:  therapy?  :  katharsis? 
  

Noch vor zwei Jahren begann ungefähr jeder zweite Artikel im Zusammenhang mit Therapy? mit dem pauschalierenden Gemeinplatz, daß Schlagzeuger ja bekanntlich eher schüchterner und introvertierter wären als andere Bandmitglieder. Das Schlagzeug war plötzlich nicht mehr nur Instrument, sondern zugleich auch Schutz bietendes Versteck; der redselige Metallica-Drummer Lars Ulrich wurde als die diese Regel bestätigende Ausnahme abgehandelt, und der Umstand, daß Fyfe Ewing die /ffentlichkeit weitestgehend mied, machte ihn unfreiwillig zum Musterbeispiel in Sachen medialer Vorurteilsverbreitung.  
Seit Fyfe 1996 Therapy? verlassen hat und die Band kurz darauf zu einem Quartett angewachsen ist, dürfte dieses Kapitel endgültig der Vergangenheit angehören. Auch Frontman Andy Cairns kann sich nun des öfteren den Luxus gönnen, Michael, Graham und Martin Termine und Interviews alleine wahrnehmen zu lassen, und sich selbst in der Abgeschiedenheit des Tourbusses emotional aufs allabendliche Konzert vorzubereiten.  
 

Ganz anders als auf dem Vorgänger "Infernal Love", den über weite Strecken die Pop-Vorlieben des Sängers und Frontman Andy dominiert haben dürften, macht das neue Album "Semi-Detached" den Eindruck, daß sich diesmal eher der Rest der Band durchgesetzt hat. Keine drei Jahre ist es her, daß Cairns Bands wie Echobelly, Suede und The Geraldine Fibbers als wichtige Einflüsse nannte. Mit Recht fürchteten damals viele Fans früher Stunden ein Abgleiten Therapy?s in die Brit-Pop Ecke, fühlten sie sich doch von der ungewohnten Dekadenz und unangebrachten Abgehobenheit von "Infernal Love" ohnehin schon vor den Kopf gestoßen. Im Nachhinein wirkt dieses Album eher wie ein Experiment. Daß es sich um einen Scherz handelte, wenn sich Andy, Michael und Fyfe im Booklet zu "Infernal Love" als mexikanische Dandys gaben, war zwar zu jeder Zeit offensichtlich, doch diese Imageverarschung "in komischen Gewändern" und der glatte Sound des Albums stellte Therapy? für manche Medien in eine Reihe mit Starbands wie Bon Jovi und Aerosmith. Therapy? wurden wie Rockstars behandelt, was sich wiederum auf ihr Auftreten auswirken sollte ... ... und dann kam so etwas wie Einsicht. Die Einsicht, daß "Infernal Love" als Versuch gedacht war etwas Neues zu probieren, und daß sich nach monatelangen, ausverkauften Touren rund um den Erdball so etwas wie reine Routine eingestellt hatte. ,Die Rückkehr zur Arbeiterklasse" nannte ein deutsches Musikmagazin überspitzt die Kehrtwendung Therapy?s nach der erkannten Sackgasse, die die Band mit ,Infernal Love" eingeschlagen hatte. Die Rückkehr vom Showbusiness sozusagen.  
1998 besinnen sich Therapy? wieder ihrer Wurzeln. Gespielt wird in viel kleineren Clubs und Hallen als auf ihrer letzten Tour, und auch auf das Leben in teuren Hotels verzichten die vier Iren. "Wir verbringen die meiste Zeit zu zwölft in unserem Tourbus. Alles erinnert jetzt viel mehr an eine Kommune oder Gang. Zwischendurch nehmen wir uns jetzt auch Zeit um Spaß zu haben. Wir gehen gemeinsam ins Kino und so. Unlängst erst haben wir uns 'Titanic' angesehen. Spaß haben, das ist es doch, worum es uns eigentlich geht!"  
Klar, man merkt es Therapy? an, daß sie motiviert und erst am Anfang ihrer Tour stehen, die von einer üngewöhnlichen Combo begleitet wird. "We got some brilliant guys touring around with us, eine deutsche Therapy?-Tribute Band. Sie haben einen großen, weißen Bus, den 'Therapy? Magical Tour Bus", über und über mit Fragezeichen beklebt. Nachdem wir unser Konzert gespielt haben, packen sie ihr Equipment aus und covern unsere Nummern. Eigentlich klingen sie besser als wir." 
Eigenen Support-Act haben sie keinen passenden gefunden, und es deshalb in die Hände der jeweiligen Veranstalter gelegt, eine lokale Vorband zu organisieren. Noch haben sie auch die Energie sich die auch jeden Abend wirklich anzusehen. Betreten die Vier dann kurz darauf selbst die Bühne, dann klingt das, ganz anders als bei "Infernal Love", dem aktuellen Album überraschend ähnlich. Und seltsam, auf einmal werden wieder Iggy Pop und MC 5 als wichtige Einflüsse genannt: "Ganz sicher nichts, was perfekt gespielt oder aufgenommen wurde. It's more a rock'n'roll in your face attitude. Vor kurzem habe ich eine Dokumentation über The Who gesehen. Da hat Pete Townshend den Unterschied zwischen The Who und den meisten anderen Bands erklärt: 'Die meisten Bands nehmen Platten auf und probieren dann live möglichst ähnlich zu klingen. The Who nehmen ein Album auf und versuchen dabei möglichst so zu klingen wie live auf der Bühne.' Daran hat sich auch Therapy? orientiert, denn viele Bands klingen live ganz anders als auf Platte."  
Nur wenigen Bands gelingt dieses Vorhaben, doch Therapy? sind ihrem Ziel doch relativ nahe gekommen. Eine Hochzeit zwischen Cheap Trick und den Dead Kennedys, "pop songs with terror", wie es Gründungsmitglied Michael McKeegan nennt, oder vielleicht auch zwei Schritte zurück in Richtung Vorvorgänger "Troublegum". Dutzende (Single)Versionen von ein und demselben Song wie bei der Hüsker Dü-Coverversion "Diane", wird es diesmal aller Voraussicht nach nicht geben.  
Abgesehen von winzigen Filmfragmenten und einigen selbst eingespielten Samples wurde bei den Aufnahmen auch relativ wenig Elektronik verwendet. "Auf 'Semi-Detached'gibt es eigentlich nichts, was wir nicht auch live umsetzen können. Vor allem deshalb, weil wir hauptsächlich mit Effekten arbeiten und nicht mit  Samples. Es ist jetzt gerade in, die Drumparts aufzunehmen, über den Computer zu verändern und den Rest eines Songs drumherum zu konstruieren. Warum sollten wir so etwas machen? Wir sind gut genug alles live zu spielen, und wir haben uns diesmal wirklich bemüht, möchlichst alles live aufzunehmen. Deshalb sind auf dem Album letztendlich auch so viele Fehler. Aber wir sind eine Band, und 'Semi-Detached' klingt wie eine Band!" 
Auch in den Videos waren Therapy? diesmal um Natürlichkeit bemüht. Für die erste (hit- und ohrwurmverdächtige) Single ,Church of Noise" engagierte die Band als Videodirector den australischen Filmemacher John Hilko. "Würden wir selbst ein Video machen, gäbe es da vier verschiedene Meinungen und wir würden uns wahrscheinlich nie einigen. Hilko brachte seine eigenen Ideen ein, die uns wirklich überzeugt haben. Außerdem wollten wir es nicht so machen wie die meisten Bands: die gehen zu irgendeiner Model-Agentur, sagen: 'Die da gefällt mir! Der da sieht gut aus!' Als erfahrener Filmemacher hat John Hilko natürlich richtige Schauspieler verwendet, die auch richtig schauspielen können. Bei den meisten Models sieht das ja doch irgendwie komisch aus,..."  
Glaubwürdig zu wirken und dabei auch etwas auszusagen, das nahm bei Therapy? seit jeher einen mehr oder weniger großen Stellenwert ein. Nicht nur Videos, nein, jeglicher kreative Output der Band soll in einem ganz bestimmten ästhetischen Rahmen präsentiert werden. Die CD wird als eine Art Gesamtkunstwerk gesehen, wobei auch dem Cover bzw. Artwork große Bedeutung zukommt. Irgendwann hat wohl schon jeder ein Album nur auf Grund eines tollen, beeindruckenden Covers erstanden. ber diesen nicht unentscheidenden Effekt wissen auch Therapy? Bescheid, und so gewährt uns das Albumcover einen quergestellten Einblick in den Beziehungsalltag eines vielleicht typischen nordenglischen bzw. nordirischen Ehepaares. "Eigentlich war das Andys Idee, irgendwo am Strand irgendjemanden bis zum Kopf im Sand zu vergraben." - "Das ging dann aber doch zu sehr in Richtung Pink Floyd." Außerdem hätte ein Setting am Strand doch mit dem inoffiziellen Motto "down-to-earth" und eben auch 'Alltagswelt' gebrochen. Schon der Albumtitel "Semi-Detached" bezieht sich unmißverständlich auf die in der Heimat der Band weit verbreiteten Zweifamilienhäuser, in denen vorwiegend Angehörige der Arbeiterschicht wohnen. Vergrabene am Strand hätten da wohl doch zu sehr an einen Urlaubsspaß erinnert und somit die Aufmerksamkeit vom Grundtenor des Albums in eine falsche Richtung gelenkt. Cairns' Grundidee wurde trotzdem beibehalten, nur eben das Setting verändert. "Der Photograph, Paul Davis, der mittlerweile doch in ganz Europa als Künstler bekannt ist, hatte dann die Idee den Sand in den Alltag zu übertragen. Das Paar ist  also in der Küche bis zum Kopf im Sand eingegraben. Kommuniziert wird ganz offensichtlich nicht miteinander." 
Die Alltagsästhetik dominiert dann auch im restlichen Booklet. "ber die Photos von Alltagsgegenständen hat Paul schließlich diese Post-Its geklebt. Er bemalte diese Bürozettel. An einem einzigen Nachmittag hat er über 75 Zeichnungen für das Album gemacht und wir haben uns die besten ausgesucht." 
Therapy? wollen es sichtlich nicht nur einfach anders, sondern besser machen.  Wenn viele Bands "einfach nur ein schönes, glossy Cover mit leserlichen Lyrics machen, dann sagt das doch nichts über die Band oder das Album aus."  Und wieder einmal taucht ein Gegensatz zu "Infernal Love" auf, auf dessen Cover Andy, Michael und Fyfe als schleimige "los tres hombres" posieren. Damals arbeitete das Trio ja auch mit dem im Musikbusiness etablierten Anton Corbijn (U2, Depeche Mode, Johnny Cash) zusammen, der in einer für Therapy? untypischen Art und Weise an die Artwork-Gestaltung heranging. "Zu diesem Zeitpunkt hatte es noch auf keinem einzigen unserer Alben so etwas wie ein Bandfoto gegeben; außer vielleicht auf 'Troublegum', aber da wurden unsere Gesichter ja von Fragezeichen verdeckt. Das sollte es auch einmal geben.Es ist etwas ganz anderes, wenn Anton Corbijn ein Depeche Mode Cover macht, dann fotografiert er Dave Gahan in der Wüste: Ein schöner Mann, ein schönes Gesicht. Moody. Die Leute verpassen den Humor bei Therapy?. Drei Iren verkleiden sich als Mexikaner und auf dem letzten Bild hängt Andys Schnurrbart zur Hälfte herunter. Das ist die Punchline. Die Leute sagen nur,'Oh God, they think they're U2'." 
 (long-f)hnlich funktionieren auch die Zeichnungen und Photographien von Paul Davis, den Therapy? vor ihrer gemeinsamen Zusammenarbeit nicht kannten. "Da ist auch eine Menge Humor enthalten. Wirklich.Auch John Hilko, der das Video zur ersten Single gemacht hat, hat genau diesen Humor und die Ironie in einigen Songs von Therapy? entdeckt. Wir wollen auch gar nicht das Bild einer großen, schwarzen, dunklen Rockband vermitteln. " 
Auch bei der Live-Umsetzung des aktuellen Songmaterials geht es eher poppig als "dunkel" zu, was dem überraschend hohen Gothic-Anteil in der Anghängerschaft (zumindest in Wien) nur scheinbar widerspricht. Als virtuoser Cellist holt sich Martin McCarrick besonders in dieser Klientel Lorbeeren, wenn Andy den alten Fans die zwei Neuzugänge vorstellt.  
Zwischendurch fordert das Publikum immer wieder lautstark alte Hits ein, vor allem aus der 'Troublegum' und 'Infernal Love'-(long-f)ra. Die haben sich auch die beiden Frischlinge Martin und Graham auf der gemeinsamen Therapy?-Kennenlern-Tour durch Amerika intensivst einverleibt. 
Das Zusammenspiel klappt deshalb auch perfekt, und der Band macht es sichtlich Spaß wieder einmal auf einer kleineren Bühne zu stehen und mit dem tobenden Publikum herumzublödeln. Nach den obligaten Zugaben, zwingt sich die langsame Nummer "The Boy's Asleep" mit der Schlüsselzeile "Thanks for coming"  als definitive Verabschiedung vom Publikum geradezu auf. Eines ist klar: auch wenn sie diesen Sommer wieder auf einigen riesigen Festivalbühnen stehen werden, eine Stadion-Band waren Therapy? nie, und das werden sie hoffentlich auch nie sein. Bleibt am Schluß ein Fragezeichen: was kommt als nächstes? 

Text: Thomas Weber  
Interview: Niko Alm