:  wipeout  : 

text:  paul litschauer

Der in Österreichs Musikunderground umtriebige Didi hat sich mit seiner Elektronikband Wipeout bereits weit über den Insiderstatus hinausgespielt. Die Auftritte von Wipeout sind angeführt von seinem düsterer präzisen Auftreten, das mit dem plastischen Technosound eine Symbiose aus Schmerz und poppigem Surrealismus entfaltet.   

Du hast die Projekte Wipeout und Fuckhead. Hat sich Wipeout als Split aus Fuckhead entwickelt? 
Es war eine Nebenangelegenheit. Der Fadi, der Keyboarder, den hab ich schon vorher gekannt. Wir haben einmal in einem zwanglosen Rahmen gemeinsam musiziert, und das dann weiterentwickelt. Ich hab ja, bevor ich mit Livebands zum spielen angefangen hab, daheim mit einem Keyboard und einer Bandmaschine gearbeitet. Ich war so ein EBM Fanatiker. Kraftwerk, D.A.F., Front 242. Kraftwerk vor allem, die  hab ich schon in den 70ern erlebt. Da hat es eine Jugendsendung mit Rudi Klausnitzer gegben, "Topspot", da haben sie David Bowie Videos gezeigt und Kraftwerk. Das hat mich massiv beeindruckt. Ich hab halt daheim dahingebastelt, aber auch Livemusik gemacht, denn ich war ein Kind der Punk Generation, da wars klar, frontal auf die Bühne gehen und ordentlich "obafetzn". 
Die ersten, die live Aggression mit Elektronik auf der Bühne rüberbrachten, waren ja die D.A.F. 
Das war für mich auch der Hinweis, daß das ganz anders abrennen kann. Und dazu hat es ja immer den Industrial gegeben, sowas wie Throbbing Gristle, das war auch sehr beeindruckend, so finster und so schwierig. Wir vertreten da so eine Tradition der Elektronik der 80er Jahre, das ist Postindustrial eigentlich. Wir haben uns von überall unsere Leidenschaften konserviert, die wir damals besessen haben. Das war der Synthiepop von Depeche Mode, die auch eine sehr düstere Phase gehabt haben, New Order waren interessant, alles was vorher war, der ganze Industrial, 70er Jahre Elektronik haben wir kombiniert mit den neueren Spielarten der Elektronik, die uns auch sehr interessieren. Die Industrialszene hat ja einen sehr interessanten musikalischen Ansatz gehabt, der soziologisch und politisch zu bezeichnen ist. Mitunter vielleicht nicht sehr ausgegoren, aber doch. Der Grund, warum die Szenerie so absurd geworden ist, ist der, daß sich Gewisse wie Whitehouse nur noch mit Sex und Violence beschäftigt haben, und das aber auf eine sehr langweilige und stupide Art. 

didiAber ihr hattet doch bei eurem letzten Konzert auch dieses SM Image? 
Didi: Ja, das waren die Klamotten, aber das war nicht absichtlich. Wir haben für eine Modenschau gespielt und der Designer hat das irgendwie assoziiert. Mir gefallen die Klamotten genauso gut wie meinen Kollegen, das war also die Entlohnung für die Modenschau. Wir haben uns voll ins Zeug gelegt, und das ist auch sehr gut angekommen in Deutschland.  

Die Dark Industrial Szene ja auch sehr Imageorientiert... 
Das ist sie zweifelsohne. 

Das heißt, ich hab’ gelesen, daß die Deutschen meinen, Du schaust aus wie ein Schwerverbrecher und singst wie eine Schwuchtel... 
Ja, das war so eine Visionskritik damals. Dann ist die sogenannte "letzte" CD, die "Country und Western", ein Bootleg der ersten Platte, paradoxerweise besser rezensiert worden als die eigentlich wesentlich engagiertere "Swamps Of Happiness". Aber eben, du sprichst da was an, was live nie zu Mißverständnissen in Deutschland geführt hat, aber in gewisse Magazinkreise war das scheinbar ein "Akt der Bosheit", daß hier soviel durcheinandergemischt wird... 

Wenn Du deine Stimme hoch einsetzt, resultiert das aus einem 70er Glam Disco Stil, was auch sicher dein Einfluß ist? 
Ja klar, leider ist der dann ein, zwei Jahre später mit Whirlpool Produktions plötzlich wieder ein Hit geworden, dann wären wir wahrscheinlich eh die Könige gewesen im Visions, aber zwei Jahre davor hat man geglaubt, wir sind irgendwelche Wichte. Die haben mich ja bei der Fuckhead Rezension wieder mit dem Vorwurf verfolgt, daß ich so dubios bin und ständig irgendwelche Projekte hinstelle, wo man nie genau weiß, was ich mit denen jetzt mach’. Das Problem ist natürlich, Magazine stehen unter einem beachtlichen Druck (nicht nur in der Druckpresse, Anm. d. Verf.), die müssen das kategorisieren. Und Dinge, die irgendwie zwielichtig erscheinen, lehnen sie  ab oder wieauchimmer.  

Da ist ja eine bestimmte Musikrichtung sehr in, und ihr habt das als eine der wenigen Elektroacts nicht in euren Sound einfließen lassen... 
Das wollen wir auch nicht. Zu einem Teil, weil die Mehrheit von Drum and Bass mittlerweile so seicht geworden ist, daß mich das wirklich nur mehr nervt. Diese Flut an Compilations, immer diese selben faden Breakbeats, das Image kotzt mich schon an. Ronnie Size und Konsorten sind für mich in dem Sinne Musikanten, aber die sich da hinstellen, für ihre Majordeals, das ist ein ganz ein schlimmer Rückschritt in eine Form von Unterhaltungsmusik, die einfach ein Image haben muß und von einer Seichtigkeit ist, bah, das ist mir ein Greuel...ich hab mir alle Platten durchgehört und es gefällt mir einfach nicht. 

Mir scheint als ob die Leute vergessen wollen, daß sie in einer kalten technischen Welt leben...  
Das ist richtig, aber als Gegenposition zu unsere Industrial\EBM Vergangenheit, ist de Fadi ein schwerer Verehrer von Dub. Das bauen wir auch ein. Wir stehen nicht auf den Knieweichen Dub mit dem expliziten Reggaetouch, sonder auf so einen Sonarmäßigen Dub. Deswegen stehe ich auch so zum Beispiel lieber auf Scorn, als auf  Bristol Dub, obwohl ich den auch manchmal gern höre. Adrian Sherwood und Bill Laswell sind so Sachen die mir sehr gefallen. 

Mit Dub assoziiert man doch was Qualmendes... 
Das ist für uns also nicht irgendwie die Essenz von Dub, wir sehen da mehr den Beat. Mein kleiner Bruder hört gerne Hiphop, wenn immer ich nach Linz komme höre ich mir das durch. 

Man kann rhythmusmäßig interessante Schlüsse daraus gewinnen... 
Absolut. Das ist das schöne an elektronischer Musik grundsätzlich, erstens ist sie preiswert geworden von den Tools her, zweitens kannst du die Schranken sehr leicht brechen, wenn du den nötigen mentalen Ansatz hast. Zum Beispiel Prodigy sind ja auch ein Produkt, wo abgespeedete Hip Hop Beats auf alte Strukturen der EBM treffen. Anders in der Gitarrenmusik, wo die Schemata in gewissen Genres sehr strikt eingehalten werden müssen. Es gibt dieses Regelment, wie eine Alternativnummer klingt, wie eine Punknummer klingt. 

Aber dieses Regelment gibt es auch in der elektronischen Musik. Es heißt oft bei irgendwelchen Technos, es darf kein Gesang sein, es darf keine Melodie sein, keine Images. 
Das ist richtig, das ist die Technoszene, die ist da sehr dogmatisch. Die haben halt einen Hang zur Abgrenzung. Wir haben einmal gespielt vorm Boo Williams im Flex. Der Boo Williams ist nicht gekommen, jetzt ist der Veranstalter gekommen und hat gesagt, wißts was, jetzt sind alle da, die gesamte Vienna Housgeneration, da spielts einfach so lang wie möglich. Da haben wir einen Haufen neue Tracks ausprobiert und die Stimmung war fantastisch. Das hat ihnen also sehr gut gefallen, aber nachher haben sie gesagt, sie würden uns ja gerne remixen, aber es ist einfach eine Ideologiefrage, Sie wollen an solchen Abenden einfach solche Bands nicht sehen, weil die führen ihre Grundkonzepte ad absurdum. Weil durch Leute auf der Bühne wird zum einen das Starprinzip wieder aufgewärmt wird, und zum anderen dann durch Hooklines die gefährliche Nähe zum sehr gehaßten Genre des "Hardtrances" da ist. Mittlerweile gibt es das Starprinzip im Techno ganz massiv, und die Hardtrancer sind die Berühmtesten; das hat natürlich die ablehnende  Rolle dieser Leute bestärkt. Privat versteht man sich ja gerne, aber natürlich werden nicht von denen eingeladen auf Veranstaltungen. Es sind an Kombos aus der Drum and Bass Ecke wie Planet E eher Einladungen gegangen, als an uns. Ich muß aber sagen, mir ist das auch egal, es rechnet sich für uns auch nicht. Warum sollen wir dort hingehen und 50 Minuten uns zum Affen machen. Techno ist auch mittlerweile kleiner und sehr langweilig geworden. Weil sie sich so fixieren auf ihre analogen Tools, kommen sie nicht mehr heraus. 

Ihr habt gerade eure Deutschland Tour mit Shear und Boiled Kilt abgeschlossen. Wie ist sie gelaufen? 
Nicht so schlecht. Man muß sagen, daß generell derzeit alles schlecht geht in Detuschland. Sie hat schlecht angefangen mit sehr wenig Leuten... 

Die Bands haben ja nicht sehr zusammengepaßt... 
Das war Absicht. Die Boiled Kilt haben einmal in Wr. Neustadt gespielt und sind an uns herangetreten ob wir nicht an einer Promotion Tour mitmachen wollen, die zum Ankeilen der Industrie gemacht wird. Da dachten wir, warum eigentlich nicht, das hat sich dann für uns durchaus ausgezahlt. Aber es war auch sehr anstrengend. Du hast im schlimmsten Fall eher wenig Publikum, wir haben nicht sehr weit Autofahren müssen, aber trotzdem sind wir immer sehr spät ins Bett gekommen. Obwohl die Gegend für uns gut ist, vor allem der ehemalige Osten ist immer eine der Regionen, wo diese Musik sehr kommt. Wir sind eigentlich überall sehr gut angekommen. Man braucht aber gewisse strapazierfähige Nerven, da zum Beispiel ein Veranstalter in der tiefsten ostdeutschen Provinz schon a weng an anderen Style  hat als in Österreich. Das waren schon sehr rauhe Burschen. Das Publikum war mitunter schon sehr schräg. So böse Onkelz Fans mit Schnautzer und Vokuhila Haarschnitt, oder mit diesem Hooliganhaarschnitt, die dann auch sehr freundlich waren, aber wenn du dann diese Biertrinkenden Horden vor der Bühne aufmarschieren siehst, bist du am Anfang manchmal schon ziemlich entnervt. Wir haben halt in Clubs gespielt wo mehrheitlich nur harte Bands aufgetreten, das Publikum war dementsprechend. Langhaarige oder Glatzköpfige mit Nasenring in engen Jeans, die ganze Partie halt. Das macht es aber dann lustig, wenn man die überzeugt. Sogar im tiefsten Punkschuppen in Trier, waren die besoffenen Punks gerade am Lebhaftesten. Das hängt auch mit der Optik zusammen, die haben das irgendwie alle goutiert. Auch bei allen anderen Touren in Deutschland war die Resonanz sehr gut. Es hat nur einmal einen Wickel mit einer franzosischen Punkband gegeben, die gemeint haben, wir sollten doch besser in die Discos gehen und nicht ihre Strukturen zusammenhauen, indem wir Disco und den Kommerz da irgendwie etablieren. Als ich vor kurzem wieder in dem Schuppen war, wo das passiert ist, da haben sie dann lauter Disco und New Order gespielt. Da hab ich mir gedacht, na Freunde, ihr seids auch dabei. So ist es halt einfach.