: tad willliams : otherland

text: martin schwarzbauer

Gerade Science Fiction-Fans lassen sich vor dicken Büchern meist nicht abschrecken. Aber auch allen anderen Liebhabern komplexer Erzählwelten versprechen die vier Bände der "Otherland"-Reihe des kalifornischen Autors Tad Williams viele Stunden Lesespass...


"Tad Williams, 1957 in Kalifornien geboren, absolvierte die Universität von Berkeley und arbeitete anschließend in hundert verschiedenen Jobs - als Bandsinger, Schuhverkäufer, Manager eines Finanzinstituts, Zeitungsjunge, als Moderator im Radio, am Theater..." - sagt der Klappentext. Ich persönlich bin froh, dass Tad Williams zum Schreiben gefunden hat, denn was er der Welt mit der "Otherland" - Serie gegeben hat, ist nichts weniger als ein genialer Science-Fiction Roman von epischem Ausmaß; nicht, dass es sein einziges schiftstellerisches Meisterwerk wäre...

Im regennassen Schützengraben irgendwo an der Westfront des ersten Weltkriegs ist Private Paul Jonas allein, von allen verlassen, sogar von seinen Freunden Finch und Mullet. Das Schlachtfeld ist leer, bis auf einen in die Wolken reichenden Baum, von dem kein Weg wegzuführen scheint. Nach einer schier endlosen Kletterpartie erreicht er ein Schloß in den Wolken, in dem eine Vogelfrau eingeschlossen ist und von einem mechanischen Riesen eifersüchtig bewacht wird...

Skurril? Nein, nur ein Traum, und doch - Jonas hat eine Feder der Vogelfrau bei sich, als er im Schützengraben aufwacht. An dieser Stelle fragt man sich: was soll das? Ich dachte, das sei ein Science-Fiction Roman - was hat das mit dem ersten Weltkrieg zu tun? Durchaus berechtigte Frage, aber erwartet von mir hier keine Antwort.

Wir befinden uns in einer nicht allzuweit entfernten Zukuft - im Gegensatz zu vielen anderen macht Williams nicht den Fehler, Jahreszahlen zu nennen, die nach dem datumsmässigen Erreichen dieser Zahl den prophetischen Charakter des Werks zunichte machen - in der die zivilisierte Welt durch ein Computernetzwerk verbunden ist, dessen Daten mit Hilfe von Virtual-Reality - Einrichtungen (bei denen sich Williams auch einiges überlegt hat, wie man an Vielfalt und Beschreibung der Funktionsweise sehen kann) direkt wahrgenommen und manipuliert werden; die Welt hat sich insgesamt so weiterentwickelt, wie man es erwarten würde, wenn sich heutige Trends ein halbes bis ganzes Jahrhundert fortsetzen: einige wenige Oligarchen halten den größten Teil des Weltreichtums, dafür leben Hunderttausende in jeder größeren Stadt in frei schwebenden Siedlungen unter Highways; das Netz ist nur denen zugänglich, die das Geld für Zugangsequipment und Online-Zeit haben. Und selbst dann gibt es virtuelle Orte, von denen man ausgesperrt bleibt, wenn man nicht ordentlich was drauflegt; die Unterhaltung ist interaktiver und wesentlich gewalttätiger geworden; ein tödliches Virus breitet sich in seiner vierten Variante in Afrika aus... Eigentlich alles im durchaus realistischen Rahmen.

Irene "Renie" Sulaweyo ist Dozentin für Virtualitätstechnik in Südafrika und gleichzeitig Mutterersatz für ihren kleinen Bruder Stephen; ihr Vater ist ein gebrochener Alkoholiker und somit mehr Last als Hilfe für die junge Frau. Als eines Tages Stephen in eine Art Koma fällt, das sich durch nichts erklären lässt, beginnt Renie gemeinsam mit ihrem Schüler !Xabbu, einem Buschmann, der Sache nachzugehen. Bald stoßen sie bei ihren nicht ganz ungefährlichen (eh klar) Nachforschungen auf ein Datenpaket, das sich selbsttätig entpackt und für wenige Augenblicke eine goldene Stadt zeigt, bevor es im digitalen Nirvana verschwindet.

Orlando Gardiner ist noch keine fünfzehn Jahre alt, doch durch seine schwere Krankheit verbringt er soviel Zeit im Netz, dass er ein echter Könner ist. Die meiste Zeit hängt er in einer virtuellen Rollenspielwelt herum, wo er sich als "Thargor, der Barbar" einen Namen gemacht hat. Auf einem seiner Abenteuer stößt er in einem verlassenen Tempel auf etwas, das er noch nie gesehen hat: ein goldenes Leuchten, das ein Fenster zu sein scheint - und dahinter: eine goldene Stadt.

Diese und einige andere Charaktere werden durch Einblicke in ihre Gedanken-
und Gefühlswelt im Zuge der Handlung sehr plastisch, sodass man das Gefühl hat, dass hier echte Menschen am Werk sind, fehlerbehaftet und beschränkt in ihren Möglichkeiten, sowohl was Fertigkeiten als auch Durchhaltevermögen und Belastbarkeit betrifft. Nicht nur die Protagonisten, sondern auch die "supporting Characters" werden einfühlsam und mit Liebe zum Detail ausgestaltet - und das ganze im Zuge der auf mehrere Handlungsstränge, die im Laufe der Erzählung zusammen- und wieder auseinanderlaufen (um sich wieder ineinander zu verstricken), aufgeteilten Geschichte über rücksichtslosen Größenwahn und eigentlich hoffnungslosen Widerstand.

"Otherland" ist eigentlich keine Buchreihe, sondern ein einziger Roman, der sich über vier Bände erstrecken wird, wenn er fertig ist - "City of Golden Shadow" macht den Anfang und bereitet die Bühne für das Geschehen, führt die wichtigsten Charaktere ein und hört genau dann auf, wenn der Leser der Illusion beraubt ist, daß die Auflösung kurz bevorsteht.

In "River of Blue Fire" kommen neue Charaktere und Handlungsstränge hinzu; insgesamt passiert sehr viel in diesem zweiten Band, es wird also keineswegs langweilig, doch der Lösung scheinen die Charaktere kaum einen Schritt näher zu kommen. Das ändert sich allerdings in "Mountain of Black Glass", an dessen Ende allerdings wiederum kein Zweifel besteht, dass trotz eines abklingenden Spannungshöhepunkts ein weiterer acht- bis neunhundert Seiten - Band anschließen kann und soll...

Für diejenigen, die "Otherland" lesen wollen, zwei Tipps: unbedingt von vorne anfangen - trotz Zusammenfassung am Anfang jedes Bandes hat es keinen Sinn, mit "Mountain of Black Glass" zu beginnen - die Charaktere wären fremd, und bis man sich aus der Handlung herraussieht, würde nicht wenig Zeit vergehen, die man in vollkommener Verwirrung verbringt (nicht gerade meine Vorstellung von Lesespaß).
Und das zweite: im englischen Original lesen! Die Übersetzung ist zwar keineswegs übel, was allerdings Umgangssprache und NetKid-Ausdrücke betrifft, ist sie zumindest gewöhnungsbedürftig. Meine Empfehlung: Keinesfalls vom nicht ganz trivialen Englisch abschrecken lassen - man muss nicht jedes Wort verstehen, um dennoch der Handlung folgen und die Geschichte genießen zu können. Und Williams Story ist es wirklich wert, gelesen zu werden.


: hörproben :

http://www.tadwilliams.de/audiofiles/tad.mp3


: leseproben / englisch :

http://www.tadwilliams.com/excerpt1.htm
http://www.tadwilliams.com/excerpt2.htm
http://www.tadwilliams.com/excerpt3.htm

: leseproben / deutsch :

http://www.tadwilliams.de/lesen_band3.html


: related links :

Wer mehr über den Inhalt wissen will, findet auf http://www.tadwilliams.com Zusammenfassungen sowie eine Leseprobe (Vorwort aus "Mountain of Black Glass"). Auch dort zu finden: Kommentare des Autors, Kurzbeschreibung der wichtigsten Charaktere, einige Worte über Tad Williams selbst, Hinweise auf Veranstaltungen (Tour- und Lesetermine) und auf frühere Werke. Das ganze ist allerdings auf Englisch, doch zum Ausweichen gibt's auch http://www.tadwilliams.de - alles über Otherland auf deutsch, auch die Leseprobe, Beschreibungen der Figuren und etwas über Tad. Sogar eine Hörprobe von einer Lesung (27 min, ca. 3 MB MP3)

Ein FAQ gibt's unter http://www.hoeppie.online.de/tad/pages/tad_mailing_faq.html, eine Fanpage unter http://www.halcyon.com/eneuman/tad.htm - letzteres scheint allerdings outdated. Wer wissen will, was das deutsche Nachrichtenmagazin Spiegel zu "Otherland" zu sagen hat, kann sich die Rezension unter http://195.170.124.152/archiv/1998/09/04/li-bl-9979.html reinziehen.