:  A Subtle Plague  :  Deutschland : USA     4 : 1? 

4:1 ist nicht das Ergebnis bei der WM, sondern das Verhältnis bei A Subtle Plague, einer Band, die 1984 von den drei deutschen Brüdern Benji, Christopher und Patrick subtle dudesSimmersbach und dem New Yorker Pat Ryan gegründet wurde. "Die beste Live-Band, die der US-Underground zu bieten hat." So urteilte das renommierte deutsche Magazin SPEX vor einiger Zeit über die Band, die mit einer äußerst interessanten Mischung aus Punk, Jazz und Hardcore überzeugen kann und sich durch unzählige Auftritte auch hierzulande schon einen gewissen Namen gemacht hat. Einiges hat sich verändert, in den letzten Jahren. Schlagzeuger kamen und gingen, mittlerweile hat Magnus Fleischmann (ein weiterer Deutscher) die Sticks in der Hand, und auch die Sängerin Analucia DaSilva, die seit 1990 bei der Band war, ist letztes Jahr wieder ausgestiegen. 
Nach den personellen Umstrukturierungen melden sie sich jetzt mit der 10-Jahres Retrospektive "Independent Study" und der neuen EP "Secret Lives" zurück. Anläßlich des letzten Wien-Konzerts hatte ich die Gelegenheit, mit Benji Simmersbach und Pat Ryan zu plaudern. Im Hintergrund läuft die Fußball WM, Deutschland gegen USA, und für Benji ist ganz klar, zu wem er hilft: "Ich bin immer für die Underdogs, also ich hoffe, daß Amerika gewinnt!" Offensichtlich sind die Simmersbach-Brüder schon zu lange im Ausland, um noch zu ihren Herkunftsland zu halten. "Wir haben ja nie in Deutschland gewohnt," erklärt Benji, "wie waren eigentlich auf der ganzen Welt zu Hause und 1983 sind wir in die USA gegangen." Trotz der WM lassen sie sich also nicht vom Interview abhalten. 

Was bedeutet der Abgang von Ana? Hat sich viel verändert? 

more subtle dudesBenji Simmersbach: Wir haben uns vor dieser Tour sehr bewußt überlegt, welche alten Songs wir spielen sollen. Wir haben einfach die Möglichkeit genutzt, uns weiterzubewegen und etwas neues auszuprobieren. Wir spielen sehr ausgewählte alte Songs, aber nachdem unsere Sängerin aufgehört hat, wollten wir viele Songs nicht mit einer anderen Stimme spielen. Die Coverversion von "Ship Song" ist z. B. ein klassischer Live-Song von uns, aber Ana war ein sehr großer Teil davon. Deswegen wäre es falsch, den wiederzubeleben. Dasselbe gilt für "California Must Be Punished". In Deutschland wurden wir sehr oft gefragt, warum wir das nicht mehr spielen. Aber für mich haben Songs einfach eine gewisse Lebensdauer. Ab einem bestimmten Punkt fühlst du einfach: das war’s. Es macht keinen Sinn, ein Lied zwanghaft am Leben zu erhalten, wenn es einfach nicht mehr natürlich ist. Ich kann nicht mehr dasselbe aus bestimmten Songs herausholen wie früher. Aber viele Künstler fühlen so. Das ist es was ich z. B. an Bob Dylan so mag. Wie oft hat er "Blowing In The Wind" gespielt und wie oft hast du die Originalversion gehört? Das ist seine Art damit umzugehen. Er weiß, daß das Publikum es hören will, deswegen singt er mal eine Stück in "Rainy Day Woman" hinein oder fügt vier Zeilen hinzu und die Leute wissen sie haben’s gehört. Das mag ich auch an Radiohead so. Nach "Pablo Honey" hat jeder erwartet, daß sie wieder einen Hit mit verzerrten Refain wie "Creep" machen, aber das neue Album ist ja total anders. Sie haben in Interviews gesagt, die Leute werden geschockt sein, aber niemand bezieht sich jetzt mehr auf das erste Album. Ich glaube, die haben sich auch bewußt entschieden, etwas neues zu machen, bevor sie das alte Konzept zu Tode touren. 

Aber macht ihr etwas total Neues? Was ist der Unterschied zwischen den Alben vor zehn Jahren und jetzt? 

Benji Simmersbach: Ich glaube es gibt immer die "A Subtle Plague"-Signatur in den Alben und Songs so lange ein bestimmter Kern in der Band bleibt. Aber wir haben uns schon von Album zu Album verändert. Wir hatten nie eine bestimmte Idee, wie man Musik schreibt. Es war eher so, daß wir halt versuchen weiterzukommen mit unserem eigenen, lustigen Weg. Das neue Material ist z. B. viel mehr Singer/Songwriter orientiert. Wir sind einfach lockerer, schreiben Songs auf der akustischen Gitarre. Der Großteil wurde in einem Wohnzimmer geschrieben, ich brachte eine Melodie ein, Pat hatte die passenden Texte. Wir alle sind uns jetzt auch viel bewußter über unsere Rollen in der Band, und auch der Fakt, daß wir keine weibliche Stimme mehr haben, hat viel verändert. Ich glaube, die Band ist jetzt stärker zusammen, als sie je war. Wir wissen jetzt genau, was wir wollen. Das ist auch der Grund, warum wir weitergemacht haben: aus Frustration Musiker zu sein. Wir waren nicht zufrieden mit uns und wo wir hin wollen. Jetzt nähern wir uns jetzt langsam an. Wir müssen mit uns zufrieden sein, der Rest ist relativ egal.  

Was passiert wenn ihr euer Ziel erreicht habt, wenn ihr mit euch zufrieden seid? 

Pat Ryan: Dann haben wir alle ein Apartment in New York City, ein Haus in Spanien und machen eine eigene Plattenfirma auf! 

Benji Simmersbach: Ich glaube einfach, daß wir dann am meisten Spaß hätten. Wenn wir nicht auf Tour sind, haben wir alle noch andere Jobs. Wenn man einen finanziellen Background hat, sich nur mehr auf seine kreativen Ideen zu konzentrieren zu können, das wäre schon toll. Wir haben uns immer schon für Filme interessiert und viele andere Projekte bei denen wir gerne mitarbeiten würden, aber wir hatten nie Zeit dafür.  

Was hat es mit der Novelle auf sich, die im CD-Booklet erwähnt wird? Ist das auch so ein Projekt? 

Pat Ryan: Nun, ich schreibe an einer Fortsetzungsgeschichte, die an manchen Punkten mit einem Album verknüpft ist. Sie basiert vage auf Erfahrungen, die wir als Band auf Tour gemacht haben, in einem erfundenen Kontext. 

Wird das als Buch veröffentlicht? 

Pat Ryan: Nein, die Geschichte wird halt immer wieder mit einem Album verbunden. Ich konzentriere mich mehr auf das Singen und Schreiben. Entstanden ist das Ganze weil wir eine Zehn-Jahres-Retrospektive veröffentlicht haben. Wir wollten keine Biographie ins Booklet geben, wo einfach die Daten drinstehen. Ich wollte etwas schreiben, das unsere Erfahrungen in einem bestimmten Zeitraum wiedergibt. 

Denkt ihr da also an ein Konzeptalbum? 

Pat Ryan: Wir sind immer schon ein bißchen in diese Richtung gegangen, wollten es aber nicht mit Gewalt durchdrücken. Jetzt hat es sich ganz natürlich entwickelt 

Benji Simmersbach: Ich denke unser nächstes Album wird eine Art Konzeptalbum werden. Es ist natürlich schwer zu sagen, weil wir es noch nicht aufgenommen haben, aber wir haben diese Idee schon länger. Wenn du zwölf Songs schreibst, gehst du einfach durch eine Phase und am Ende wenn sie fertig aufgenommen sind, mußt du dir überlegen in welcher Reihenfolge sie aufs Album kommen. Aber wenn du ein Thema dahinter hast, ist es wie wenn du eine Geschichte schreibst, Kapitel für Kapitel, und es sollte offensichtlich sein welche Songs aufeinander folgen. Das ist einfach ein kreativer Schritt, mit dem wir immer schon gerne experimentieren wollten. 

Habt ihr bei diesem Experiment von eurer Plattenfirma künstlerische Freiheit? Ist das einfacher auf einem kleinen Label als auf einem Major? 

Benji Simmersbach: Naja, eigentlich würden wir nichts lieber, als auf einem Major zu sein! Ich glaube einfach die Zeiten haben sich geändert. Es gibt gute und schlechte Indie-Labels und gute wie schlechte Majors. Jede Band muß da einfach ihre eigenen Erfahrungen machen. Ich glaube wir sind jetzt an einem Punkt, wo wir einfach einen größeren Schubs brauchen können. Wir haben genug getourt, wir haben so viel wir konnten in der Indie-Szene gespielt und wir haben genug gearbeitet. Außerdem arbeiten viele Lables, die sich als Indie definieren, eigentlich ohnehin wie Majors. Auch die bekannten Indie-Labels arbeiten ja nicht mehr so wie in den frühen 80er Jahren. 

Pat Ryan: Die skrupellosesten und halsabschneiderischten  Labels, die es in Amerika gibt, sind Independent Punkrock-Labels, die versuchen, das Green Day Ding zu kopieren. Wir haben auf Tour viele kennengelernt. Das sind Leute, die nur an Geld und Status orientiert sind. Das letzte auf ihrer Agenda ist Musik, das erste ist ein Gold-Album zu bekommen. Die sind viel schlimmer als die ganzen 80er Jahre Hair-Bands wie Cinderella oder Whitesnake. Die waren wenigstens ehrlich in dem was sie wollen: Bier, Pussy und ein Platinalbum! Die sogenannten Indie-Punkrock-Bands wollen das in Wirklichkeit auch, aber verstecken es hinter irgendsoeiner "Independent" Mission. 

So kann man das auch ausdrücken. 

Auch wenn es sich mit dem Sieg für die USA dann nicht so ganz ausgegangen ist, merkt man beim Auftritt, daß sie höher hinaus wollen. Die Bühne im Chelsea wirkt auf jeden Fall zu klein für die fünf Musiker, die ein äußerst kraftvolles Konzert abliefern. Und auch die EP "Secret Lives" klingt recht vielversprechend. (flo)