: schöner leben. ein leitfaden : yeah, schlaraffenland!

text: thomas weber

Auch wenn uns der IKEA-Katalog alljährlich das Gegenteil vermitteln will: "Schöner Leben" ist ungleich "Schöner Wohnen". Vielleicht ist es sogar das Gegenteil, darüber ließe sich diskutieren. Paradoxerweise treffen sich beide Slogans jedenfalls in ihrem Superlativ. Denn schönstes Leben ist gleich schönstes Wohnen ist gleich Paradies ist gleich Schlaraffenland. Alle Wege führen also wieder einmal ins Paradies...

Wer sich allerdings weder mit der Hoffnung auf die jenseitig auf uns wartende beste aller Welten, noch mit der diesseitigen "beschissenen und unbelehrbaren Arschlochwelt" (© Fritz Ostermayer) abfinden will, der oder die findet in "schöner leben. Ein Leitfaden." Trost und vielleicht sogar ein bischen Rat. Denn schließlich läßt sich dieses lebensverneinende "Born: Toulouse" aus jedermannes und – schließlich leben wir in aufgeklärten Zeiten – auch aus jederfraus Lebenspassport ganz einfach ausradieren. "Wer heute nicht reich wird, ist selber schuld," meint Andreas Wollinger. Punktum. Und der Mann, der den programmatischen ersten Essay ("Schöner Leben") verfaßt hat, hat Talent als Motivator: "So. Und jetzt denken Sie an diese lässig-dynamisch-fröhlichen Typen aus der Werbung, und sprechen Sie mir laut nach: Das. Leben. Ist. Ein. Hit." Ein paar Mal fest Durchatmen, ein paar Takte Enya, auftanken und mit Vollgas "Ja" zum Leben sagen.

Schöner Leben, mit dieser Annäherung ans Paradiesische haben sich nicht nur Andreas Wollinger und Fritz Ostermayer essayistisch auseinander gesetzt, sondern auch Johann Skocek ("Der Körper ruft, der Body antwortet"), Bodo Hell, Anneliese M. Geyer, Martin Praska und Lienhard Dinkhauser (u.a. "Die Larry Fortenski Stiftung").
Erst im zweiten Teil des Büchleins wird offensichtlich, daß "schöner leben. Ein Leitfaden." eigentlich die gleichnamige Ausstellung dokumentieren soll, die Anfang ´2000 in der Galerie der Stadt Wels statt fand. Unter dem Motto "Praktische Kunst für den modernen Menschen" präsentieren Hannah Stippl, Ula Schneider, Vesna Tusek, Bernhard Tragut, Sebastian Weissenbacher, Matthias Hammer, James Clay, Ronald Kodritsch, Christian Tinkhauser Thurner und Götz Bury ihre Vorstellungen vom "schöner leben" und spannen wieder den Bogen zum Cover des Buches, auf dem sich eine Dame im 50er Jahre Happy-Hausfrauen-Look über ihren state of the art-Kühlschrank freut. Evil 50ties, das Nachkriegs-Ja zum König Kunden.

Die ehemalige Handball-Legionärin Vesna Tusek etwa will mit einem femininen Arbeitskostüm "dem tristen Hausfrauendasein einen Hauch von Hollywood" verleihen. ("Fit, Fun und Hygiene"). Einige andere abgebildete Beiträge brauchen den Vergleich zu Arbeiten aus dem derzeit wieder hochgejubelten Young British Artists-Umfeld nicht scheuen. Was durchaus negativ gemeint ist, da es die Semi-Originalität einiger in Wels ausgestellter Stücke unter Beweis stellt: Christian Tinkhauser Thurner wirbt auf einem Plakat für "Moral"-Tabletten. "Bei entsprechender Markteinführung" verspricht das Plakat einen "Segen für die Menschheit". Klar: "Die Welt ist voller Bedürfnisse, die nur darauf warten, befriedigt zu werden." Nur kann ich mich erinnern, genau die selben Tabletten letzten Herbst in der Londoner Saatchi Gallery beworben gesehen zu haben... Zwar ohne Dame mit spitzen Brüsten und abgerissenem Penis in der Hand, aber der Ansatz bleibt der gleiche.

Andere Projekte wiederum könnten durchaus Leihgaben des Herrnbaumgartner "Nonseum" des Vereins zur Verwertung von Gedankenüberschüssen sein. Sie stehen für Verspieltheit, Zynismus und geistiges Nischentum. In dieselbe Kerbe schlagen auch die zwischendurch eingestreuten Cartoons von den beiden Zeichnern John Robinson und Peng (www.pengcartoon.com). Vor allem letzterer tragt mit seinen bissigen Bildtexten und zeichnerischen Verzerrungen dazu bei, den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Beiträge des Büchleins noch einmal Dingfest zu machen: "schöner leben. Ein Leitfaden" ist zynischer Euphemismus für unkritischen, völlig unreflektierten Hedonismus, und so gesehen die Buch gewordene Alternative zum IKEA-Katalog. Nur - "Ich bitte Sie: Der globale Markt ist schließlich keine Kinderjause. Und Sie sind nicht die Caritas" Und deshalb wird es dieses Büchlein vermütlich weder bei Libro, noch als Postwurfsendung geben.

FLÄX / Galerie der Stadt Wels, Günter Mayer (Hg.): "schöner leben. Ein Leitfaden." Edition Selene, Wien 2000. (Bestellen: selene@t0.or.at)

Frau Reisinger ist die glückliche Gewinnerin des Billa-Preisausschreibens!
Filialleiter Gustav Keller überreicht ihr den Preis: ein Snowboardwochenende in Bad Gastein.

: related links :

www.pengcartoon.com