: authentizität als dogma :
: heiner links webbüchlein "mein jahrtausend"

text: thomas weber

Vielleicht kommt es einem Frevel gleich, beim Lesen eines Buches mit dem Nachwort zu beginnen. Wenn jedoch ein Buch vielversprechend großkotzig „Mein Jahrtausend“heißt und im Inhaltsverzeichnis ein „Nachwort mit Richtigstellungen“ ankündigt, dann fällt es schwer, die derart geweckte Neugier 219 Seiten hintanzustellen. Ich gestehe: Ich habe von hinten begonnen und wurde aufs Gröbste enttäuscht.

"Nichts Kursives ist von mir,... Man darf spekulieren". Leider ist dieses eingangs präsentierte Spielchen, zu raten, von wem denn kursiv gesetzte Passagen, die das ganze Buch über auftauchen, sein könnten, das Spannendste, mit dem dieses Büchlein aufwarten kann. Und die Auflösung all dieser Rätsel werden – erraten (ich Idiot!) – im Nachwort nachgeliefert.

Es bleibt dennoch fraglich, ob ein konventionelles Von-Vorne-Nach-Hinten-Lesen die Freude an Heiner Links Ausführungen erhöht hätte. Denn es gibt nicht nur Bücher, die man nicht aus der Hand legen möchte, bevor man sie ausgelesen hat, sondern auch solche, die man aus Angst, später vielleicht gar nicht mehr weiter lesen zu wollen, vorsichtshalber nicht mehr aus der Hand legt. „Mein Jahrtausend“ ist so eines. Denn die Sammlung der Kurz- und Kürzesttexte, die der süddeutsche Autor zwischen dem 13.5. 1999 und dem 18.5.2000 auf seiner Website http://www.heinerlink.de veröffentlicht hat, begeistern selten. Gewisse Passagen und Phrasen haben, inhomogen wie sie sind, kurzweiligen Charme, keine Frage. Aber zelebriertes Halbwissen ("frei nach Manet oder Monet"), sloganhaftes Denken und Links Zitatschreibe beginnen bald zu nerven. Dort wo Authentizität als Dogma im (virtuellen) Raum stand, ist wohl auch ein es gut meinender Lektor zurückgeschreckt. Wie witzig, Goethe als „Göthe“ zu verunglimpfen. Lapalien sollen kultig wirken. Tun sie aber meist nicht. Auch die im zweiten Buchteil abgedruckten Mailwechsel und Postings mit und von befreundeten Kollegen retten das Buch nicht.

Und wenn der Autor sich weigert, einen Gedanken über mehr als fünf Zeilen weiter zu spinnen, dann wirkt das meist krampfhaft. Wie ein hyperaktives Kind hetzt er von einer Assoziation zur nächsten. Sein Jahrtausendwerk bleibt so ein Manifestchen des gedanklichen, aber auch stilistischen Work In Progress. Links im unangekündigten Vorwort album_kapitel_01 gemachtes Versprechen hält nicht: „Die Wahrheit berichtet der SPIEGEL, ich aber als Dichter darf auch lügen, fälschen, klauen und/ oder lümmeln, ganz wie mir beliebt“. Leider etwas zu beliebig. Ein schier endloser Stream of Belanglosigkeiten. Schade. (Heiner Link: Mein Jahrtausend, Residenz Verlag)


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