: daft punk : harder, better, faster, stronger

text: holger fleischmann

Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter haben sich mit ihrer zweiten Hausaufgabe lange Zeit gelassen. Vier Jahre nach ihrem umwerfenden Debut "Homework" haben die französischen Musterschüler Daft Punk nun ihren Zweitling "Discovery" vorgelegt. Eine Bestandsaufnahme.

Die Latte lag hoch. Verdammt hoch sogar. Was "Kid A" im Vorjahr war, wurde "Discovery" heuer zuteil: das sowohl von Fans, als auch den Medien wohl sehnsüchtigst und mit größter Spannung erwartete Album des Jahres zu sein. Und ähnlich wie bei Radiohead drängte sich schon im Vorfeld der Veröffentlichung die Frage auf, wie es nach einem monumentalen Meisterwerk, die Neunziger entscheidend prägenden Album überhaupt weitergehen kann. "Homework", das Debutalbum von Daft Punk, war einfach mehr als "nur" eine großartige House-Platte. "Homework" kam einer mittleren Revolution gleich. Selten zuvor konnte ein tief in der Clubkultur verwurzelter Act schnurstracks und mit einem dermaßen radikalen Album die Charts knacken, spielend den Mainstream erobern und quer durch die Bank musikalischer Präferenzen Konsens erzielen.

Die Tracks von "Homework" waren pures Adrenalin, kompromissloser Dancefloor-Stuff, Rock im House-Kostüm – und umgekehrt. Mit nach vorne peitschende Bässen und Rhythmen wurde man von den rauen und wahnsinnig dichten, kraftvollen House- und Disco-Entwürfen beinahe erschlagen. Dabei waren die Tracks meist relativ einfach, dafür aber umso effizienter und intensiver gestrickt. Als "Homework" Anfang 1997 erschien, galten die damals gerade mal 22 Jahre alten Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter daher zu Recht als House-Erneuerer und Speerspitze einer um sie und dem Duo Motorbass prosperierenden französischen Dance-Szene. Schnitt. Mittlerweile sind einige Jahre vergangen. Bangalter ließ seine Genialität mit Stardust und "Music Sounds Better with You" kurzfristig aufblitzen, ansonsten widmeten sich Daft Punk ihren Labels Roule und Crydamoure.

Im Vorjahr dann das erste Lebenszeichen von Daft Punk seit langem: "One More Time" mit dem US-House-Veteranen Romanthony an den Vocals wurde als Vorbote und erste Singleauskoppelung von "Discovery" veröffentlicht – und löste gleich einmal Zwiespalt aus: Während viele darin eine euphorische Disco-Hymne sahen und feierten, wurde es von Puristen als zu kommerziell abgetan. Eines zeichnete sich allerdings schon klar ab: Auf Homework Part 2 hatten Daft Punk keine Lust. Und: Homework mit seinen eigen Waffen zu schlagen, wäre sowieso ein äußerst schwieriges Unternehmen geworden. Auf "Discovery" greifen Daft Punk zwar Ansätze ihres Debuts auf, gehen aber viel differenzierter zur Sache. Statt die Nummern um die eine zündende Idee herum straight aufzubauen, gestaltet das Duo diese auf "Discovery" weit opulenter, vielschichtiger, schriller.

Das gesamte Album auf Tanzboden-Kompatibilität zu trimmen, stand offensichtlich nicht mehr im Interesse der Franzosen. Vielmehr näheren sie sich mit vielen Nummern dezent dem klassischen Songformat an. Dabei brechen sie mehr als nur einmal jene House- und Dance-Rules, für die sie noch mit "Homework" gekämpft hatten. Also: Keine zehnminütigen, einem an- und abschwellenden Spannungsbogen gehorchende Tracks, sondern kompakte Vierminuter. Keine monotonen Wiederholungen eines einzigen Schemas, sondern Songs, die plötzlich in einen andern Stil umkippen. Und: Das Revival der Van Halen-Gitarrenwixerei – etwa bei der zweiten Single "Aerodynamik", bei welcher der Beat sekundenlang verstummt und einer flinken Fingerorgie erster Güte Raum bietet. Ansonsten streifen Daft Punk durch Air-Territorium ("Something About Us"), verneigen sich mit "Short Circuit" vor Herbie Hancocks Elektro-Klassiker "Rockit" oder zelebrieren Vocoder-Eskapaden ("Harder, Better, Faster, Stronger") und Disco-Pop ("Face To Face"). Im Gegensatz zum äußerst homogenen "Homework" punktet "Discovery" mit seiner Heterogenität, seiner umwerfenden Vielfalt. Teilweise wirken die unzähligen pophistorischen Referenzen zwar beinahe schon ein wenig zu oberschlau und konstruiert, aber das ist nebensächlich. Denn sie verkommen nicht zum reinen Selbstzweck, sondern unterstützen "Discovery" in einer seiner Hauptmissionen: Gute Laune machen. Und darum ist es bei Daft Punk letztlich immer schon gegangen. Fazit: Ein derart wegweisendes Album wie "Homework" zu toppen, ist "Discovery" nicht gelungen. Aber das durfte man ja auch nicht erwaten. Ein aufregendes, großartiges Album aber allemal. Und dies erfüllen Daft Punk mit Bravour.



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