: console : elektronik mit herz & seele

text: holger fleischmann

Wer Pop und Elektronik gleichermaßen schätzt, kam in den letzten beiden Jahren kaum an ihm vorbei. Die Rede ist von Martin Gretschmann, der als Console beide Genres innig vereint. Vergangenen Dezember weilte er mit seiner Liveband für zwei Konzerte in Österreich. wellbuilt nutzte diese Chance und traf Martin Gretschmann zum Interview.

Martin Gretschmann sitzt mit einem Bier in der Hand im Backstageraum des Wiener Flex. Links und rechts neben ihm haben es sich die Mitglieder der Console-Liveband – allesamt in diversen Bands und Projekten der "Weilheimer-Szene" aktiv – bequem gemacht. Und davor, beinahe in einem Halbkreis aufgefädelt, eine Reihe wissbegieriger Fragesteller. Die Zeit drängt. Zwischen Soundcheck und Auftritt bleibt nur wenig Zeit, einige Interviews zu führen. Doch Martin Gretschmann bleibt gelassen und verzichtet aufs Essengehen. Stattdessen ordert er eine Pizza für später und widmet sich der Reihe nach den Interviewern. Es wird gewitzelt und geplaudert, es werden Station ID’s für die Kollegen von Funk und Fernsehen ins Mikro gesprochen – und eine der wesentlichen Fragen des Abends fällt auch gleich zu Beginn: Wann denn ein neues Console-Album erscheinen wird?

Allzu bald wird es einen neuen Console-Longplayer nicht geben, dämpft Gretschmann die Erwartungen. Denn momentan arbeitet er noch mit The Notwist an deren neuen Platte, welche nach gut eineinhalb Jahren Arbeitszeit Ende März fertig sein soll. "Während wir Notwist machen, kann ich höchstens mal einen Remix oder ein Stück für eine Compilation aufnehmen. Oder ein paar Konzerte spielen. Aber ich kann da nicht gleichzeitig eine eigene Platte machen", erklärt Gretschmann. Dazu müsste er erst mal seinen Kopf gänzlich frei bekommen – was noch eine Weile dauern könnte. Mit einem neuen Console-Album darf man daher nicht vor Anfang 2002 rechnen. Als Appetizer und "Zwischenhäppchen", um die Wartezeit bis dahin ein wenig zu verkürzen, ist vor kurzem eine Remix-Sammlung auf den Markt gekommen. In limitierter Auflage gibt’s auf "Console Yourself" 7 Remixe der letzten Jahre, sowie einen neuen Track zu hören.

Spezialgebiet Taschenrechner
Wie so viele hat Gretschmann eigentlich als Rockmusiker begonnen – etwa als Bassist der momentan "auf Eis liegenden" Toxic. Anfang der Neunziger wandte er sich dann im Zuge des einsetzenden Techno-Booms erstmals auch elektronischer Musik zu. "Taschenrechner, Zahlen, Daten, Computer – das war ja immer schon mein Spezialgebiet. Und deshalb war der Schritt für mich nicht sonderlich groß, elektronisches Zeugs zu kaufen und mich da einzuarbeiten." Rockmusik liebt Gretschmann aber nach wie vor. Nur selber welche zu spielen, daran denkt er kaum noch: "Wenn man einmal mit elektronischer Musik begonnen hat, dann ist der Schritt zurück schon schwierig. Da steht man dann im Proberaum mit Gitarre oder Bass in der Hand und denkt sich: Ach, das klingt ja immer gleich. Wenn ich jetzt mit meinem Equipment im Studio wäre, wüsste ich schon, was zu tun wäre..."
Nach der Veröffentlichung des ersten Console-Album "Pan Or Rama" stieg Gretschmann bei den Weilheimer Urgesteinen von The Notwist ein und führte diese zart in neue elektronische Gefilde. Kurz darauf, Ende 1998, erschien das bislang letzte Console-Album "Rocket In The Pocket", das tanzbar und sperrig-komplex zugleich war. Den endgültigen Durchbruch verdankt Console allerdings zweier Non-Album-Singles: "14 Zero, Zero" und "Freiburg V3.0". Beide seien, so Gretschmann, aber eher zufällig entstanden. Bei "14 Zero, Zero" war es so, dass der Basslauf der Nummer schon länger seine Festplatte okkupierte, schildert Gretschmann. Die Software, mit der er dann die Vocals generierte, fiel ihm unverhofft in die Hände. Darunter legte er dann nur noch einen Beat – und im großen und ganzem war die Sache geritzt. Auch "Freiburg" war nicht von langer Hand als der Hit geplant, als den er sich entpuppte. "Wir haben irgendwann mal vor längerer Zeit in Berlin nur zu zweit ein kleines Set gespielt und haben die Nummer damals schon gecovert. Einfach, weil ich sie so geil finde und immer schon mal covern wollte. Ein halbes Jahr später haben Tocotronic dann nach einem Remix gefragt. Da mir aber partout nichts eingefallen ist, hab ich mir gedacht, ich schick da ganz einfach mal diese Coverversion hin – vielleicht finden die es ja eh ganz gut. Ja und plötzlich haben alle die Nummer supergut gefunden und wollten auch gleich eine Single daraus machen." Für Console erwies sich dies als Glückstreffer. "Da es von Console eigentlich nichts Neues gab, war somit mit "Freiburg" das Jahr 2000 irgendwie ganz gut gerettet", freut sich Gretschmann.

Console im Interview

wellbuilt: "14 Zero Zero" scheint ja eine Liebeserkläruntg eines Computers an seinen Programmierer bzw. Nutzer zu sein. Wie sieht’s umgekehrt mit deiner Beziehung zu deinem Equipment aus?

Martin Gretschmann: Meine Beziehung zu meinem Equipment ist eigentlich sehr intim. Für mich leben ja alle meine Geräte. Ich finde auch alle meine Kabel super und würde denen allen gerne einen Namen geben. Ich hab aber leider so ein schlechtes Namensgedächtnis. Vielleicht sollt ich mir lieber das jeweilige Kaufdatum merken.

Verfolgst du mit Console irgendwie den etwas romantisch anmutender Wunsch, Computern Leben einzuhauchen?

Ja. Das kann man schon so sagen. Ich erinnere mich diesbezüglich an ein Interview von Björk. In dem hat sie gemeint, sie könne es überhaupt nicht verstehen, wenn Leute darüber schimpfen, dass man mit Computern Musik mache und dass das doch seelenlos sei. Björk hat dann in diesem Zusammenhang den sehr schlauen Satz gesagt, dass ein Computer immer genau so viel "Seele" hat, wie der, der ihn bedient. Fertig.

Console heißt übersetzt unter anderem "Schaltpult", was ja auf eine Schnittstellenfunktion zwischen Mensch und Maschine hinweist. War das dann bewusst von dir so gewählt?

Nein. Console klingt einfach gut. Er bedeutet ja auch "trösten". Aber das find ich dann eben wieder geil an dem Namen, wenn er zwei so total divergierende Bedeutungen hat.

Gibt es ein Referenz-System, dass für Console wichtig ist? Bestimmte Künstler, Stile, Epochen, die den Console-Sound beeinflusst haben?

Bestimmt. Das ist aber schwer festzumachen. Es hat auf jeden Fall sehr viel mit meiner frühesten Kindheit zu tun. Da habe ich mit meinen ersten Kassettenrecorder immer die Hitparade aufgenommen. Nena und NDW, damit habe ich angefangen so richtig Musik zu hören. Überhaupt waren die ganzen Achtziger und deren Style sicher sehr prägend für mich. Ansonsten halt sehr viel Gitarrenmusik. Deshalb empfinden wahrscheinlich auch so viele, dass Console so "warm" klänge. Am elektronischen Sektor finde ich vor allem Autechre supergeil, auf die komme ich einfach immer wieder zurück.

Mit Console schaffst du den Spagat zwischen Komplexität, Funkiness und Pop-Appeal. Ist das dein erklärtes Ziel?

Ja, auf jeden Fall. Für mich persönlich muss meine Musik halt immer irgendwie Pop sein. Und zwar aus dem Grund, weil ich in erster Linie Musik machen will, für die man nicht studieren muss. Es soll möglichst vielen Leuten gefallen. Oder besser gesagt: Es soll grundsätzlich vielen Leuten zugänglich sein, gefallen muss es ja nicht jedem. Andererseits darf es eben nicht nach dem fünften Mal anhören langweilig sein. Das ist halt so die Schwierigkeit...

...die du ja ganz gut meisterst.

Das ist ein Riesenkompliment. Danke.