: waldeck sounds, oder : die kunst des guten tons :

text: space captain

Musik, halb erfahren, halb als Erinnerung nach dem Erwachen aus einem Sekundenschlaf in der Abflughalle eines Flughafens – wenn menschliche Töne für einen süßen Moment mit Maschinengeräuschen in einem rauchigen Wandteppich verwoben sind.
So könnte man die Empfindung beim Anhören von Klaus Waldecks neuer EP "This Isn´t Maybe" beschreiben. Er selbst vergleicht den Sound mit der Reise in einer Zeitmaschine, die wegen eines Defekts gleichzeitig abläuft. Fünfzig Jahre vorwärts und fünfzig Jahre zurück.

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Waldeck hat sich in den letzten Jahren zu einer treibenden Kraft der längst unüberschaubaren Elektronik-Szene entwickelt. Nicht nur in Österreich, sondern auch international. Das belegen auch sechsstellige Albumverkaufszahlen in Europa und die stetige MTV-Präsenz. Dem Anhänger der "Wiener Schule" ist mit "This Isn`t Maybe" ein farbenprächtiger Soundmix gelungen: aus Verwurzelung in stürmische Beats treibend und mit hochfliegenden, üppigen Melodien emporschwingende Tongewebe türmen sich zu schäumenden Wellen. "Wenn jemand kommt und Massive Attack mit Portishead verheiratet ist Waldeck das Ergebnis", begeistert sich etwa das Magazin "Gear".

Seine erste unheimliche Begegnung mit der Welt der Töne hatte der angehende Soundtüftler bereits im zarten Alter von sechs Jahren in Form von Klavierstunden, die mit fünfzehn durch die Verkabelung der Innereien eines wertvollen Bechstein-Flügels ein abruptes Ende finden sollten. Übrig bleibt das Interesse an Rechtsprechung, geweckt durch die Anzeige ob des begangenen Frevels: während seine musikalische Karriere weitergeht, arbeitet er als Anwalt, Spezialgebiet Urheberrecht. Waldeck erinnert sich an den folgenschweren Tag als der Ruf zur Musik wieder deutlich hörbar wurde. Anlaß war eine Klage gegen Ex-Beatle George Harrison (Diebstahl einer alten Motown Melodie). "Mir wurde klar, daß der entscheidende Schritt vorwärts die Bearbeitung einer Melodie ist – bis niemand mehr Anspruch auf sie erheben kann." Es war die Zeit als der Fortschritt Einzug in die Musikstudios hielt und es möglich wurde, eine große Bandbreite unterschiedlichster Instrumentensounds zu produzieren. "In den 80ern war ein Syntheziser alles was zur Verfügung stand. Mit besserer zeitgemäßer technischer Apparatur kann ich eine ganze Komposition zusammenstellen." So wird die Arbeit immer komplexer. Fehlt etwas am Sound um seine Vorstellungen zu realisieren, werden Teile der Ausrüstung komplettiert. Die elektronische Karriere Waldecks nimmt ihren Lauf...

Wichtiger Schritt ist ein längerer Englandaufenthalt, der mit dem gesamten Equipment im Gepäck gestartet wird. Endlich am Puls der Zeit angelangt kann Waldeck sich voll und ganz der Musik widmen. Er mischt Tracks für House und Techno Labels wie Choci`s Chewns (www.choci.com) und wird schnell Teil der Londoner Trip-Hop Szene. Was er hier erlebt und zu sehen bekommt, öffnet ihm die Augen und gewährt ihm wichtige Einblicke in die Funktionsmechanismen der Musikindustrie. Die Begegnung mit seinem Alter Ego, der ex-Incognito Stimme Joy Malcolm entwickelt sich zu einer perfekt synchronen Partnerschaft und wirkt sich befruchtend auf weitere Aktivitäten aus.
Nach achtmonatiger Abwesenheit wird – zurück in Wien – die Stadt am Donaukanal wieder zum Domizil: eine führende Rolle in der hiesigen Elektronikszene ist bald erreicht. 1996 veröffentlicht Waldeck endlich die "Northern Light" EP, die nicht nur durch das meisterliche Cover-Artwork Aufmerksamkeit erhält. Der Hit "Aquarius" wird zur Single des Monats im Music-Magazine. Eine erfolgreiche CD "Balance Of The Force" erscheint bald danach. Die Remix-Liste kann sich sehen und hören lassen. Unter anderem legten Kruder & Dorfmeister, die Thievery Corporation, Mushroom Dive und Fauna Fish Hand an Waldecks Werk. Das Video für die Single "Defenceless" wird in den USA von MTV gespielt und auch in Frankreich und Deutschland ein großer Erfolg.

Mit der Gründung des eigenen Labels "Dope Noir" beginnt eine neue Epoche auf Waldecks Reise durch die Welt der Töne. Hier gibt er auch anderen Künstlern die Möglichkeit zur Veröffentlichung ihrer Werke. Den Beginn haben sich "King Cannabis" und "Manni Montana" vorbehalten. Das Erscheinen der EP "This Isn´t Maybe" soll die Zeit zwischen "Balance Of The Force" und dem demnächst erscheinenden neuen Album überbrücken. Die erfinderischen und hypnotischen Songs geben einen gelungenen Einblick in neue außerordentliche Kunstfertigkeit und verführerischen Sound. Schon der Chat Baker gesampelte Titelsong glänzt durch satt jazz-bluesiges Feeling. Basstreibend geht es weiter, weniger abstrakt als früher, dafür kompakter, reifer und runder. Mit seinem konzeptbetonten Ansatz ("This Isn`t Maybe") und dem überwältigenden Einfallsreichtum weckt Waldeck mit den fünf Kostproben die Neugier auf das kommende Album...

Mit Klaus Waldeck spricht Andreas Probst

wellbuilt: Bei unserem letzten Gespräch hattest Du gerade Dein Album "Balance Of The Force" veröffentlicht. Jetzt, mit Abstand gesehen, bist Du mit dem damaligen Ergebnis zufrieden?

Waldeck: Grundsätzlich bin ich sehr zufrieden. Wobei zu bemerken ist, daß die Verkaufszahlen sich unterschiedlich gestalten. So ist das Album in Frankreich sehr gut angekommen. In Deutschland trotz des größeren Marktes weniger gut.

wellbuilt: Was wohl auch daran liegt, daß – speziell für Deine Musik – der französische Markt experimentierfreudiger ist.

Waldeck: Das ist ganz richtig, aber andere Gründe auf die ich jetzt nicht näher eingehen möchte, haben auch eine Rolle gespielt.

wellbuilt: Wenden wir uns der Jetztzeit zu. Du hast gerade Dein eigenes Label "Dope Noir" ins Leben gerufen. Ist damit ein Wunschtraum in Erfüllung gegangen?

Waldeck: Kann man durchaus sagen. Ich habe so eine größere Kontrolle darüber, was mit meinem Produkt passiert und kann meine künstlerischen Ideen stärker einbringen und verwirklichen.

wellbuilt: Der Aufwand wird nun natürlich ein wesentlich größerer sein.

Waldeck: Das auf jeden Fall. Aber es geht nicht nur um das Produkt und die Gestaltung dessen selbst, sondern auch um die Form der ganzen Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit. Wie soll das Produkt in Erscheinung treten, was will ich damit vermitteln. Je näher ich mich am Produkt befinde, passen dann auch die Konzepte.

wellbuilt: Du hast aber eine Crew mit der Du zusammenarbeitest?

Waldeck: Ja, ich mache das nicht ganz alleine. Ich habe noch einen Partner, der mich da sehr unterstützt.

wellbuilt: Es gibt aber auch noch andere Gründe die Dich zum eigenen Label bewogen haben?

Waldeck: Ein zweiter Grund warum Label, ist, daß es als Plattform auch für andere Projekte aus dem elektronischen Bereich dienen soll. Auf "Dope Noir" wird nicht nur Waldeck erscheinen, sondern in weiterer Folge auch Acts wie zum Beispiel Bask, King Cannabis und Manni Montana. Wobei wir die Anzahl der Künstler möglichst überschaubar halten wollen, mit dem klaren Schwerpunkt Qualität und nicht Quantität.

wellbuilt: Wie sieht es mit der Umsetzung Deiner Studiomusik auf Bühnenpräsentation aus? Das betraf ja meine Schlußfrage unseres 98er Gesprächs. Damals sagtest Du Live-Auftritte sind ein Thema das möglicherweise aktuell werden könnte. Um die Musik aber auf der Bühne umzusetzen, muß erst ein Konzept entworfen werden. Visuelle Effekte zum Beispiel. Da hat sich ja inzwischen einiges getan.

Waldeck: Live-Auftritte hat es dann einige gegeben. Wir haben ein Konzept entworfen um elektronische Sounds dem Publikum auf eine Art und Weise näher zu bringen, die der Musik entspricht. Also keine Band die auf der Bühne steht. Sondern zum Beispiel die Sofa-Sache. Da sitze ich mit der Sängerin auf einem Sofa, mit lediglich einer Projektionswand davor. Alles also sehr reduziert. Durch das Sofa wird darauf hingewiesen, worum es uns eigentlich geht. Wir machen keinen Clubsound sondern Musik, die man sich in Ruhe im Wohnzimmer anhören kann. Dadurch, daß so wenig passiert und das ganze recht statisch wirkt, ist das Hauptaugenmerk auf die Musik gerichtet und es entsteht eine recht intime Atmosphäre.

wellbuilt: Also seid Ihr vorzugsweise in kleinen Clubs aufgetreten?

Waldeck: Ja, wir haben zunächst auch geglaubt es wird in kleineren Clubs besser funktionieren. Teilweise war es auch so. Aber die wirklich allerbesten Konzerte in denen wir die größte Wirkung erzielten, waren die, wo auf einer riesigen Bühne nur das kleine Sofa stand und so der Kontrast noch stärker sichtbar wurde, als in einem kleinen Club, der ohnedies ein sehr gemütliches Ambiente bietet.

wellbuilt: Bei "Balance" war noch ein gewisser Kruder & Dorfmeister-Einfluß vorhanden. Wie sieht das bei Deinen neuen Produktionen aus? Ist da noch eine Verbindung vorhanden oder hast Du Dich davon musikalisch gelöst?

Waldeck: Ich würde schon sagen, daß ich mich da gelöst habe, wobei der Einfluß bei "Balance" auch auf zwei Titel beschränkt war. Jeder macht seine eigenen Sachen. Es ist dabei auch interessant, daß im Ausland die Wiener Szene als eine geschlossene wahrgenommen wird. In Wahrheit aber kocht jeder längst sein eigenes Süppchen.

wellbuilt: Wobei sicherlich der Zugang zur Musik eine Rolle spielt. Kruder & Dorfmeister waren ja doch immer als DJs tätig. Du kommst ja eher aus der Songwriter- und Producer- Richtung.

Waldeck: Stimmt, ich habe nie aufgelegt und bin eher ein Einzelgänger. Man sieht es auch an solchen Dingen, daß bei Leuten aus dem DJ-Bereich eher die Clubtauglichkeit im Vordergrund steht, bei mir hingegen im weitesten Sinne eine songmäßige Struktur. Das ganze muß als Song funktionieren. Es gibt soviel Tapetenmusik, die nichts anderes als eine austauschbare Sound-Collage ist.

wellbuilt: Einen starken Einfluß auf Deine Musik haben ja Gruppen wie King Crimson ausgeübt. Ist das jetzt auch noch so?

Waldeck: Ja, ich habe sogar eine King Crimson Coverversion geplant. Aus dem 69er Album "In The Court Of The Crimson King". Robert Fripp hat ja die Vision gehabt, daß in Zukunft die Musik von kleinen intelligenten Einheiten produziert wird. Damit hat er die ganze Musikentwicklung schon vorhergesehen. Auch die Arbeit bei Crimson mit dem Mellotron, das ja in Wahrheit nichts anderes als ein analoger Sampler ist, das hat mich sehr fasziniert.

wellbuilt: Und wann wird das neue Album erscheinen?

Waldeck: Ende Mai in Amerika und Frankreich, und um die Jahresmitte im deutschsprachigen Raum. Würde mich freuen wenn wir dann erneut plaudern könnten.

wellbuilt: Alles klar, da gibt es dann sicher einige interessante neue Themenbereiche.

: related links :

www.bmgentertainment.de
www.choci.com


: discographie :

"northern lights", EP 1996
"balance of the force", 1998
"this isn´t maybe", EP 2000