:  shy  :
... die Verweigerung der Bauchmusik darf ruhig auch in die Füße gehen ...

text: thomas weber

In die Füße gehen, das soll die Musik von SHY sogar. Zumindest sind die fünf Oberösterreicher mit diesem Anspruch ins Studio gegangen und haben im Vergleich zum fast schon symphonisch und orchestral arrangiertem Vorgänger "Pullover" zwölf neue, teilweise tanzbare Nummern aufgenommen. Dann lassen sie ein wenig den Weltbürger raushängen und stellen eine Frage in den Raum. Keine Rhetorische wohlgemerkt, sondern eine Aufforderung nachzudenken falls nicht, eben "¿Comprende?"; ein kleiner Geniestreich.

Zwar klingt das häßlich, aber SHY machen intelligente Popmusik. Mehr oder weniger erfolgreich sogar, was um so mehr verwunderlich ist, denn spontan fallen nicht viele Bands ein, die den Spagat zwischen intellektuellem Anspruch, Popsongformat und gleichzeitigem Erfolg geschafft haben, geschweigedenn unbeschadet. Auch wenn SHY in Österreich (wo alles, was über die Fünfhundertergrenze geht schon an eine Sensation grenzt), immer weit über tausend CDs verkaufen, ihren Erfolg messen sie an der breiten Anerkennung ihrer Arbeit. "Wir haben als Kriterium für unseren Erfolg nie Verkaufszahlen gewertet," so Peter Lang im O-Ton, "Es ist in Österreich ja sowieso Wurscht, ob Du tausend oder zweitausend CDs verkaufst. Der Verkauf ist relativ egal, vor allem wenn Du bei einer Firma bist, wie wir. Der Gewinn ist so oder so minimalst. Für uns war immer wichtig, daß wir in Kritiken gut wegkommen, daß wir von den Medien anerkannt werden. Wir haben ja doch einen eigenen Stil, der wirklich nicht auf Teenager ausgerichtet ist, wie viele andere Bands, gerade im Popbereich. Wir sprechen doch eher Erwachsene an, also ich sage jetzt einmal "denkende Menschen" dazu."

Die zwölf Nummern auf "¿Comprende?" sind wohl auch als eine ganz klare Absage an Bauchmusik, reine Emotionalität und Berechenbarkeit zu werten. Wunderbarer Pop mit Kanten, der es immer wieder schafft, Schemata und (scheinbar) deppensichere Erfolgsrezepte zumindest anzukratzen. Der Opener "Popsong" geht da gleich mit gutem Beispiel voran. Eingebettet in klassischen britischen Pop erklärt Sänger Andreas Kump eben dessen klassisches Schema. Die Nummer beginnt mit der Erklärung "popsong strophe refrain", bietet einige interessante Wortneuschöpfungen ("beatlesaufgußgetränk", "gitarrenverstärkermuseum") und endet mit einer klaren Stellungnahme zur billigen Britpop-Propaganda: "nieder mit den feiglingen und ihrer republik". Dazwischen unterbricht sich Kump auf einmal selbst ("schluß! genug! jetzt kommt gleich das break! achtung! achtung! das supersuperbreak!") und nahtlos verwandelt sich der klassische "Popsong" in eine House-Nummer.

SHY gehen mit offenen Augen und Ohren durch die Welt, und in ihrer Arbeit durchaus sehr selbstkritisch und selbstreflexiv an die Sache heran. Wie heißt es an anderer Stelle so schön: "es braucht die welt bloß mut, dann ändert sich das alphabet". Textlich schwingt im Hintergrund ständig tiefgründiger Sarkasmus mit. "Wir haben das irgendwann einmal so erklärt: Unsere Texte spiegeln diese typisch österreichische Angewohnheit des Suderns und ein bisserl Meckerns wieder. Das steckt in unseren Texten, wenn auch immer mit einem Augenzwinkern. Es wird ja sehr viel Kritik geübt, auch durch die Worterfindungen. SHY sind ja sehr medienkritisch, also das ist irgendwie ja alles Meckern." Begründetes Meckern aber, zumindest kein unangebrachtes, absolut keine Bauchmusik eben. "Also den Kopf muß man bei uns schon einschalten. Und daß wir es mit diesem Stil soweit gebracht haben, das macht für uns eigentlich den Erfolg aus."

Immer wieder pinkeln SHY ins Publikum; im übertragenen Sinn. Auf FM4-Festen zum Beispiel. Altersmäßig siedelt sich das typische SHY-Publikum normalerweise irgendwo zwischen 18 und 40 an. Auf FM4-Festen, auf denen SHY des öfteren live auftreten, ist das Publikum aber zumeist wesentlich jünger. "Wenn wir da zum Beispiel an einem Abend mit Schönheitsfehler und Heinz spielen, dann fühlen sich von uns viele vor den Kopf gestoßen. Schönheitsfehler zum Beispiel spielen einen Beat das ganze Konzert hindurch und schreien immer wieder "Springt! Springt! Springt!" ins Publikum. Da hupft der ganze Saal, ohne noch irgendwie auf den Text horchen zu müssen. Daran kann man auch sehr kritiklos herangehen. Das funktioniert bei SHY nicht." Trotzdem ist "¿Comprende?" im Gegensatz zu "Pullover" wesentlich tanzbarer und (nicht nur musikalisch) bewegender ausgefallen. "Unser letztes Album war ein bisserl aufgeblasener, weil wir mit Streichern und Bläsern gearbeitet haben, weil die Popsongs irgendwie noch klassischer waren als auf "¿Comprende?". Außerdem waren da einige hymnenhafte Sachen dabei, die wir diesmal ausgespart haben. "¿Comprende? " ist viel einfacher und geradliniger. "Der Hintergedanke für all diese Veränderungen war aber - zumindest nicht vordergründig - nicht ausschließlich die bessere Tanzbarkeit. "Lockerheit, die hat uns auf "Pullover" ein bißchen gefehlt Auf der Pullover-Tour haben wir voriges Jahr an die dreißig oder fünfunddreißig Mal live gespielt. Dabei haben wir gemerkt, daß, wenn wir nicht live neue Songs oder auch ältere, tanzbare Nummern gespielt haben, dann ist das einfach nicht in die Füße gegangen Den Leuten hat es aber trotzdem immer wahnsinnig gut gefallen. Wir habens ja relativ leicht in Österreich, weil wir die Zuneigung vieler Medien genießen. Durch die vielen positiven Kritiken, die immer wieder über uns geschrieben werden. Gerade "Pullover" ist da teilweise richtig abgefeiert worden. Aber wir haben einfach selbst gemerkt, alles ist irgendwie zu wenig schwungvoll. Das war eigentlich der Hauptgrund, es einmal mit flotteren und tanzbareren Arrangements zu probieren."

Auf der Bühne spielen SHY aber trotz des vermehrten technischen Einsatzes nach wie vor hundert Prozent live. "Wir haben zwar überlegt, auf DAT zu programmieren. Das Problem dabei ist aber, daß man dabei auf Click spielen muß. Also entweder hat der Schlagzeuger das Click im Ohr oder auf der Monitor-Box ganz laut das Band rennen, auf dem die Rhythmen drauf sind und spielt dazu. Gefährlicher Faktor daran ist, daß sehr leicht irgend etwas ausfallen kann oder sehr leicht etwas überhört wird und man aus dem Rhythmus kommt. Außerdem lebt dann auch die Musik nicht mehr, wird auf eine andere Art wieder statisch und es bleibt kein Raum mehr zur Improvisation. Wir sind live, glaube ich, das geworden, was man eine ausgezeichnete Live-Band nennt. Durch dieses viele Spielen zwei drei Jahre hindurch, sind wir wirklich irrsinnig gut eingespielt. Da genügt Augenkontakt mit den anderen und jeder weiß, OK, da hängen wir jetzt noch was dran an die Nummer. Das alles funktioniert natürlich nicht mehr, sobald ein Band mitläuft, da gibt’s dann keine Chance mehr, in dieser Richtung etwas zu verändern."

Live werden SHY jetzt vorerst quer durch Österreich tingeln und zumindest einmal in jeder Landeshauptstadt auftreten. "Im Dezember geht’s einmal für drei Gigs nach Deutschland, wahrscheinlich gemeinsam mit Studio Grande. In Deutschland haben wir einen Vertrag mit SPV-Records, also eigentlich mit C-CLO Records, das ist ein Unterlabel von SPV. Wir sind dort jetzt außerdem bei einer Konzertagentur im Programm. Wir haben das absichtlich aufgesplittet. Die Leute von WIPEOUT haben uns da Tips gegeben, wie das in Deutschland am besten anrennt. Die sind ja doch schon relativ lange im Business." Das Medienecho aus Deutschland steht aber noch aus. "Frühestens Ende November wird eine Maxi-Single erscheinen, wahrscheinlich "Seltsam". Es ist aber auch noch nicht ganz geklärt, welche zwei Nummern da noch drauf sollen. Es gibt so drei Nummern, die als Singleanwärter gute Chancen haben: "Seltsam", "Ein Schicksal in nur einem Leben ist uns einfach nicht mehr genug" und "L´alibi lovesong", wobei letzterer aber wahrscheinlich ausfaden wird. Da muß man einfach Kompromisse eingehen; weil niemand eine Nummer spielt, die fünf Minuten lang ist. Außerdem kommt eine Vinylsingle heraus, noch von "Pullover", das wird "theme from a summer place" sein, wahrscheinlich mit Remixes drauf. Vertraglich haben wir aber für alle Fälle festgehalten, daß es für die Plattenfirma nicht die Möglichkeit gibt, das Album nicht zu veröffentlichen, falls die Single nicht ankommt. Also insofern haben wir uns auch abgesichert." Shy, eine mutige Band. Hier ist Verherrlichung angebracht.