in memoriam Florian Fricke (1944-2001):
: popol vuh : oder die geburt der "kosmischen musik"

text: ernest meyer

1969 bescherte der Menschheit einen großen Schritt nach vorn, nicht nur durch "Woodstock". Die Amerikaner eroberten den Mond und Florian Fricke gründete in München eine denkwüdige Band. "Popol Vuh" entleihen ihren Namen vom heiligen Buch der Mayas, es beschreibt die Enstehung der Welt, eine zauberhafte und sonnenanbeterische Kosmogonie...

Woanders war der Vietnamkrieg in vollem Gange, die Hippies im Central Park trugen ZZ-Top-Bärte und Natojacken, Drogen sollten helfen, das armselige Bewußtsein zu erweitern, auf das Zeitalter des Wassermanns vorbereiten, man rauchte "Gras statt Zigaretten" und nahm "LSD statt Smarties" (ein Zeitzeuge).

Es war aber auch die Zeit, in der der erste "Moog" Synthesizer nach Europa kam. Den ganz Peniblen sei verraten, daß es sich um ein riesiges Modularsystem handelte, welches Fricke nach dem zweiten Popol-Vuh-Album an Eberhard Schöner abtrat. Prächtig zu sehen am Backcover des Albums "Affenstunde”

Die Mondlandung, die Wiederentdeckung der Mayas, Drogen, das bevorstehende "neue Zeitalter". Einige recht gute Ausgangspunkte für die Entstehung "kosmischer Musik", bedeutet doch Kosmos "das Ganze”, also das Universum samt unserer Erde mittendrin, eben alles zusammen. Die frühe elektronische Musik sollte das Medium zum "Einschwingen" sein, das Einswerden mit allem Irdischen und Überirdischen erleichtern.

Diese "große kosmische Musik", von englischsprachigen Kritikern gerne verächtlich "Krautrock" genannt, stellte das genaue Gegenteil der heute vor allem im anspruchslos-kommerziellen Bereich gut verkäuflichen, seicht dahinplätschernden "New Age"-Musik dar.

Popol Vuh richteten ihr Schaffen nach der goetheanischen Tradition der Esotherik aus (Alle Menschen, nicht nur ein paar Auserwählte! waren angehalten, hinaus in die Natur zu wandern und mittels Transzendenz das wahre Wesen der Erde aus innerster Kraft zu erkennen)

Das erste Album Popol Vuhs erschien 1970. "Affenstunde" (Liberty, Germany) gilt zurecht als Meilenstein der "großen kosmischen Musik", Medidation und Askese wohnen ja Tür an Tür, das exzellente rituelle Instrumentarium (Trommeln, afrikanische Polyrhythmik) kombiniert mit schwebenden Klängen aus dem Synthesizer Florian Frickes, schafft eine ungeheuerlich ätherische Atmosphäre.

Das Improvisationsstück "Affenstunde" auf Seite 2 illustriert nebenbei sehr gut, wie vielschichtig und abwechslungsreich intelligente "World Music" eigentlich sein kann, abseits jeglicher New-Age-Langeweile a’la Enya, (zur Zeit übrigens besonders ärgerlich in "Der Herr der Ringe")

Das zweite Album "In den Gärten Pharaos" (Pilz, 1972) ist vielleicht noch einflußreicher als "Affenstunde", ehrlich gesagt fällt es schwer sich vorzustellen, daß moderne Ambientmusik ohne diese Veröffentlichungen überhaupt möglich gewesen wäre.

Sphärische Instrumentalpassagen, die an Schönheit ihresgleichen suchen, Mantras, langsame Pendelschläge und übersinnliche Momente kennzeichnen dieses Album und man wandelt in überdimensionalen Gärten, schwimmt in einem mit Seerosen bedeckten Teich zu der ewigen Quelle des Lebens.

Was mit fernöstlicher Philosophie begann, wechselt im Laufe der Jahre zur christlichen Heilslehre, eine erlesene metaphysische Metamorphose.
Diese Kombination ist bei nähere Betrachtung gar nicht so ungewöhnlich. Nachzulesen u.a. bei C.G. Jung oder H. Hesse, wer es noch bizarrer mag, sollte vielleicht Rudolf Steiner zu Rate ziehen.

Die einzige Konstante im Lauf der Zeit ist die Ergebenheit und die sakrale Andacht der einzelnen Musiker, mit welcher die jeweiligen Stücke umgesetzt werden, getreu der Tradition der "Holy Music".

Schon der Album-Titel des 1973 erschienenen "Hosianna Mantra" zeigt deutlich, daß die Metamorphose vollständig ist. Die Kombination von abendländischem Christentum mit fernöstlicher Mystik bleibt von nun an Popol Vuhs Markenzeichen. Es ist dies auch das erste Album mit vielen richtigen "Songs”, getragen von einer meist weiblichen Stimme und das gute alte Klavier löst endgültig den Moog Synthiesizer ab, was der Feenhaftigkeit vieler Stücke nicht schadet, ganz im Gegenteil!

Es folgen Veröffentlichungen wie "Seligpreisungen" (Kosmische Musik 1974), "Einsjäger und Siebenjäger" (Kosmische Musik 1975) und schließlich "Das Hohelied Salomos" (United Artists 1975), biblische Texte werden zum fixen Stilmittel.

Richtig bekannt wurden Popol Vuh aber erst durch ihre Kollaborationen mit Regisseur Werner Herzog, der von ihnen mehrere Filme vertonen ließ: Nosferatu, Aguirre, Cobra Verde und Coer de Verre zählen dazu.

Der Soundtrack zu Nosferatu ist besonderes erwähnenswert. Die Mantras schimmern voll mittelalterlicher Düsternis und ebensolcher Harmonien, das Hackbrett, die Sitar und multiple gregorianische Choräle – ein audiophiles wie eklektizistisches Erlebnis von großer hypnotischer Kraft und Vision.

In den 1980ern und 1990ern wurde es etwas stiller um das Phänomen Popol Vuh, alle paar Jahre erschien eine neue Kompilation, Mozarts Klaviermusik vom Meister selbst gespielt, oder es wird ein neues Multimediaprojekt realisiert. Auch die alten Scheiben werden immer und immer wieder neu veröffentlicht und sind heute mit wenigen Ausnahmen alle auf CD erhältlich.

Resumee: Popol Vuh waren vielschichtig, vielgestaltig und innovativ. Sie waren ihrer Zeit voraus und sorgten dafür, daß indische "Holy Music” auch im Abendland mehr Gehör fand und ohne all dieser Vorarbeit wäre moderne Ambientmusik vielleicht gar nicht in ihrer heutigen Form entstanden.

Popol Vuh veröffentlichten über 25 Alben.

Anspieltipps: In den Gärten Pharaos, Hosianna Mantra, Nosferatu

Affenstunde (Liberty, 1970)
In Den Garten Pharaos (Pilz, 1971)
Hosianna Mantra (Pilz, 1972)
Seligpreisung (Kosmische Kouriere, 1973)
Aguirre (Ohr, 1974)
Einsjager & Siebenjager (Kosmische Musik, 1974)
Das Hohelieds Salomons (UA, 1975)
Letze Tage Letze Nachte (UA, 1976)
Coeur De Verre (Egg, 1977)
Bruder Des Schattens (Brain, 1978) bzw Nosferatu (Egg, 1978)
Die Nacht Der Seele (Brain, 1979)
Sei Stille (Innovative Communications, 1981)
Tantric Songs (Celestial Harmonies, 1981)
Agape Agape (?, 1983)
Spirit Of Peace (Base, 1987)
For You And Me (Milan, 1991)
Best (Milan, 1993) (Anthology)
Sing For Song Drives Away The Wolves (Milan, 1993)
City Raga (Milan, 1995)

Das ist bloß eine kurze Discographie, wer mehr wissen will:

: related links :

http://utenti.tripod.it/popol_vuh/disc.htm
http://www.theosociety.org/pasadena/popolvuh/pv-hp.htm
http://raq491.uk2net.com/florian/