:  massive attack  :        
  

Morgendämmerung, coming down, chill out zone, eine seltsame Vorahnung was der kommende Tag vielleicht noch alles bringen könnte - das ist die Stimmung die das neue Massive Attack Album "Mezzanine" geprägt hat. Vieles hat sich seit den beiden Vorgängeralben geändert, nur das Schwert eines gewissen Damokles wirft nach wie vor drohend seine Schatten ...

"Die Idee ist, daß du die ganze Nacht auf warst. Du bist richtig spacig drauf. Das Tageslicht kriecht langsam zwischen den Vorhängen hinein, du willst dich verstecken... Leute gehen zur Arbeit, Busse fahren, Milchmänner drehen ihre Runden - du willst dich an all das anpassen, aber du kannst einfach nicht..."
3D ist ausgesprochen freundlich und nett - ich hätte mit mehr Arroganz gerechnet, immerhin sind Massive Attack nicht nur berühmt und erfolgreich sondern gelten auch als Vorreiter und vielleicht die Begünder des Musikstils der 90er: Triphop. Bis jetzt waren Massive Attack mehr für trippige mainstreamkompatible Sounds zuständig. "Mezzanine"  geht da um ein Vielfaches tiefer und schlägt weitaus dunklere Wege ein, kein Promenadenspaziergang sondern vielleicht sogar ein musikalisches Bekenntnis zur Langsamkeit und zum Underground. 
"Es war keine bewußte Entscheidung, wir waren einfach im Studio, und das ist dabei herausgekommen," werden jegliche Spekulationen aus der Welt geschafft.
Viele der Stücke sind nicht nur deep in irgendeiner Weise, sondern richtig "tragic and desperate", schlichtweg ergreifend. "Group Four" z.B. ist bedrückend und bedrohlich, und - wie fast alle Stücke - von einem hypnotischen Groove durchzogen. Aber da ist 3D anderer Meinung: "Das ist eigentlich nicht tragisch, sondern eher hoffnungsvoll." Soviel zur subjektiven Wahrnehmung von Musik.

 "Mezzanine" hat viele Neuerungen mit sich gebracht, am offensichtlichsten wahrscheinlich den vermehrten Einsatz von Gitarren, der aber ebenso wie die neue Tiefe unbewußt entstanden ist, vor allem über den Einfluß von Live-Auftritten.
 Wie auch schon auf  "Blue Lines" (1990) und "Protection" (1994) finden sich auf "Mezzanine" mehrere Kollaborationen mit unterschiedlichen Vocalisten. Elisabeth Frazer, bekannt von den Cocteau Twins, veredelt beispielsweise die aktuelle Single "Teardrop". "Es stand in den Sternen, daß wir zusammen arbeiten werden. Wir haben nur solange gewartet, bis Elisabeth nach Bristol gezogen ist." Ein weiterer Grund für die für Massive Attack typische Zusammenarbeit mit Sängerinnen ist die Befürchtung, daß das Ganze sonst zu männlich-ego-betont ausfallen könnte. 
Die Liste derer mit denen Massive Attack in ihrer nunmehr elfjährigen Bandgeschichte zusammengearbeitet haben läßt sich herzeigen: Sie reicht von Tricky, über Nicolette und Everything But The Girl's Tracy Thorn bis zu Madonna. Als durchgehende Konstante erweist sich aber neben Sara Jay nur Horace Andy - eine Kollektion seiner Werke erscheint übrigens auf dem Massive Attack-eigenen Label Melankolic. 
 Obwohl es, wie gesagt, zu einem Charakteristikum Massive Attacks gehört, ständig mit neuen Stimmenlieferanten zusammenzuarbeiten, hat die Band doch eine recht ambivalente Einstellung zu solchen Kollaborationen: "Sehr oft bringt dich Zusammenarbeit mit anderen weiter, aber sie kann dich genauso auch davon abhalten, dein eigenes Ding zu tun". 

Auch Björk hat für "Mezzanine" eifrig an Lyrics gebastelt. Dabei hat sich aber ein nicht ganz nachvollziehbares Problem ergeben. "They were so "björk" that noone else could sing them!" Warum die Dame dann nicht einfach selbst ins Studio gekommen ist kann 3D nicht wirklich beantworten. Tatsache bleibt auf jeden Fall, daß auf "Mezzanine" letztendlich keine Texte von Björk vorkommen. Für Hardcore-Fans heißt es aber auf jeden Fall die Single-B-Seiten im Auge zu behalten. Man weiß ja nie ...

Die Gefahr, daß das Publikum live enttäuscht werden könnte, da ein Großteil der Songs ja gesanglich nicht annähernd an die Albumversionen herankommen kann, gibt es für die Band auf jeden Fall nicht. "Sicher stört es manche, weil sie einen bestimmten Song mit einer bestimmten Sängerin hören wollen oder so. Trotzdem glaube ich nicht, daß die Leute live etwas vermissen, es ist ja etwas Neues und ganz Anderes." Klar, muß es irgendwie ja auch sein. 
Live werden Massive Attack übrigens von Alpha, deren Debut ebenfalls auf Melankolic erschienen ist, supportet. Die Beats dieser New Comer sind genauso langsam, auch die Melodien traumverwoben wie die ihrer Schutzherren - dafür aber dominieren bei Alpha, weit entfernt von jeglicher Düsternis, helle Pastelltöne.

(maia)