: spät, aber doch : die wiederentdeckung eines anderen österreichs

text: falk

Nach über zwanzigjähriger Arbeit und Forschung haben die Verfasser des Lexikons der österreichischen Exilliteratur, Siglinde Bolbecher und Konstantin Kaiser, mit Hilfe vieler (vor allem jüngerer) Mitarbeiter, Exilanten und Freunde ein Standardwerk der österreichischen Literaturgeschichte herausgebracht. Es ist in seiner Ausführung ein einzigartig komplettes, gut recherchiertes und sprachlich wertvolles Werk. Abgesehen vom lexikalischen Wert verdient das Engagement zur Aufarbeitung und Ausleuchtung der literarischer Geschichte Österreichs in Zeiten der Verfolgung und Repression durch die Nazis ein hohes Maß an Anerkennung.

"Die Regierung ist in übler Tinte. Von außen "Greuelpropaganda" wegen ihres Judenkampfes. Sie dementiert ständig, es gebe keine Progrome [...]. Wiederum droht sie offen, gegen die deutschen Juden vorzugehen, wenn die Hetze der "Weltjuden" nicht aufhöre. Inzwischen im Innern kein Blutvergießen, aber Bedrückung, Bedrückung, Bedrückung. Niemand atmet mehr frei, kein freies Wort, weder gedruckt noch gesprochen."
Victor Klemperer am 27. März 1933

Vielen Autoren und Autorinnen in Deutschland und Österreich ist es in den Jahren 1933 (bzw. 1938) bis 1945 ähnlich ergangen, sie haben ähnlich gefühlt wie Klemperer es in seinen Tagebuchaufzeichnungen beschreibt: Ein Gefühl, ohne Stimme zu sein, stumm gebrüllt durch den Nationalsozialismus.
Es ist daher umso wichtiger, jene Autoren nicht zu vergessen bzw. an sie zu erinnern, die es in innerer oder äußerer Emigration dennoch gewagt haben, ihre Stimme zu erheben.
Das Lexikon der österreichischen Exilliteratur ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Es ruft Schreibende in Erinnerung, die nahezu vollkommen vergessen waren und auf diese Weise wieder in den literarischen Diskurs aufgenommen werden könn(t)en. Es zählen dazu auch jene Schriftsteller, die von den Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern umgebracht wurden.

Es ist ein Lexikon der österreichischen Exilliteratur, das sich bewußt gegenüber der vergleichbaren deutschen Geschichte abgrenzt. Allzu oft wurden diese beiden Literaturen unreflektiert deutsch-österreichisch vermengt, obgleich sie doch für die nachfolgende Literatenwelt von teils vollkommen unterschiedlicher Bedeutung sind und in verschiedenartigsten historischen Ereignissen wurzeln. Es wurde hiermit zum ersten Mal der Versuch gemacht, den österreichischen Exilanten ein eigenes Forum zu geben – mit Recht.

Besonders positiv ist der Umstand zu bewerten, dass die Verfasser kaum Selektion in irgendeiner Richtung vorgenommen haben: Es finden sich bekannte (Roda Roda, Ödön von Horváth) und vergessene Autoren ebenso wie Schriftsteller der "anspruchsvolleren" (Canetti) oder der "trivialen" (Ibbotson) Literatur. Jede Form von Literatur hat hier ihre Berechtigung. (Eine Ausnahme bilden allein ausschließlich journalistisch tätige Autoren).
Besonders einfach macht den Umgang mit dem Lexikon der Umstand, daß der Aufbau (alphabethisch) stark an Kindlers Literaturlexikon angelehnt wurde und einigermaßen geübte User sich so schnell zurechtfindet. Zudem gibt es zahlreiche Fotos der Autoren und präzise Angaben über Namen oder verwendete Pseudonyme.
- Ein "must" für alle germanistisch und literaturwissenschaftlich Interessierten und ein aufschlussreiches Werk für all jene, die sich mit Exilliteratur und zu Unrecht aus dem etablierten Kanon gedrängten Schicksalen auseinandersetzen möchten.

Siglinde Bolbecher, Konstantin Kaiser: Lexikon der österreichischen Exilliteratur, Deuticke, Wien 2000.
Seiten: 763, Preis: 498,- öS; 68,- DM; 63,80 SFR

: related links :

www.deuticke.at