: let the retro-hammer fall : hammerfall

text: christian prenger

Antreten zur inoffiziellen Klischeereproduktions-WM: Hammerfall demonstrieren live, wie man mit einem schwachen Gig eine unglaubliche Euphorie auslöst, solange nur ”True Metal”-Adrenalin verfüttert wird. TEXT: Chrristian Prenger

Ich hatte eine seltsame Vision: Am 1. Februar 2001 stehen Running Wild auf der Bühne. Irgendwann kommen Helloween dazu, Iron Maiden stürmen durch den Saal, Hand in Hand mit Accept, Manowar und Judas Priest. Nein, es waren keine frei erwerblichen Bewußtseinsstimulanzen (1 Bier) an dem Szenario schuld. Hammerfall gastierten im Wiener Planet Music.

Jene schwedische Band, die 1997 mit dem Album "Glory To The Brave" einen Heavy-Hype auslöste, der allgemein unter "True Metal" bekannt ist. Die Bands des Genres lassen sich leicht auf einen Nenner bringen: Zahllose sehr junge Combos pressen laue, jeglicher Eigenständigkeit entbehrende Imitate des traditionellen 80er-Metal auf CD, stylen das Ganze mit Kitsch, Posing sowie Gralshütersprüchen und verchecken dann Tonnen an Kids oder Dauernostalgiker. Die Praxis beweist, wie beliebt solcherlei Exkurse sind: Hammerfall wurden mit Euphorie überschüttet, trotz eines matten Gigs.

Angetreten war diese schwedische Formation offenbar mit dem Ziel, die inoffizielle Klischeereproduktions-WM mit eklatantem Vorsprung zu gewinnen. Schon die Bühnendekoration Marke Ronnie James Dio (Burg + Fackeln) signalisierte deutlich den Kurs: Hier wird der Soundfundus erfolgreicher Orginale wie Helloween, Maiden, Priest oder Running Wild gnadenlos geplündert, kurz durchgemischt und dann als Rückbesinnung auf die reine Lehre dargeboten. Schön bekömmlich mit abgeschliffenen Kanten samt eingängigen, kommerziellen Mitsing-Melodien. Bei so viel Vergangenheitsliebe störte es niemanden, daß die Band - abgesehen von Timingproblemen - jeden zweiten Übergang verpatzte und wenig kompakt wirkte. Zeitweilige Intonationsprobleme von Sänger Joacim Cans oder das gelangweilte Drumming von Anders Johansson konnten die Hingabe eines durch und durch retroisierten Publikums ebenfalls nicht im Geringsten untergraben.

Schließlich wurde gekonnt gepost, die Bühnenchoreografie der Sorte ”Synchron-Gitarrenschwenken” war nett anzusehen. Gitarrist Oscar Dronjak wand sich außerdem in einem Leder/Nieten-Outfit, mit dem er ohne weiters den Contest zum "Truesten der Truen" klar gewonnen hätte. Die Fans durften weiters - wie "damals" - mitschreien bei "Let The Hammer Fall" oder ”Legacy Of Kings”. Dass kaum Energie im Spiel ist, stört kaum - solange der Frontmann nur in alter Manowar-Manier in jeder Ansage die Rückkehr des wahren Metal verkündet...
Sorry Leute, letztlich ist das alles völlig absurd: Da steht eine Band auf der Bühne, die wesentlich schwächer ist als die mystifizierten 80er-Orginale, weniger Heavyness bietet und von der instrumentalen Seite her mit Maiden und Co. nicht mithalten kann. Vom fragwürdigen Faktor Authentizität gar nicht zu sprechen. Offen bleibt immerhin die Frage, ob Hammerfall bloß Realsatire sind oder ob sie es ernst meinen...

In jedem Fall ist das penetrante Festhalten an der Vergangenheit schier unerträglich. Bei Gigs dieser Art drängt sich der Eindruck auf, daß es sich lediglich um rührselige Nostalgietreffs handelt, wo die Musik hinter die Emotion (um nicht beleidigend zu werden) rückt. Achtung: Der Metal soll sich angeblich weiterentwickelt haben seit jener Dekade. Außerdem kann hin und wieder ein Blick nach vorne ganz bestimmt nicht schaden.

Er paßt auch zum Wesen einer prinzipiell höchst dynamischen, vitalen Musikrichtung. Ich empfehle auf Anfrage gerne moderne Bands wie Nevermore, die auch straighten Sound bieten – sofern das nicht das Weltbild einiger Leute gefährdet. Im Publikum standen ja überwiegend Fans, die viele Alben der zitierten Götter besitzen müßten (der Vergleich macht sicher). Trotzdem Ekstase (???).

Ein kleiner Trost bleibt doch: Hammerfall sind tatsächlich die beste Band der unsäglichen Flut an True Metallern, die heute von umsatzgeilen Labels ohne Rücksicht auf Verluste wie apokalyptische Flutwellen losgelassen werden. Da gibt es noch viel mehr drittklassige Kapellen, denen in den 80ern wohl auch niemand zugehört hätte. Fröhliches Erwachen allerseits, denn die zweite Klasse ist bekanntlich immer noch nicht die beste...


: hörtipps aus der 80er-traditionsecke :

Running Wild: ”Under Jolly Roger”, "Pile Of Skulls"
Helloween: "Keeper Of The Seven Keys"
Judas Priest: "British Steel"
Iron Maiden: "The Number Of The Beast"
Zed Yago: "Pilgrimage"
Accept: ”Balls To Wall"
Dio: ”Holy Diver”
Saxon: ”Crusader”


: related links :

www.hammerfall.net