: colin macintyre : mull historical society

text: andreas probst

Mull, die drittgrößte der Hebriden, ist eine unverdorben schöne Insel des Friedens. Wir entfliehen in eine verwunschene, atemberaubende, malerische Insellandschaft mit rauschenden, steil hinabstürzenden Bächen, hohen Gipfeln, dramatischen Aussichten, Wasserfällen, reicher Tier- und Pflanzenwelt, Geschichte und Atmosphäre. Mit ihren freundlichen Einwohnern ist sie ein wahrer Zufluchtsort, in dem es mehr Hirsche und Rehe als Menschen gibt und an dem der Fischotternbestand noch immer wächst. Frieden und Einsamkeit sind immer nur ein paar Schritte entfernt, und immer beginnt irgendwo gerade ein Ceilidh (ein zwangloses Beisemmensein mit Musik und Tanz).

Dies und noch mehr bildet den Hintergrund für Colin MacIntyre´s Debütalbum Loss. Wie gut ist es doch, dass es eine Vielfalt der Meinungen gibt und sich zwischen Dur und Moll ein nahezu unendlicher Raum für Nuancierung auftut. Wurde eine Gruppe wie die Strokes fast einhellig mit Lobeshymnen gehyped, was beim genauen Hinhören zumindest fragwürdig erscheint, spricht das Gros der Kritiker den schottischen Mull Historical Society und deren Debüt Loss größere Erfolgs- und Zukunftschancen ab. Bleibt zu hoffen, daß sich solcherlei Bewertung auf einseitig fahrende Fraktionen beschränkt, immerhin lassen doch die etwas leiseren Töne der Hochländer schon jetzt auf weitere außergewöhnliche Klänge hoffen. Allen voran steht der begnadete Colin MacIntyre, verantwortlich für Music & Words, guitars und keyboards. Ihm gelingt es nun langsam, das Einmann-Projekt in eine taugliche Band zu wandeln. So stehen ihm inzwischen u.a. mit Alan Malloy (bass) und Tony Soave (drums) zwei hervorragende Musiker zur Seite.

Erfolge auf den ersten englischen Tourneen mit Travis und den Tindersticks in klassischer Besetzung, sowie heimatliche Auftritte mit orchestraler Unterstützung weisen in die richtige Richtung. Genügend Potential kündigen die elf Songs auf Loss allemal an. Die Bandbreite zwischen Glockenspiel und Ansätzen zu technischer Experimentierfreudigkeit führt immer wieder gekonnt auf geradlinige traditionelle Popstruktur zurück. Mit einer Mischung aus harmonischem Feingefühl und kompositorischem Geschick werden Ahnungen an Heroen von Wilson/Van Dyke Parks bis zu Lennon/McCartney wach, oder erinnern auch mal an die Steinzeit der Popmusik diesseits (Hollies) oder jenseits (West Coast Pop Art Experimental Band) des Atlantik.

Wie bei diesen Musikern erwächst die Genialität aus einfachem Konzept und schlichter Umkleidung schematisch durchdachter Songs. Schon der Opener "Public Service Announcer" mit seinem subtilen Klavierintro, langsam zunehmendem Instrumentalaufbau - von Intyre´s spröder Stimme schließlich zum orchestralen Höhepunkt getragen - läßt Erwartungen aufkeimen, die in der folgenden knappen Stunde nicht enttäuscht werden. Zum Tanzen einladende Hitqualitäten der gelungenen Pophymne "Watching Xanadu" finden ihre Fortsetzung im weiteren Verlauf des Albums, wo fast märchenhafte Erzählung in heimatliche Dream & Fantasy-Welten entführen, andererseits aber auch die großen und kleinen weltlichen Probleme der Mitmenschen immer wieder zu Inhalten der Songs inspirierten. Flockigere Rhythmen mit sozial engagiertem Text erfreuen durch den Happy Sound von "This Is Not Who We Were" das Ohr, bevor es mit dem unvermeidlichen, aber nie nervenden Glockenspiel weitergeht. Mal sanft, mal angerockt, über romantisch verspielte Beziehungsreisen, "Strangeways Inside", bis zum würdigen Personalityausklang "Paper Houses"... schlussendlich wird dieser Traumwanderung durch verzauberte Nebelwelten ein runder Ausklang verliehen.

Ist es auch noch ein weiter Weg, um auf Pfaden wie die vom einstigen Walker Brother Scott Walker produzierten Pulp zu tönen, so erscheint neben Genies wie Travis oder Super Furry Animals mit Mull Historical Society ein neuer Stern am schottischen Musikhimmel aufzublitzen.