: takagi masakatsu : die aufhebung der zeit

text: ernest meyer

An der Schnittfläche von experimenteller Videokunst und virtueller Klangsynthese enstehen ungehörte Klänge, locken verlorengeglaubte Emotionen und "Zeit" bekommt eine neue transzendente Implikation.

Kyoto ist eine sympatische Kleinstadt in der Größe Wiens, aber dort mangelt es – zum Unterschied – offenbar nicht an multiplen kreativen Inputs. Imposante Erst-Veröffentlichungen wie "Pia" des Videokünstlers Takagi Masakatsu stellen erfahrungsgemäß immer die Spitze des Eisberges dar, man darf also auf mehr gespannt sein.

Was an Alben wie "Pia" interessiert, ist die in sich hermetisch geschlossene klangliche Welt, und die ist im Falle von Takagi Masakatsu buchstäblich losgelöst von allem irdischen Leid. Vergessen wir einfach, daß das Soundarsenal (Meeresrauschen, Wassertropfen, Zikaden, Kinderstimmen etc) im "New Age" sehr beliebt sind. Zum Unterschied davon werden diese Klänge auf "Pia" nämlich nie vordergründig und hölzern eingesetzt, sondern bilden vielleicht changierende Layers für so manches Kinderklavier, oder Äolsharven unter Wasser.

Ein geheimer Pool, eine Enklave, eine Öffnung. Titel wie "Toska", "Agni" oder "Light Park" deuten ja schon rein phonetisch auf ihre Beschaffenheit hin. Sphärische Wavetables, Pulswellen, Knistern, alles zerfällt in Fraktale, nur um in der nächsten Sekunde zu ungeahnter kristalliner Schönheit zu erstarren. Wasser wird zu Eis und Gebirge zu Wüsten. Das Prinzip der Zeit wird endlich aufgehoben. Keine Reibung, keine Abnützung, kein Altern. Schließt man die Augen, betritt man den Hort der scheinbaren Unsterblichkeit, denn das ist es, was passiert, wenn man reine "Musik" hört.

Unglaublich, was man aus simplen Pulswellen alles machen kann. Manche Stücke erinnern an "Electric Birds" ," Microstoria" (die melodischeren Stücke) oder auch "Biosphere" , nordische Coolness gepaart mit allerhand field recordings, allein die inzwischen obligatorisch, ja fast zwingend gewordenen gesampelten Kinderstimmen werden vielleicht etwas überdehnt, was aber in diesem Fall nichts macht, ist das Dargebotene von ungleich anspruchsvoller Qualität.
Was umso mehr überrascht, ist doch das Label "Carpark" eher spezialisiert auf Clickhouse und Artvewrwandtes Loophächseln (z.B.: Jake Mendell, Kid 606)

Die Herangehensweise Takagi ist die aller Labtop Musiker. Man kann ihn richtig sehen, wie er allein vor dem gedimmten Screen sitzt und Soundschnipsel ineinanderschiebt, nächtelang. So ähnlich bastelt er auch die Videos, die auf CD2 zu hören bzw zu sehen sind.

Die Videos entsprechen in ihrer Experimentalität dem akkustischen Material, sind also ein eidetisches Abbild dessen. Die bewegten Bilder wackeln synchron zu den Clicks und Cuts, Phasenverschiebung ist ein Vokabel aus der Steinzeit, das alles ist bunt und interessant anzusehen, aber das 18minütige "Video Camera" strapaziert das Auge des Betrachters dann doch zu sehr, Redundanz stellt sich ein und man wünscht sich insgeheim auf eine rhythmische Konstante zu treffen.

Diese ist auf Masakatsus Stücken jedoch so gut wie gar nicht zu finden. Oren Ambarchis "Suspension" (Touch) ging letztes Jahr in eine ähnlich "freie" Richtung, vielleicht zeichnet sich hier ein Trend in Richtung ätherische Klangmalerei ab. Egal, ob Takagi Masakatsu als Experimental-Videokünstler, Avantguarde-Musiker oder schlicht Dokumentarfilmer auftauchen wird, er wird ein fixer Bestandteil sein. Einer neuen Welt.

Titel: Pia
Interpret: Takagi Masakatsu
Label: Carpark
Format: Mixed Media 2 X CD


: related link :

www.carparkrecords.com