrichtung Zugang finden, mehr oder weniger zufällig. Wie seht ihr das?

Capu: Was wir machen, sehe ich als sehr positiv für die deutsche Hip Hop Szene. Ich finde auch die Hitparadensachen okay, weil die Leute dann merken, daß da was geht, und nach Alina auch mal eine Cora E einen Hit landet. Alles in allem finde ich gut, was hier so passiert.

wellbuilt: Tachi, wie wichtig ist die Jazzkantine für die Soloarbeit von Aleksey, Capu und dir? Nehmt ihr aus dem Projekt was mit?

Tachi: Man kriegt aus dem ganzen Jazzbereich schon einiges mit, die ganzen Blue Notes und so. Man wir auf jeden Fall offener und hängt nicht nur in seinem Hip Hop Film, sondern jede Musikrichtung wird mit reingezogen. Wir nehmen alle was mit: Erstmal ein bißchen Geld, was uns alle freut, aber vor allem bringt Jazzkantine auch sehr viele Auftritte. Auch reimmäßig helfen wir uns immer wieder gegenseitig aus. Wir sind ein gutes Team.


von: Michael Huber und Richard Pettauer