: cooler als jesus : christoph & lollo springen wieder :

text: michael koscher

Wenn in Liedern vom Springen die Rede ist, dann hat das nicht notgedrungen mit dem klassischen "Jump Around" zu tun. Im deutschsprachigen Indie-Pop wird Springen mitunter bereits eindeutig mit abgrundtiefer Traurigkeit assoziiert. Möglich, daß das Musikanten-Duo Christoph und Lollo gar einmal in die Musikgeschichte eingehen wird. Haben die beiden doch ein Genre auf dem Gewissen: Die Skispringerlieder. Und jetzt gibt es sie endlich, die neue Platte "Mehr Skispringerlieder".

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Vielleicht werden dereinst angesehene Musikwissenschaftler wichtige Aufsätze und Abhandlungen über das Skispringergenre verfassen. Und sie werden nicht im Spex, Visions oder Gap publizieren, sondern in mäzenatengeförderten Hochschulschriften. Gut möglich, daß dieses Genre dereinst als vorübergehende Mode bezeichnet werden muß. Genauso möglich aber auch, daß das Genre "am Anfang des 21. Jahrhunderts von unzähligen Schulbands und Kollektiven vereinsamter Erstsemestriger zum andauernden Kult erhoben wurde"... Wie auch immer; in Folge unser fiktives Fast-Forward in die zukünftige Forschung – beruhend auf gesicherten Fakten:

"Erstmalige Erwähnung fand das Skispringerlied in Zusammenhang mit dem Musikanten-Duo Christoph & Lollo auf Radio FM4 von den beiden Humoristen Grissemann & Stermann.
Das Skispringerlied, stilistisch eindeutig der räudigen Lo-Fi-Ästhetik der späten 80er und frühen 90er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts verbunden (Sebadoh, The Mountain Goats) und in seiner puristischen Version lediglich mit einer akustischen Gitarre vorgetragen, schildert das traurige Schicksal eines gescheiterten Skispringers. Vor allem von gescheiterten (Liebes-)Beziehungen, Isolation und anderen desperaten Erscheinungen ist oft die Rede. In seiner frühen Ausprägung wurde das Skispringerlied durchwegs von Sängern mit nicht oder wenig ausgebildeten Stimmen im monotonen, rhythmisch nur leicht variierten Sprechgesang vorgetragen. Ob des großen Erfolges bald nach dem ersten öffentlichen Air-Play auf FM4 und ob der zunehmenden Live-Performances vor durchwegs jugendlichem Publikum, fanden die ersten Skispringer-Vortragenden Christoph & Lollo bald zu einiger Übung und Routine. Ihrem autodidakten Ansatz blieben die beiden jedoch treu.

Weitgehende Einigkeit herrscht bei der Antwort auf die Frage nach dem ersten Skispringerlied überhaupt. Es wurde Ende der 90er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts im österreichischen öffentlichen Rundfunk (ORF) von Tonträger abgespielt. Der Song "Lebkuchenherz" (ca. 1998) gilt als anerkanntes erstes Skispringerlied. Unklarheit herrscht hingegen bei der Frage nach dem Sinn des Genres. Sehen einige in den kritischen Texten vor allem eine ironische Absage an den "ausbeuterischen Spitzen- und Hochleistungssport", der in seiner Ironie bereits auch die Sinnlosigkeit dieses Vorgehens andeutet, betrachten andere das Genre als pseudokritische jugendkulturelle Zeiterscheinung.

Fest steht jedoch, daß die beiden Pioniere Christoph & Lollo sich konsequent einer Vereinnahmung durch allzu kommerzielle Medien entgegensetzten ("Da kommt vielleicht Radio Niederösterreich auf die Idee das zu spielen. Na, da haben wir den Scherben erst recht auf", Christoph).

Kam es bei den ersten öffentlichen Vorführungen ausschließlich zum Vortrag von Skispringerliedern, wurde diese puristische Haltung bald verwässert. Bereits mit dem zweiten Album ("Mehr Skispringerlieder", 2001) wurde ein zweites Genre etabliert. Die Feiertagslieder. Diese waren zwar zahlenmäßig unterrepräsentiert, stilistisch jedoch ähnlich arrangiert und wurden in nahezu identer Art und Weise vorgetragen. Diese Feiertagslieder (die ersten setzten sich mit "Weihnachten" und "Pfingsten" auseinander) werden ebenfalls unterschiedlich eingestuft. Sicher gilt, daß es sich bei ihnen um keine moderne Version der religiösen Erbauungsmusik handelt. Religiöse Aspekte werden sogar eher kritisiert beziehungsweise deren Sinnhaftigkeit und Wahrhaftigkeit hinterfragt. Fest steht auch, daß erst nachdem sie Feiertagslieder in ihr Repertoire aufgenommen hatten, Christoph und Lollo Weltruhm erlangten..."

Christoph & Lollo im wellbuilt-Interview:

Zur Zeit tourt Ihr ja gerade mit den Teenie-Rockern Heiz durch Österreich und Deutschland. Wie läuft’s?

Lollo: "Das mit der Tour ist so: Tagsüber fährt man Auto. Dann kommt man irgendwann dort an, wo man am Abend spielen soll. Da gibt es dann hinten schon meistens ein Buffet. Dort kann man sich dann Schinkenbrötchen zusammenstellen und ein Bier aus dem Kühlschrank nehmen und trinken. Dann sitzt man herum und trinkt Bier und unterhält sich. Und dann ist irgendwann Soundcheck. Dann sitzt man wieder herum und trinkt Bier und unterhält sich. Und dann kommt das Konzert. Dann sitzt man wieder herum, trinkt Bier und unterhält sich, bis man ganz müde ist. Dann geht man ins Bett schlafen."

Christoph: "Am nächsten Tag wacht man auf und macht wieder das selbe."

Wie klappt die Zusammenarbeit mit Heinz?

Christoph: "Heinz sind doch so Rocker. Ich meinte, daß sie so echte Rocker sind, die unbedingt als Rocker erfolgreich werden wollen und das ganz ernst nehmen wie Popodrom-Bands."

Lollo: "Bis diese draufkommen, das es doch gescheiter ist, Politologie zu studieren. Heinz nehmen es ganz locker, aber es ist doch irgendwie ernst gemeint. Die machen halt Musik – wir machen keine Musik."

Und wie sieht das das Publikum?

Christoph: "Das Publikum ist ja so gut wie das selbe. FM4 spielt Heinz und Schispringerlieder. Es gibt sehr wenige, die zu den Heinz-Konzerten gehen und uns überhaupt nicht kennen. Die Leute haben sich eigentlich gefreut."

Lollo: "Obwohl wir immer gesagt haben, wir sind die ungeeignetste Vorband der Welt. Denn eine Vorband soll Stimmung machen. Vorbands sind auch oft härter als die Hauptband und machen so richtig Krawall. Die ärgsten Typen im Publikum sind jene, die sagen: 'I bin nua wegn da Vuabänd do.’ Wir sind ja eigentlich die Langeweiler vom Dienst."

Christoph: "Das mit dem Reden sollten wir einschränken. Ich höre immer wieder Kritik von meinen Eltern. Die standen im Publikum und rundherum haben sie Murren gehört wie 'De soin endlich wos spün, jezza!’"

Lollo: "Andere behaupten, wir sind viel zu eitel. Ich glaube, wir gehen knapp am Attentat vorbei."

Na Gott sei Dank.

Lollo: "Bei einem Rock-Konzert folgt ja ein Lied auf das andere. Das machen die nicht ohne Grund, sonst würden sie auch die ganze Zeit reden und bräuchten weniger Lieder schreiben. Bei uns war das ja so am Anfang: Wir hatten nur fünf Lieder beim ersten Auftritt und haben uns große Sorgen gemacht, daß das Konzert zu kurz sein würde. Die dortige Veranstalterin hat uns gesagt, wir sollten doch dazwischen reden. Das macht das Ganze länger."

Christoph: "Am Anfang haben wir uns schwer getan und aus Zwang gesprochen. Irgendwie hat sich das jetzt eingebürgert. Mittlerweile ist es schon übertrieben und gar nicht mehr so notwendig. Eigentlich sollten wir einfach die Schnauze halten! Wir haben uns nie überlegt, wie das auf der Bühne ist; was wir machen sollen."

Und ist das dann lustig und gefällt den Leuten?

Christoph: "Der Funaki-Remix wird sehr oft auf FM4 gespielt – jeden Tag – also viel zu oft, auf jeden Fall. Dann kommen wir auf die Bühne und sind noch genau solche tolpatschigen Rotzer; nur daß wir mittlerweile frecher sind und uns etwas sagen trauen. Und das paßt irgendwie nicht. Besser werden wir nicht. Wir können nur zu reden aufhören. Wir wollten eigentlich nie gut sei. Ich weiß nicht wie professionell wir sein sollen. Wir können aber nicht professioneller sein, als wir schon sind. Wir können gar nicht mehr richtig schlecht sein: Mir ist aufgefallen, daß wir uns nicht mehr richtig verspielen und fast immer den Text wissen. Eigentlich haben wir uns nur daran gewöhnt."

Was ist toller an eurem neuen Album "Mehr Skispringerlieder" als an eurem Debüt "Skispringerlieder"?

Lollo: "Es ist schon anders. Das Erste war durch und durch traurig, das zweite ist nicht mehr so traurig, ein wenig beschwingter, fast schon rockig in manchen Abschnitten – wahrscheinlich poppiger."

Ausgefeilter und durchdachter?

Christoph: "Das war nicht geplant. Eigentlich waren wir bei den Aufnahmen zu dieser CD noch chaotischer als bei der ersten. Es war auch so, daß die Vorbereitungszeit sehr kurz war, obwohl sie länger als beim Vorgänger war. Bei der ersten CD haben wir alle Lieder schon gehabt - bis auf zwei, und bei der zweiten mußten wir noch drei schreiben. Also schon mehr Aufwand."

Müssen?

Lollo: "Ich glaube, es ist keine Qual. Müssen ist das falsche Wort, aber eine CD sollte zumindest zehn Lieder enthalten. Wir hätten auch bei der ersten CD nicht einfach fünf Lieder, die zwei Minuten zwanzig dauern, aufnehmen können. Das wäre einfach zu wenig."

Christoph: "Wenn das Lied zu kurz ist, macht man halt noch einen Refrain dran oder wenn es ganz kurz ist, macht man den Refrain am Schluß ganz lang. Klassisches Stilmittel von uns!"

Nach welchen Kriterien wurden die "neuen" Schispringer ausgewählt?

Christoph: "Nach den selben wie bei der alten CD. Da war es noch des öfteren so, daß einem die Namen eingefallen sind - oder irgendjemand anderem. Bei der zweiten CD haben wir sie von irgendwelchen Zetteln. Im kreativen Prozeß, der zu so komischen Liedern führt, braucht man irgendwann einen Schispringernamen – und zwar schnell! Den kriegt man dann irgendwo. Wir haben ja Listen. Früher hatten wir diese von der Qualifikation des Berg Isel-Springens."

Lollo: "Es ist oft so, daß nach einem Konzert jemand auf uns zukommt – meistens ein junger Mann mit langen Haaren, der sagt: 'Und kennt ihr den Schispringer? Das ist nämlich der Ärgste von allen!’ und dann erzählt er uns von irgendeinem. So haben wir schon von ziemlich vielen Schispringern gehört, die die traurigsten und ärmsten von allen sind und die furchtbarste Geschichte haben, aber wir haben alle wieder vergessen."

Das Funaki-Lied wird ständig um ein paar Zeilen und Strophen erweitert. Ein Endlosprojekt?

Lollo: "Ein Geschwür in ständig wachsenden Gstanzln. Funaki bietet sich an, weil es einfach ist. Wir denken uns immer: Jetzt sollten wir bald ein neues Lied haben. Du machst dir ja Sorgen, Erwartungen von Leuten zu enttäuschen. Es ist ja so, daß wir, wenn wir jetzt auftreten, überhaupt nichts können, was nicht irgendwie schon auf CD wäre, und das macht uns irgendwie Sorgen. Deswegen ist es das einfachste, neue Funaki-Strophen zu schreiben. Und die Leute – das merkt man – freuen sich darüber, wenn es wieder was Neues gibt."

Wann wird es das erste Schispringerlied über einen Österreicher geben?

Christoph: "Schaut schlecht aus. Österreicher wird es nicht geben. Das wird immer fixer. Stell dir vor, wir machen ein Lied über einen Österreicher und das ist noch dazu nicht allzu traurig und vom Text her verträglich und nicht negativ, vielmehr entweder lustig oder sogar positiv. Und da kommt vielleicht Radio Niederösterreich (Schlagerradio, Anm.) auf die Idee, das zu spielen. Na, da haben wir den Scherben erst recht auf. Möglicherweise ist es auch noch so ausproduziert, daß wir die Leute wieder täuschen. Dann kommen Leute zu unseren Konzerten, die sich denken, die machen lauter fröhliche Lieder. Und die glauben, wir können Musik machen; dabei können wir nur mit einer Gitarre spielen und mit zwei Stimmen singen."