:  tortoise  :  Die Schildkröte der musikalischen Freiheit und das schwierige dritte Album 
 

Mit "TNT", dem aktuellen Album haben die Chicagoer Zukunftsmusiker TORTOISE wieder einen ganz ganz großen Wurf gelandet. Text  :  Rainer Krispel  :

Um diese Band und ihre Musik wurden schon viele Worte gemacht. Zuviele. 

Dabei schlägt die wunderbare Praxis von Tortoise ? im Konzert und auf Tonträger ?  jede, auch noch so schöne Theorie um Längen(grade).  So einfach kann das sein: Die Musik spielen auf der einen, ihrer Seite, sie hören auf der anderen, unserer Seite. 

t. mutant n. tortoiseZur Promotion-Routine anläßlich ihres dritten Albums reisten Johnny Herndon und Dan Bitney nach Berlin ins Büro ihres europäischen Labels City Slang. Wenn man will durchaus ein Signal, um die mediale Rezeption der Band nicht immer auf John McEntire, der großen "alten" Mann des Postrock zu konzentrieren. Bitney spielte früher bei den Tar Babies. Diese, als Punk/Hardcore-Band gestartet, veröffentlichten auf SST Records, der Mutter aller US-Indie-Labels, drei Alben mit ausgezucktem punkigen Funk-Rock oder funkigen Punk-Rock. Dan Bitney ist ein sympathischer Pragmatiker, der sicher lieber Musik machen würde, als meine Fragen zu beantworten und der den Kopf währenddessen sicher bei mindestens einer anderen Sache hat. Andererseits: "Es ist uns natürlich bewußt, daß das dazugehört, damit unsere Musik die Leute auch erreicht." Wohl kann man Tortoise eine gewiße Versunkenheit in ihre Musik unterstellen, weltfremd sind sie deswegen noch lange nicht.  
Bitney plauert am Telephon aus dem Alltag der Band. Erzählt davon, daß Tortoise-Proben eine mühsame Angelegenheit sein können, weil der kleine Übungsraum das zahlreiche verwendete Instrumentarium nicht auf einmal fassen kann. Kommando Schleppen. Überraschend vielleicht, daß die Musiker selbst ihr gefeiertes zweites Album "Millions Now Living Will Never Die" nicht ganz so gelungen finden. "Wir hatten zuwenig Zeit". 

live in welsZeit (10 Monate) hatten sie für "TNT" genug. Du kannst es auf dem fertigen Album hören, überall: Die Zeit und den Raum. Den sich Tortoise nehmen. Über Wochen haben sie daran gearbeitet, gespielt, aufgenommen, die Fragmente, die Stücke ruhen gelassen, gehört, reflektiert, neu angeordnet. Ein Schlüssel zu "TNT": Erstmals hat die Band mit digitalen Aufnahme-Techniken gearbeitet. Jeder der Musiker hat dann am Computer editiert, am gemeinsamen Musik-Puzzle weiter herum gespielt. Tatsache, daß Tortoise dieses so "organische", so locker und unangestrengt fließende neue Werk, dadurch möglich war, daß sie mit digitaler Technologie gearbeitet haben. Der Unfung von der einzig seelenvollen "handgemachten" und analog aufgezeichneten Musik wird auch hier ? als bräuchtÕs das noch ? ins Reich der Mucker-Legenden verbannt. 

Tortoise haben sich mit "TNT" wieder und weiter auf den Punkt gebracht. Genauer: Auf unendlich viele Punkte. Wo diese Punkte früher als Basis zahlreicher Remixe dienten, ist das "Prinzip Remix" diesmal in das Album schon eingearbeitet ? die Musik ist nie abgeschlossen, nie "fertig".  
Bei jedem Stück ist klar, daß das was zu hören ist eine von unzähligen möglichen Formen ist. Eine Form, die du nicht missen möchtest, so klar und transparent ist eben ihre Einzigartigkeit, ihre Schönheit. 

Die Band, 1993 von Schlagzeuger Johnny Herndon und Bassist Doug McCombs (das letzte, sträflich übersehene Album von dessen Stammformation ELEVENTH DREAMDAY, "Eight" sollte als Paralleluniversum zu "TNT" wenigstens einmal gehört werden, ebenso die jüngsten Arbeiten von Bands wie SEA & CAKE oder ISOTOPE 217, bei denen TORTOISE-Musiker mitwirken) ist in fünf Jahren sehr, sehr weit gekommen, herkömmliche Gitarre-Baß-Schlagzeug-Schemata zu vermeiden, wie einst die erklärte Ambition war. 

Greg Ginn, Mastermind der schon erwähnten SST RECORDS meinte anläßlich des Erscheinens der Instrumental-Compilation "No Age" sinngemäß, daß mit Instrumental-Musik das zu sagen ist, was in einem Text unweigerlich die Zensur auf den Plan rufen würde. 
Nicht nur so gesehen kommt die Musik von TORTOISE zwar ohne Sänger und konkreten Text aus, sprachlos ist sie deswegen aber noch lange nicht. Ganz im Gegenteil. 

TORTOISE "TNT", 1998 (City Slang/Ixthuluh) 
Im Juni kommen TORTOISE wieder für Konzerte nach Österreich. Watch Out!