: learning to die : louis tillett :

text: chris duller

Reumütige Bekenntnisse eines Mannes, der mit sich und der Welt nicht im Reinen ist, intoniert mit einer imposanten, geradezu autoritären Stimme. Kin Konzert, keine Performance. Vielmehr eine Messe, zelebriert vor einer Schar von andächtigen Gefolgsleuten. Vor wenigen Tagen live im Wiener B72.

Mein viertes Tillett-Konzert, glaube ich. Der an sich eindrucksvolle Mann ist immer schon eine in jeder Hinsicht merkwürdige Bühnenerscheinung gewesen, diesmal aber war es krass. Das B72 - sein erster Termin auf dieser Europa-Tour, und der Australier, tagsüber erst direkt aus seinem Heimatland in Wien angekommen, mußte sich jetlagbedingt nach dem Soundcheck erstmal im Backstageraum zur Ruhe legen. Wer jemals dieses Kämmerchen betreten hat, weiß: Dort kann nur schlafen, wer wirklich SEHR müde ist. Dennoch gab Tillett nach seiner Ruhepause bereitwillig (?) Interviews - sogar der ORF war aufgekreuzt - und schleppte sich zu diesem Zweck angeschlagen wie Muhammed Ali auf die B72-Galerie (nur daß es dort keine Trophäen zu gewinnen gibt). Um danach ohne Umschweife die Bühne zu betreten.

Wie erwartet Tillett solo am Klavier, ein Mann und die Essenz seiner Songs. Oder die Suche danach; diesen Eindruck vermittelten zumindest die ersten zwei, drei Nummern, als Louis Tillett an den Tasten ab und zu haarsträubende Fehler unterliefen. Der Mann war einfach noch nicht ganz da, zog sich dann aber an den eigenen Haaren aus dem Sumpf. Tillett stammt offensichtlich – wie so manche andere Australier auch (Cave, Simon, Bonney...) – aus gutbürgerlichem Hause, man kann sich gut vorstellen, daß er schon im Kindergartenalter am Klavier seinen ersten Musikunterricht genossen hat. Rebellion läuft hier anders, nämlich vor allem im Kopf, ab. Und gerade bei einer so nackten, angreifbaren Darbietung wird es unübersehbar, was für abgrundtief persönliche Lieder Louis Tillett vorträgt: Innigste, reumütige Bekenntnisse eines Mannes, der mit sich und der Welt nicht im Reinen ist, intoniert mit einer imposanten, geradezu autoritären Stimme, die rundherum niemanden kalt ließ. Dies war kein Konzert, keine Performance, dies war eine Messe vor einer Schar von andächtigen Gefolgsleuten.

Und dann dieses Bild, dieser Typ auf der Bühne, der mit sich kämpft, um jeden Ton, um jede Portion Ausdruck, und dabei aussieht wie Wolfi Bauer, nur ohne Schmäh, dafür mit Cowboyhut. Was für eine Zerrissenheit: Louis Tillett, einerseits kommunikationsunfähig (Wortmeldungen beschränkten sich auf ein durchatmendes "thanks a lot" bzw. "the next song is called..."), andererseits gerade darum ringend, sich mitzuteilen. Was diesem sonderbaren Menschen scheinbar einzig und allein über die Musik gelingt. Und dennoch hat man nie das Gefühl, daß ihm wohl in seiner Haut ist, daß er womöglich nur dann eins mit
sich ist, wenn er allein daheim an seinem Klavier sitzt und seine Lieder da sind oder werden.
Sein neues Album heißt übrigens "Learning To Die". Hier gelten andere Maßstäbe, denn Louis Tillett ist - im Sinne Van Morrisons - vor allem eines: Into the music.

CD-Tip: "Learning To Die" (Normal)

: related links :

www.louistillett.com
www.normal-records.com/louis.html
www.b72.at