: Grissemann und Stermann™ : Kraft durch Räude

text: thomas weber

Es ist schon komisch. Das Duo Grissemann und Stermann lebt von seinem Image, vom Underdog-Status, den das Entertainer-Pärchen im Laufe der letzten Jahre langsam, aber stetig mehrheitsfähig gemacht hat. Trotzdem – oder gerade deswegen? – scheinen die beiden keinen besonderen Wert darauf zu legen, es zu hegen und zu pflegen. Was etwa über die beiden geschrieben wird, ist ihnen genaugenommen scheißgal. Als nach fünf Gesprächsminuten den Batterien des Aufnahmegeräts der Saft ausgeht, macht das gar nichts. Merk`s dir halt. Und wenn Dir nichts einfällt, dann erfind halt einfach was! Kein Problem. Im Folgenden also eine Mischung aus Fakten und vermutlich wohl auch ein wenig Fiktion.

Die Kombination Grissemann und Stermann ist mittlerweile absoluter Mainstream. Die beiden gurken nicht nur seit Jahren in der vom Magazin "News" alljährlich erstellten Liste der "1000 wichtigsten Österreicher" auf und ab (obwohl Stermann vor dem Gesetz eigentlich nach wie vor deutscher Staatsbürger ist), sondern sind auch als Comedy-Content für den Internet-Provider T-Online interessant. Und das T-Online-Portal ist "auf größtmögliche Breite angelegt" (Geschäftsführer Hubert Redtensteiner). Grissemann und Stermann, das ist eine Marke, die längst auch für andere Marken wirbt. Und dank der ständigen Präsenz ihrer Stimmen in TV-Dokumentationen funktioniert diese Marke mittlerweile auch ganz ohne Namensnennung. Eigentlich fehlt zum Markenbekenntnis nur mehr ein prägnant trashiger Schriftzug (vielleicht spielt sich ja der Graphiker ein bisschen, Anm.) ... Nur gibt es da im Gegensatz zum McDonald`s "M" und zum "Otto"-Versand ein großes Problem: Beide lassen sich von vorne und von hinten lesen. Stermann und Grissemann. Grissemann und Stermann. Gesprochen funktioniert das von vorne und von hinten. Als Schriftzug eben nicht.

Gerade dieses Markenbewußtsein macht es umso erstaunlicher, daß es Grissemann und Stermann gelungen ist, nichts oder zumindest kaum an Credibility einzubüßen. Zwar polarisierte das Duo eh und je, aber eine wirkliche Wahl scheint es einfach nicht zu geben. Entweder "Pro" oder "Contra" Grissemann und Stermann. Keine Graustufen. Und ihre Masche einfach als "Kommerz-Humor" (ein Kritiker) abzuqualifizieren, wird ihnen nicht im geringsten gerecht. Ihre Schmähs und Witzchen funktionieren zwar auf den unterschiedlichsten (auch primitiv sexistischen) Ebenen, in puncto Subtilität sind sie vom Holzhammerhumor der deutschen TV-Starkomiker-Riege jedoch meilenweit entfernt.
Keine Frage, wenn es so etwas gibt, dann ist Grissemann und Stermanns Trademark der "schlechte gute Geschmack". Da macht es gar nichts, wenn gar nicht so wenige ihrer Albernheiten wirklich schlecht sind. Darauf sind sie stolz, das macht ihren Charme aus. In dieser Hinsicht machen sie weder sich selbst, noch ihren Fans etwas vor. Deswegen machen sie es Kritikern ja auch so leicht. Mit berechnender Ehrlichkeit, einer Vorwarnung, daß jetzt gleich eine billige Pointe kommt, damit läßt sich auch der schlechteste Witz gut verkaufen. Trash, der nicht vorgibt, High Art zu sein. Das Konzept: scheinbar deppensicher, von jedem durchschaubar, genial. Und: Die Kunst liegt in der Wiederholung. Alles in allem istgleich: Punk. Vielleicht Fun-Punk.
Und diese Schiene ist mittlerweile fest eingefahren. Viele, die Grissemann oder Stermann (auch solo) als Synchronsprecher im Fernsehen hören, warten auf die scheinbar obligate Witzelei. Dieser Problematik ist Grissemann sich natürlich bewußt: "Klar, eine Holocaust-Dokumentation wird uns der ORF deshalb auch sicher nicht mehr lesen lassen".

Grissemann und Stermann sind genau wie ihre FM4-Kollegen von "Projekt X" (Donnerstag, 0.00 Uhr) keine Könige der großen Pointen. Ihre Spezialität ist derber Humor, Schlagfertigkeit und Situationskomik. Und die Bekenntnis zur Peinlichkeit und zum eigenen Scheitern. Anti-Glam. Manchmal ist das auch krampfhaft. Gar nicht so abwegig der Gedanke, daß Grissemann und Stermann am Erzählen eines stinknormalen Witzes scheitern könnten. Zumindest würde es ihnen schwer fallen, ihn stinknormal zu erzählen. Ihr Witz wäre stinknormaler. Immer ein bisschen mehr oder weniger.
Dabei entsprechen die beiden durchaus der Norm. Klassifikation: Besserverdienende Durchschnittsmitteleuropäer eloquenter Natur. Ansatzweise deviant. Die Norm bricht die Norm. Das macht Spaß, ist sypathisch und – nocheinmal – für jeden nachvollziehbar.
Einfach ehrlich, einfach Grissemann und Stermann. Und gerade deshalb kein saisonaler Spaßzwang a la Villacher Fasching. Wer seine Tour durch die Sporthallen des Landes einen "Scheißabend für alle Beteiligten" nennt, kann kein ganz schlechter sein. Da mag noch soviel Berechnung und Pseudo-Solidarisierung dahinter stecken. Vieles wird explizit erwähnt wird. Da wird Insiderwissen von Medienprofis an die breite Masse weitergegeben. Eine einzige Antwort fällt Dirk Stermann auf die Frage, ob Grissemann und Stermann irgendein Ziel verfolgen, sofort ein: "Es dreht sich alles darum, den Status des Unnahbaren des "Herrn Redakteurs" zu unterminieren". Der Star-Moderator als Mensch von nebenan. Also verwirklichen Grissemann und Stermann das, was FPÖ und Kronen Zeitung fordern, den "ORF in Bürgerhand"? Boshaft könnte man Stermann und Grissemann Bodenständigkeit nachsagen. Neutraler den Dogma-Ansatz. In eine Phrase gegossen die "Burn, Hollywood, Burn!"-Flagge ins Foto montieren. Kein "Show Respect!", sondern "No Respect". Und das gilt nicht nur für ihre Arbeit, sondern auch für die Art und Weise mit der sie ihren Fans begegnen. Und umgekehrt. "Wir leben von einer Privatheit und Vertrautheit zwischen Radiomoderator und Publikum, die es in Österreich bis dato nicht gegeben hat" (Stermann). "Deshalb verzeiht uns unser Publikum auch sehr viel. Uns werden menschliche Schwächen zugestanden" (Grissemann).

Zur Zeit des Interviews sind beide schwer gezeichnet. Stress, das neue Programm ("Die Karawane des Grauens"), Promotion-Interviews, Auftritte, die FM4-Sendungen aufzeichnen, immer wieder nach Deutschland pendeln, die "Radio Eins"-Show aufzeichnen. Und nach den Auftritten mit Fans trinken. "Bei uns hat jeder den Eindruck, daß man mit uns saufen gehen muß" (Grissemann). Auch das ist Bodenständigkeit. Auch das ist Show. Ein bedauernswertes Image. Die Tour-Auftritte eben wirklich eine Karawane des Grauens...

Wie kann man jemandem, der Grissemann und Stermann nicht kennt, vermitteln, was sie machen? Was sind Grissemann und Stermann? Diese Frage läßt unzählige Antworten zu. Einfach nur abgebrühte Medienprofis. Wohltuend ernüchternde Entertainer. Geistige Free-Jazzer, die live on air (oder eben aufgezeichnet) mit Gedanken improvisieren und Variationen durchprobieren. Das Ergebnis dann ohne Probleme und Eitelkeit wieder verwerfen. Oder ganz gegen den "Über eigene Witze lacht man nicht"-Leitsatz, auch selbst darüber lachen können. Und eine gute Idee hoffnungslos und endlos ausschlachten. Selbstkritik ist dann folglich oft Selbstverarschung. Und wer über sich selbst lachen kann, sich selbst verarscht, genießt Narrenfreiheit. Auch ORF-intern. Fast alles geht. Von dieser unbändigen Kraft, ihrer in Szene gesetzten Derbheit profitiert auch FM4. Dem Sender verhalfen sie vor einiger Zeit auch zu den legendären "Ich hatte Sex mit Leonardo Di Caprio. Danke FM4"-T-shirts. Genau. Noch einmal: Sie sind Marketinggenies. Schließlich arbeiten und verkaufen sie sich multimedial. Da gibt es die Radio Shows (auf FM4 und auf Radio Eins). Dann die Live-Auftritte auf der Bühne, dann die Kolumne für das Magazin "Wiener". Und Bücher, Videos, CDs, die neue Website (www.stermann-grissemann.com). Und vermutlich noch einiges mehr.
Selbst sieht sich weder Grissemann, noch Stermann als Kabarettist, sondern als "Radiomenschen" (beide wie aus der Pistole geschossen). Trotzdem ordnet nicht nur der Durchschnittsradiohörer sie dem Kabarettisten-Fach zu. Labels verkaufen sich leichter. Das wissen nicht nur Grissemann und Stermann, sondern auch ihr Vertrieb Hoanzl. Die Grissemann und Stermann-Videos und CDs werden in der Serie "Best Of Kabarett" verkauft. Genauso wie die Videos von Andreas Vitasek, Roland Düringer, Alfred Dorfer und die Folgen der Klamauk-Sitcom "MA 2412"...

Was sie in jedem Fall sind: ein Medienphänomen. Allerdings ein gewachsenes und kein aus dem Boden gestampftes. Das ergibt ein längeres Haltbarkeitsdatum als Pokemon. Zwar gibt es keine Grissemann und Stermann Sammelkarten, keine Spielfiguren, keine Plüschfiguren und keine Federpennale. Doch alles das ist nicht unvorstellbar. Wer Bart Simpson-Boxershorts trägt, könnte sich genauso gut eine Grissemann-Krawatte umhängen. Fast alles ist käuflich. Das ist es, was Grissemann und Stermann immer wieder verdeutlichen. Und eine unverkrampfte Herangehensweise an dieses Faktum. In "Karawane des Grauens" outen sie sich als Markenschweine: Ihre Anzüge sind von Gucci, die Uhren von Rolex. Alles exquisit, alles Design. "Nur wir sind von H&M". Stermann und Grissemann schaffen Bewußtsein, daß uns der Alltag Lifestyle von der Stange verkauft. Zeigen, wie man damit umgehen kann (etwa wenn sie den Eurovisions Songcontest auf FM4 moderieren). Deshalb wäre ihre Art von Humor auf dem „neuen neuen Ö3“ (G&S) heute auch deplatziert. Grissemann und Stermann machen ihr Publikum zu mündigen (Medien-)Konsumenten. Das ist nicht nur ihnen selbst, sondern auch dem ORF hoch anzurechnen.

: samples :

sample1.mp3, sample2.mp3, sample3.mp3

(freundlicherweise von FM4 zur Verfügung gestellt)

: related links :

Grissemann & Stermann Tourdaten
www.stermann-grissemann.com

http://fm4.orf.at