: placebo : pure energie

text: chris duller

Gegen Placebo wirken andere megaabgefeierte Brit-Bands wie die schauderhaften Oasis nur öde, überheblich und einfallslos. In der Wiener Libro Music Hall demonstrierten Placebo, dass sie eine lebendige Band sind, die bei aller Coolness und Showmanship auch wahrhaftiges Herzblut fließen läßt.

Vorweg: Seit langem das beste, überzeugendste Konzert, das ich in dieser Größenordnung, also in einer seit über einem Monat ausverkauften Libro Halle, sprich vor etwa 3500 Leuten, gesehen habe. Gegen Placebo wirken andere megaabgefeierte Brit-Bands wie etwa die schauderhaften Oasis nur öde, überheblich und einfallslos. Aber das ist sowieso kein Vergleich und eine andere Kategorie. Placebo sind eine lebendige Band, die bei aller Coolness und durchaus angebrachter Showmanship auch wahrhaftiges Herzblut fließen läßt. Es war schön, mitzuerleben, wie Sänger/Gitarrist Brian Molko, anfangs in sich gekehrt und auf seinen Job konzentriert, mit Fortdauer des Konzertes immer kontaktfreudiger wurde, wie er, der etwas kurz geratene, androgyn und verletzlich wirkende Typ ein feines, funktionierendes Gegensatzpaar zu dem groß gewachsenen, virilen und oft auch für einen Bassisten bemerkenswert temperamentvollen Schweden Stefan Olsdal bildet.

Olsdal, der im knöchellangen Kinderverzahrer-Mantel angetreten war und uns gegen Ende seinen stattlichen, bloßen Oberkörper präsentierte, glänzte wie schon auf Platte mit ingeniösem, die Songs nicht nur unterstützenden Basspiel in U2-Tradition, nur dass bei Placebo insgesamt nie zu übersehen ist, dass sich ihre Musik zwar auf gewisse pophistorische Überlieferungen aufbaut, aber stets nach Erweiterung, Ausbau, dem Mehr!Mehr!Mehr! geradezu lechzt.

So spielt auch Drummer Steven Hewitt seinen Part pragmatisch herunter, aber auch ihm fällt immer noch da ein Fill, dort eine Extra-Akzentuierung ein, ohne dass es zum selbstgefälligen Gefummel werden würde. Über die große, Format verleihende Stimme von Molko müssen wir nicht weiter reden, sollten aber auch erwähnen, dass der Mann ein formidabler, überaus einfallsreicher, dennoch sehr "mannschaftsdienlicher" Gitarrist ist, der nicht umsonst Sonic Youth zu seinen Einflüssen zählt.

Insgesamt war vielleicht am beeindruckendsten, welche Soundfülle Placebo zu dritt (fallweise agierte ein vierter Mann an Gitarre oder Keyboards im Hintergrund) ohne doppelten Boden erzeugen Eine dramaturgisch wohl ausgeklügelte, effektvolle Lightshow unterstützte die überschäumende Musikalität der Band in perfekter Art und Weise. Nur über eines herrscht nach wie vor Rätselraten: Sind jetzt die rassigen Uptempo-Songs von Placebo die besseren oder doch die eher vertieften, ruhigeren? Egal, Gänsehaut kam in beiden Fällen auf.

CD-Tip: "Black Market Music" (Hut/Virgin)


: related links :

http://www.pureplacebo.f9.co.uk/brio.html