: william howard russel : meine sieben kriege

text: werner schröttner

Was in heutigen Zeiten mehr ein Wettrüsten der verschiedenen Fernsehanstalten und Newsplattformen im Internet darstellt, war noch vor 150 Jahren eine primär individuelle jour-nalistische Herausforderung, in der nicht Technologieverliebtheit sondern hintergründige A-nalysen dominierten: Die Kriegsberichterstattung.

Paul Virilios viel zitierter Ausspruch "Jeder Krieg ist zuerst ein Krieg der Bilder und erst dann ein Krieg der Waffen" mag durchaus für die heutzutage stattfindenden bewaffneten Ausein-andersetzungen gültig sein. Doch wie fand Kriegsberichterstattung statt bevor das Bild laufen lernte und bevor sich internationale Nachrichtenfernsehstationen eigene Satelliten zur Echt-zeitübertragung leisten konnten?

Das in der "Die Andere Bibliothek" Reihe des Eichborn Verlages erschienene und von Hans Magnus Enzensberger herausgegebene Buch über die Kriegsreportagen des William Howard Russell, der schon zu Lebzeiten zum Medienstar avancierte, gibt auf diese Frage Antwort.
In "Meine sieben Kriege" finden sich neben den Reportagen über die - wie der Titel schon andeutet - sieben von Russell besuchten Kriegsschauplätze, noch eine von Max Hastings ver-faßte Einleitung, die die Biographie des irischen Journalisten etwas näher beleuchtet, sowie ein Nachwort des ZDF-Kriegsberichterstatters Heinz Metlitzky. Letzterer zeigt die Verände-rungen seines Berufes in den letzten 150 Jahren auf. Angereichert wird das in einer limitierten und nummerierten Erstauflage von 8.000 Stück erschienene und optisch außerordentlich schön gestaltete Buch durch vierundzwanzig zeitgenössische Photographien (aus der Hulton Getty Collection).

Im Unterschied zur heutigen Kriegsberichterstattung, bei der es vor allem darauf ankommt, welche Agentur, welcher Fernsehsender als erstes Meldungen verbreiten bzw. Bilder aus-strahlen kann, war es zu William Howard Russells Zeit (1820 – 1907) noch der Fall, daß Journalisten aufwendige Recherchen sowie Analysen und Interpretationen verworrener Situa-tionen selbst durchführten, da nicht nur Geschwindigkeit sondern auch Qualität des Geschrie-benen zählte. So stellen Russells Reportagen kleine prosaische, bildhafte und lebendige Meisterwerke dar, die nicht so sehr das Heroische des Krieges in den Vordergrund stellen, trotzdem aber das angeblich Abenteuerhafte der Schlachtfelder nicht ausklammern.

Nicht nur die farbenprächtige und bildhafte Beschreibung der Schlacht bei Königgrätz im Jahre 1866, die Russell vom Turm am Prager Tor aus, nahezu minutiös und mit äußerster Ge-nauigkeit tätigte, sondern auch seine als Sozialreportagen anzusehenden Berichte über die schlechte medizinische Versorgung der britischen Soldaten auf dem Weg in den Krimkrieg, die schließlich 1855 zur Abdankung der Regierung Aberdeen führten und den Grundstein für die große Popularität des ersten zivilen Kriegsberichterstatters legten, sollten nicht unerwähnt bleiben.

Zusätzlich bietet "Meine sieben Kriege" die Möglichkeit (vor allem dank des Vor- und des Nachworts), die Entwicklung der Kriegsberichterstattung nicht nur in Bezug auf den Einsatz von technischen Hilfsmitteln sondern auch auf die zunehmende staatliche Reglementierung und Zensur, nachzuvollziehen. Der Band ist weit mehr als ein weiteres Buch für Studenten der Kommunikationswissenschaft oder der Geschichte oder ein Sammelstück für Kriegsfanatiker, sondern stellt ein literarisches Gustostück der Reportagen des William Howard Russell dar, die nun – 150 Jahre nach ihrem erstmaligen Erscheinen – ins Deutsche übersetzt wurden.

William Howard Russell: Meine sieben Kriege. Die ersten Reportagen von den Schlachtfeldern des 19. Jahrhunderts, Eichborn Verlag, ISBN 3-8218-4186-9




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