: tortoise : standard = freiheit!

text: rainer krispel

JOHN McENTIRE, Musiker von TORTOISE hat einen dieser wirklich gescheiten Sätze über Musik und ihre Wirkung gesagt: "Dabei dreht es sich um Dinge, die immer da bleiben werden, also ewig andauern und unendlich lang sind. Doch plötzlich - Tschk, Tschk - brechen sie aus, vielleicht nur für den Bruchteil einer Sekunde. Das verändert ihre Bahn, für viele unmerklich, aber es ist passiert und das Nachzittern wird nichts mehr sein lassen, wie es einmal war."

Dieser Tage veröffentlicht die Band TORTOISE aus Chicago ihr viertes Album – neben einer erkleklichen Anzahl von Singles, Compilation-Beiträgen und Remix-Releases - "STANDARDS", auf ihrem, ebenfalls in Chicago beheimateten Stammlabel Thrill Jockey, in Europa von Warp Records lizensiert. "STANDARDS" bringt wie das gleichnamige Debüt "Tortoise" (1994), der epochale Nachfolger "Millions Now Living Will Never Die" (1996) und "TNT" (1998, alle drei Thrill Jockey/City Slang), vor allem eines: Wunderschöne, weitreichende und tiefgehende Musik. Musik, die wenn sich der Hörer auf sie einläßt, Erfahrungen wie die, die McENTIRE im obenstehenden Zitat beschreibt, vermitteln kann und wird.

TORTOISE (ich halte es übrigens mit der amerikanisierten Aussprache - "Tordes" - des Bandnamens) - bescherten mir solche magische Momente, als ich sie das erste Mal live im Kino Ebensee erlebte.
Bequem in einen der Kinosessel dieses wunderbaren Venues zurückgelehnt, blieb mir zuerst der Mund - weit! - offen und dann mutierte ich zum heavy Sitztänzer, so großartig, so "neu" war das, was diese ernsten jungen Männer mit ihren Instrumenten auf und von der Bühne tatsächlich zauberten.

Von heute aus betrachtet kann ich schreiben - TORTOISE haben mir damals, 1995 muss das gewesen sein, die Musik zurückgegeben. Blicke ich über meine persönliche Fan-Biographie (oder Leidensgeschichte) hinaus, fällt mir auf, dass TORTOISE wirklich eine Band waren, die Musik anders (mit-)definierten, gerade als sich die Brüche zwischen tradierter, bis dahin vorherrschender Indie/Gitarren-Musik und der sogenannten elektronischen Musik mit all ihren Ausläufern hin zur Dj- und Club-Culture auftaten. Dass, nüchtern betrachtet, dabei nur der Markt ein paar schlaue Haken geschlagen hat und das Musikgeschäft heute nicht mehr nur "buisness as usual" ist, sondern tagtäglich schlimmer wird, hat nichts damit zu tun, warum und wie TORTOISE an die Sache herangingen und -gehen.

Dem Ausverkauf von in ihren Ur-Ansätzen extrem ideologisierten und grundsätzlich integren Musiken wie "Indie" oder "Grunge" oder "Alternative" oder "Hardcore" oder "(Neo-)Punk" (beliebig zu erweitern um "Hip Hop", "Techno", "Elektronische Musik" ...), ihren letztlich totalen Niederlagen gegen den "Markt" und seine "Gesetze", mussten und müssen kreative "Musiker" (ist ungleich williger Erfüllungsgehilfe von Marketing-Plänen und/oder persönlichem Bereicherungsehrgeiz) wenigstens den Versuch einer anderen Arbeitsweise entgegenstellen, sonst ziehen sie sich selber den Boden unter den Füssen weg. Anders geschrieben: Durch die Musik sprechen, über die Musik sprechen, aber nicht ständig über und durch Images und die ganzen nervtötenden Drumherums.

Bei TORTOISE kam dabei eine Menge zusammen: DOUG McCOMBS hat mit seiner anderen Band ELEVENTH DREAMDAY (der Traum einer Rock-Band in ihren heydays) eine disaströse Erfahrung mit einem Major gemacht, McENTIRE hat gemeinsam mit DAVID GRUBBS als BASTRO die Grenzen des sogenannten "Underground" ausgestet und mit DAN BITNEY, ehemals Schlagzeuger der TAR BABIES, gibt es einen Connect hin zu SST RECORDS. Jenes glorreiche Label, das vielleicht am beständigsten und breitenwirksamsten über Jahre hinweg wirklich "unabhängige" Musik veröffentlichte - und dabei einen Deckungsgrad von Anspruch und Inhalt hatte, wie ihn nur wenige Labels davor oder danach erreichten und das wohl nicht zufällig ausgerechnet von den verschissenen U2 in den Ruin getrieben wurde.

Es gefällt mir, TORTOISEs Instrumentalmusik in der Fortsetzung der von SST-Labelgründer GREG GINN mit den Instrumentalplatten von BLACK FLAG und dann GONE formulierten Absichten zu sehen: Die amerikanische PMRC fing damals gerade an, Texte zu zensieren und zu klassifizieren, Musik ohne gesungene Texte entzieht sich einer solchen Zensur von vornhinein. Darüber hinaus fordert sie eine genauere Auseinandersetzung, sie ist nicht mehr - wie es zu oft geschieht - über die Persönlichkeit des Sängers, die Texte abzuhandeln, zu "verstehen".

Ich denke, dass sich hier der Kern von TORTOISEs Arbeit festmachen läßt: Der eigentlich nahe liegende Wunsch nach dem Standard, als Musiker, möglichst selbst bestimmt, in "Freiheit" das zu machen, was einen Musiker eben ausmacht: Musik nämlich. Was jetzt vielleicht nach Binsenweisheit klingt, ist doch, wenn man es in aller Konsequenz durchdenkt, so unendlich "politisch" (nicht umsonst haben TORTOISE mit den niederländischen THE EX eine EP aufgenommen), so radikal, wie auch utopisch. (Um letzteres zu betonen braucht es eigentlich nur einen Verweis auf die im Land mit dem A gerade heftig diskutierten Künstlerversicherungen).

In einer Welt, in der die Zensur von Musik längst Alltag ist – nichts anderes sind eigentlich die Radio-Edits, die das Formatradio und zusehends auch "andere" Radios wie FM4 bestimmen - beharren TORTOISE auf sich und ihrer Musik als eine konkrete Utopie.
Dabei transportieren sie so schöne "Wahrheiten" wie die, dass die Musik nie fertig ist, stellen ihr Prozesshaftes immer wieder in den Vordergrund (von KANTE zur Zeit ein wenig patschert, aber sehr beherzt in einem Stück besungen) und unterstreichen dadurch die "Erkenntnis", dass die üblichen Formen, wie Musik konsumiert wird - Tonträger, Konzerte - eigentlich nichts anderes sind, als eine willkürlich gesetzte Unterbrechung oder Verzögerung/Aufhebung dieses eigentlichen Prozesses. Dass bei TORTOISE auch das Hören und Erleben dieser Unterbrechungen oder "Störungen" ganz großartig ist, beweisen "STANDARDS" (nebenbei auch ein Titel der vom Humor der Band spricht) und die Konzerte, die dieses wirkliche Ausnahme-Musikerkollektiv in Wels und Wien (24.3. SZENE WIEN) spielen wird.

tortoise livetermine:

24.03. A-Wien, Szene (mit The Sea & Cake)
23.04. A- Wels Schlachthof
25.04. A-Salzburg, "Jazz Im Theater"

: related links :

www.thrilljockey.com
www.warprecords.com
www.ixthuluh.com

www.szenewien.com
www.schl8hof.wels.at