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Es war einmal ein verschlafenes Nest irgendwo in Südwales, das sich Cwmaman (sprich: Cjumaman) nennt. Es war nicht viel los, die Arbeitslosigkeit ziemlich hoch und überhaupt gab es kaum Perspektiven. Entweder man resigniert, schnappt sich den ersten Job, den man ergattern kann und verbringt sein Leben mit harter Arbeit. Oder man gründet eine Band und zieht aus, um die Welt zu erobern. 

 

Kelly Jones (guit., voc.), Stuart Cable (drums) und Richard Jones (bass) haben genau das getan. Nach jahrelangem Herumtümpeln ist 1997 plötzlich alles aufgegangen. Ihr Debüt "Word Gets Around" wird auf V2-Records, dem neuen Label von Virgin-Gründer Richard Branson, veröffentlicht, eine Headlining-Tour auf der Insel verläuft äußerst erfolgreich und jetzt sitzen sie mir als Vorgruppe von Supergrass gegenüber. Kelly, Stuart und Richard (der wunderbar den Typ des schweigsamen Bassisten verkörpert) geben mir also einen Einblick in ihre Welt: 
 

Seid ihr das erste Mal in Wien?
 

Stuart: Ja. Es sieht sehr nett aus, auch wenn wir von den Städten in denen wir spielen kaum etwas zu Gesicht bekommen, weil wir nur zum Gig fahren und im Bus schlafen. Morgen fahren wir schon wieder weiter in die Schweiz, wir haben nicht die Möglichkeit, uns was anzuschauen. Wir waren jetzt schon drei mal in Deutschland und haben von dem Land noch nichts gesehen. Das ist schon irgendwie komisch.
 
 

Seht ihr euch als Teil der Britpopszene?

 

Kelly: Nicht wirklich. Wir wollen auch eher Teil einer internationalen Szene sein und nicht nur der britischen. Und weil wir aus Wales kommen, sind wir auch eher Teil der Waliser Szene mit Super Furry Animals und den Manic Street Preachers und nicht so sehr der Cockney-Szene, wie Blur oder Pulp.
 

Glaubt ihr, daß eine Britpopszene überhaupt noch gibt?
 

Kelly: Ich glaube jetzt nicht mehr. Vor eineinhalb Jahren da gab es ein sehr große Szene. Aber das ist nur ein Medienschlagwort. Die Bands gibt es ja teilweise seit sieben Jahren und nur weil jemand mit bestimmten Singles erfolgreich ist, wird dann gleich eine bestimmte Szene geschaffen. Blur haben jetzt das sechste Album und Pulp das siebente, also die Bands gibtís wirklich schon länger. Das ist nur ein Mediending, so wie die Seattle-Szene oder die Manchester-Szene.
 

Was bedeutet "New Welsh Wave Of Cool"?
 

Stuart: In den letzten Jahren war es immer so, daß wenn du eine Platte machen willst, mußt du nach London gehen. Dann sind die Supper Furry Animals und die Manic Street Preachers in Wales aufgekommen und die Plattenfirmen haben nicht nur in London nach guten Bands gesucht. Und der einzige bekannte Musiker aus Wales war jahrelang nur Tom Jones... wir hatten einfach keine guten Rockbands.

Kelly: Also es ist ziemlich selten gewesen, daß aus Wales eine gute Band kommt. In den letzten Jahren kamen halt einige, also hat uns die Presse die Erlaubnis gegeben, "cool" zu sein.

 
Ihr wurdet oft als die neuen Manic Street Preaches beschrieben. Was denkt ihr darüber?
 

Kelly: Das war letzten März. Als wir herauskamen, wurden wir als die Manic Street Preachers, Police, Jam, Nirvana beschrieben und am Ende konnte keiner mehr sagen, was wir sind. Das Album klingt nicht nach einem Sound, es ist sehr verschieden. Jeder Song ist anders als der davor. Das Einzige, das uns verbindet, ist, wie wir spielen. Ich glaub am Anfang einer Karriere muß man zwangsläufig mit irgend jemanden verglichen werden, damit es einen Anhaltspunkt für die Leute gibt. Aber als unser Album dann draußen war, haben alle nur mehr über die Songs und Texte gesprochen. Die Vergleiche sind also langsam verschwunden.
 

Als ich eure Texte das erste Mal gelesen hab, sind mir sofort die frühen Springsteen-Songs eingefallen. Kleinstadt-Geschichten, kein Ausweg, sehr traurig,...
 

Kelly: Ja, das hat man uns auch schon gesagt. Aber wir haben halt alle unsere Einflüsse, von Billie Holiday bis Otis Redding, die Sex Pistols, Creedence Clearwater Revival, Kinks, Beatles, Neil Young. Und all das stopfen wir zusammen und kommen mit unserem eigenen Ding heraus. Springsteen ist nicht so sehr unser Vorbild.
 

Was sind eure Idole?
 

Kelly: Als Kind wollte ich immer Angus Young sein! Ich hab sogar ein Foto, um das zu beweisen. Deswegen hab ich auch eine Gibson SG. Ich will Angus Young sein! Meine erste Platte war auch von AC/DC.
 

Ihr habt ja mit so großen Bands wie The Who oder Skunk Anansie gespielt, habt ihr von denen etwas gelernt?

 
Kelly: Man kann viel von anderen Bands lernen. Aus ihren Fehlern, und man sieht, was man tun soll und was man vermeiden sollte. Ja, da war ziemlich viel Glück dabei. Wir waren halt immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Wir haben einige Konzerte als Support-Act gemacht, und als wir dann auf Headlining-Tour waren, waren die Konzerte ausverkauft. Es ist immer besser vor anderen Fans zu spielen, als vor einer leeren Halle. Wir spielen als Vorgruppe und stehlen dem Hauptact die Fans...

Stuart: Ja, und wenn wir Hauptact sind, stiehlt unsere Vorgruppe unsere Fans!

 
Ihr habt ja im Sommer die Festivals in England durchgemacht?

 
Stuart: Ja, jedes Einzelne!

Kelly: Ein Festival ist ein guter Platz um die Fans von anderen Bands zu stehlen.

Stuart: Wir mögen es Dinge zu stehlen!

 
Wie ist eigentlich zu dem Deal mit V2-Records gekommen?

 
Kelly: Wir spielen jetzt ernsthaft in einer Band seit vier Jahren und haben jede Woche Demo-Bänder verschickt. In Kuchenschachteln und Schuhen, nur damit man uns beachtet. Und dann sind wir nach London gegangen, um dort vielleicht entdeckt zu werden. Dann haben wir zwar aufmunternde, aber abweisende Briefe bekommen, mehr nicht. Bei einem Auftritt in London waren dann zwei Produzenten im Publikum, die uns angeboten hatten mit uns ein Demo aufzunehmen. Wir haben also "A Thousand Trees" und "Check My Eyelids For Holes" aufgenommen. Und das ist dann in London herumgegangen und auf einmal wollte uns jede große Plattenfirma in England haben. Ich weiß nicht wieso, weil die Songs waren die selben, die wir seit eineinhalb Jahren verschickten. Weil sich so viele Plattenfirmen für uns interessiert haben, haben wir wirklich unseren eigenen Vertrag aufsetzen und dann das beste Angebot auswählen können. Wir haben dann V2 genommen, weil die ganz neu sind und wir die einzige Band auf dem Label sind. Die hatten also genug Zeit sich nur um uns zu kümmern.
 

Stuart: Wir haben von vielen befreundeten Bands gehört, die ihre Platte trotz eines Major-Vertrages noch immer nicht veröffentlicht haben. Bei V2 waren alle 110% Stereophonics, Stereophonics, Stereophonics! Es war zwar ein großes Risiko zu einem ganz neuen Label zu gehen, aber es hat sich ausgezahlt.

 
Du hast vorher zwei Songs angesprochen. Sind das Geschichten die in Wales passieren könnten oder sind die wahr?
 

Kelly: Manche sind wahre Geschichten, mache sind halbwahr und andere sind komplett erfunden. Aber die Geschichten sind universell und können jedem passieren.

 
Welche sind wahr?
 

Kelly: "A Thousand Trees" ist eine wahre Geschichte über unseren Football-Coach und wie Gerüchte und Lügen ein Leben zerstören können. Er war ein sehr respektiertes Mitglied in unserer Stadt und dann wurde er angeklagt, zwei Mädchen sexuell mißbraucht zu haben und für eineinhalb Jahre ins Gefängnis gesteckt. Er hat das immer bestritten. In "Not Up To You" geht es um einen Typen, der an der Bushaltestelle von einem Rad erschlagen wird, das sich vom Bus gelöst hat. Hätte er nur einen Schluck Kaffee mehr genommen, seine Frau noch einmal geküßt oder sich beim rasieren geschnitten, wäre er nicht zu diesem Zeitpunkt dort gestanden. Das sind halt alles unsere traurigen Geschichten.
 

Kannst du ein paar literarische Einflüsse aufzählen?
 

Kelly: Ich hab noch nie ein Buch gelesen! Die meisten Einflüsse kommen von Platten, wie CCR, Neil Young oder vielleicht der wichtigste: Tragically Hip. Und ich schaue mir viele Filme an. 
 

Ist es nicht komisch, wenn man von Wales nach Wien kommt und hier sein eigenes Album liegen sieht?
 

Kelly: Das wirklich komische ist, andere Leute deine Lieder singen zu sehen, die du im Schlafzimmer geschrieben hast. Es ist wie die Geschichte von Sting, der am Bett sitzt und der Fensterputzer Roxanne pfeift. Aber es ist auch komisch, deine Platte in Geschäften zu sehen. Wir haben früher Demotapes verteilt und jetzt gibtís auf einmal ein Plastikschild mit unserem Namen drauf und den CDs davor. Wir haben sogar versucht, das Schild zu stehlen, weil wir so beeindruckt waren.
 

Habt ihr irgendwelche Alternativpläne, falls es mit der Musikkarriere nichts wird?
 

Stuart: Nein, keine Sicherheitsnetze!

Kelly: Vielleicht Alkoholiker? Nein, seit ich 16 bin, wollte ich eigentlich immer Musiker werden, ich hab nicht darüber nachgedacht. Also ich werde erst damit aufhören, wenn ich nicht mehr kann. Ich wollte immer schon einmal einen Film machen und Drehbücher schreiben, vielleicht würde ich dann das machen. Stuart hat so eine tiefe Stimme, vielleicht wäre er ein guter Radiomoderator, oder einer von den Leuten, die die Stimmen für Disney-Cartoons liefern!

Stuart: Ich glaube, ich würde mein Geld mit Tom Jones-Coverversionen verdienen.
 

Na, das wollen wir ja nicht hoffen. Nach dem Konzert in der Szene Wien ist das allerdings auch nicht sehr wahrscheinlich. Der begeisterte Gig als Support von Supergrass ist zwar kurz aber äußerst intensiv. Nach 40 Minuten lassen sie das Publikum im Zweifel zurück, ob Supergrass das noch überbieten können.
(flo)