:  senser  : 

Als 1994 "stacked up" erschien, gerieten Senser mit ihrem sensationellen Debut zwischen Fronten, die damals noch Genrepuristen zu verteidigen suchten. Vier Jahre später ist das Niemandsland zwischen Rock, Hip Hop und allen anderen Spielarten elektronischer Musik längst erschlossen, und spätestens seit Prodigy und Konsorten Allgemeingut. Vier Jahre in denen sich auch bei Senser allerhand getan hat. 1994 propagierten sie ein "Age of Panic", 1998 bieten sie uns Asyl irgendwo zwischen Nicolette, Atari Teenage Riot  und Helmet. Thomas Weber sprach mit Neofront-Frau Kerstin Haigh über den Zweitling „Asylum“, und findet mehr und mehr Gefallen an den zehn neuen Songs. Interview von :  Thomas Weber  :
 

Wenn ich mir Eure beiden Alben hernehme, dann ist rein optisch eine ziemliche Veränderung eingetreten. Das neue Cover unterstreicht gleich einmal einen neuen Schwerpunkt  "Weiblichkeit"...  

Klar, es hat sich innerhalb der Band so viel verändert, da bot sich ein radikaler Bruch nur so an. Irgendwie hat sich das aber alles einfach so ergeben. Das Artwork mußte allein schon durch die Entwicklung der Computer in den letzten Jahren und die damit einhergegangenen neuen graphischen Möglichkeiten anders ausfallen. Aber die für unsere Fans offensichtlichste Veränderung ist natürlich, daß jetzt ich sozusagen der Band vorstehe. Heitham hat ja die Band verlassen und geht jetzt mit Lodestar eigene Wege. 

Was hat sich für Dich persönlich durch den Umstand, daß jetzt Du im Zentrum des öffentlichen Interesses stehst verändert?  

Das kann ich Dir eigentlich gar nicht so genau sagen. Sicher hat sich einiges verändert, aber daran haben wir uns alle langsam gewöhnt. Wir veröffentlichen nach vier Jahren ein neues Album, da sieht für die Öffentlichkeit vieles ganz neu und anders aus. Für uns als Band liegen die Veränderungen aber zum Teil schon Jahre zurück. Wir sind in dieser Zeit langsam in unsere neuen Rollen hineingewachsen. 
Sonst, na ja. Ich habe mich über die Gelegenheit eigene Texte zu schreiben gefreut ...  

... die diesmal ja nicht im Booklet abgedruckt sind.  

Stimmt. Wenn ich darüber nachdenke, dann war das aber eigentlich eher unbeabsichtigt. In den Tagen an denen es in Druck gehen sollte ging es drunter und drüber ... und dann war es zu spät. 
Den Text zu „Book of Flies“ hätte ich aber ohnehin nicht abdrucken wollen. Versteh mich jetzt nicht falsch, natürlich steh´ ich zu den Lyrics, außerdem kann sie ja ohnehin jeder hören. Ich bastle da mit dunklen Gefühlen und Düsterheit herum, spiele damit, und diese Gefühle kann jeder für sich selbst heraufbeschwören, aber abzulesen braucht sie niemand. 
Diese dunklen Elemente tauchen dann in "Charming Demons" wieder auf. Die Lyrics basieren auf einem Traum den ich hatte, als ich mit dem Walkman an eingeschlafen bin. Ich bin aufgewacht als gerade eine frühe Version von „Book of Flies“ lief. Ich war total verstört und fühlte mich zu Tode erschreckt. In meinem Traum hatte mich ein teufelähnliches Wesen manipuliert. Genauer möchte ich darauf jetzt nicht eingehen, aber es war wirklich beängstigend. Den ganzen nächsten Tag fühlte ich mich etwas zurückgeworfen. Ich hab` ja jetzt ein Baby mit meinem Freund, das Baby hat mich doch etwas `down to earth´ gebracht. 

"Senser machen Tanzmusik für Leute die normalerweise keine Tanzmusik mögen", so hat vor vier Jahren jemand versucht Eure Musik zu beschreiben. Wie stehst Du zu dieser Definition?  

Ich hoffe doch nicht, ich meine, ich hoffe, daß unsere Fans Dance Music mögen. Damals haben wir Dance Music und Metal vermischt, weil wir etwas neues probieren wollten. Zu diesem Zeitpunkt war das vielleicht noch etwas ungewöhnlich, aber heute ist es das ganz bestimmt nicht mehr. Wir machen Musik für offene Menschen, und wenn Leute Senser hören, die bis jetzt mehr oder weniger nur Metal gehört haben, dann entdecken sie vielleicht durch uns etwas neues. 

Ganz generell hat sich in den letzten Jahren doch offensichtlich einiges verändert. Senser grüßen in ihrem zweiten Album: Sepultura, Tool, Björk, P.J.Harvey, Radiohead und die Beastie Boys...  

Ganz klar, alle sind - zumindest musikalisch - um einiges offener geworden. Vor einigen Jahren wären auch Metallica von ihren Fans verlassen worden, wenn sie mit einer Band wie Oasis gejamt hätten... 
Ich persönlich fühle mich jetzt um einiges glamuröser als vor einigen Jahren. Auch sexier. In unserer Musik ist jetzt sehr viel mehr Gefühl. 

Was denkst Du Dir eigentlich, wenn Du heute "Stacked up" anhörst?  

Es klingt alles irgendwie sehr kindisch, naiv. Ich mein, für die damalige Zeit war es ein tolles Album, aber es hat sich doch einiges verändert. Senser 1998 kann eigentlich überall aufgelegt werden; von einem Indie DJ, einem Metal, Dance oder Techno DJ. 
 Ich weiß nicht, ob Du dieses Gefühl kennst. Fünf Jahre später hörst Du eines Deiner damaligen Lieblingsalben, und Du mußt irgendwie lächeln. Das ganze nochmal fünf Jahren später gehört gibt Dir dann Geborgenheit. Es erinnert Dich an die Vergangenheit, es eröffnet Dir nostalgische Gefühle. So gesehen wird „Stacked Up“ in fünf Jahren ein Album für Nostalgiker sein.