: the (international) noise conspiracy :

text: werner schröttner
fotos: ursula hirschmann

The (International) Noise Conspiracy ist keine gewöhnliche Band. Sexy und auf Style bedacht versuchen die fünf Schweden politische Musik wieder salonfähig zu machen – mit Erfolg und ohne sich ausschließlich in altbackener Protestnostalgie zu suhlen. Ihr zweites Album "A New Morning Changing Weather" beruft sich zwar auf Bob Dylan und die Ideen der 68er, gibt sich aber – trotz Retro-Touch – zeitgemäß.

Denn, neu ist das Konzept hinter t(i)nc eigentlich nicht. Und ihre Musik – eine Kombination aus Sixties Punk, Soul, Seventies Rock und Beat - ist es schon gar nicht. Dennoch entsteht gesamt betrachtet etwas Zeitgemäßes. Bassist Inge Johansson im Interview mit wellbuilt...

Ihr hättet mit den Manic Street Preachers auf Tour gehen sollen. Wie seid ihr mit ihnen in Kontakt gekommen?

Wir spielten in London vor ca. 2 Jahren. Der Bühnentechniker dieser Venue war der Gitarrentechniker der Manics. Er mochte uns – er spielt früher Bass für Exploited. Er sagte "Ihr seid die beste Live-Band, die ich je gesehen habe. Ich arbeite für die Manics". Wir dachten uns "Oh my god". Durch ihn sandten wir den Manics unsere Platten und ein Video. Und diesen Frühling trafen wir sie. Wir sprachen ungefähr zwei Minuten und sie sagten – wir sollten gemeinsam touren. Dann hätten wir diesen Herbst mit ihnen touren sollen. Aber diese Tour fand nicht statt. Die Manics cancelten die europäische Tour. Wir entschieden uns anstelle dessen unsere eigene Clubtour zu machen.


Weißt Du wieso die Manics die Tour abgesagt haben?

Offiziell weil zu wenige Tickets in Deutschland verkauft wurden. In Skandinavien und anderen Ländern lief es gut. Aber in Deutschland lief es nicht so gut wie erwartet. Ich bin mir ziemlich sicher, daß sie den Break-Even geschafft hätten. Aber dies war durch die Vorverkauf-Tickets nicht der Fall und sie wollten es anscheinend nicht riskieren. Ich hoffe aber, daß wir zukünftig etwas gemeinsam machen können.


Wie lange seid ihr eigentlich im Studio gewesen um eure neue Platte aufzunehmen?

Es waren fast sechs Wochen. Wir verließen das Studio an den Wochenenden um Shows zu spielen, kamen unter der Woche aber immer wieder zurück um weiter aufzunehmen.


Ihr habt wieder mit Jari Haapalainen zusammengearbeitet! Produziert er noch viele andere Bands?

Er hat noch gar nicht soviele produziert. Er produziert seine eigene Band und er spielt in zahlreichen anderen Bands als Gast. Er bot uns an die Platte wieder zu produzieren. Die einzige Bedingung die wir hatten – es kann nicht dasselbe werden wie "Survival Sickness" (Vorgängeralbum, Anm.). Er sagte: "Nein, nein, nein – es wird etwas total anderes.". Du merkst jetzt klar den Unterschied wenn du dir die Platte anhörst.


Ihr verwendet Trompeten und Saxophone bei einigen eurer neuen Songs. Wo kommen diese Einflüsse her?

Wenn man sich diese Platte anhört und sie mit der letzten vergleicht dann würde ich sagen "Survival Sickness" war ein Album bei dem klar die Rolling Stones und MC5 hervorstachen. Bei diesem Album wurden wir als Band zufrieden mit der Musik und uns als Personen und dem Kollektiv, das wir darstellen. So entschieden wir uns alles was wir inspirierend fanden und zu unserer Musik passen könnte zu nehmen. Wir sagten zu Jan – wir hätten gerne Trompeten bei diesem Song. Er arrangierte alles. Er rief ein Trompeten-Genie an. Dieses kam einen Nachmittag ins Studio und spielte die Trompeten-Parts für ein paar Songs ein. Einer der größten Unterschiede zwischen diesem und dem letzten Album ist, daß wir nicht zögerten uns in einer anderen Art und Weise beeinflussen zu lassen.


Ihr bezieht euch mit dem Titel eures neuen Albums ("A new morning, changing weather") auf Bob Dylan und die Weatherman Bewegung? Wie seid ihr auf das gekommen?

Also der erste Teil des Titels "A new morning" – Bob Dylan machte ein Album mit diesem Titel. Das Wetter-Ding kommt eben von den Weatherman – es soll ausdrücken wie wir von Musik und auch von Politik beeinflußt werden. Und wir werden von Ideen beeinflußt, die aus allen Richtungen kommen und wir nehmen das was wir wollen. Wir dachten es wäre ein exzellenter Titel – viele Songs am Album sind "bittersweet" und "moody" – es summiert ein Bild davon, daß wir wirklich an etwas glauben. Daß wir an die Geschichte des Widerstands glauben und an den Kampf glauben. Außerdem glauben wir an Veränderung und wir wollen so gut es geht optimistisch und positiv sein. Eben "A new morning – changing weather" – gebt acht, es wird sich etwas ändern. Das ist die Idee die dahintersteht.


Im Booklet eurer neuen Platte ist ein Essay mit dem Titel "The Global Fear Factory" abgedruckt. Habt ihr nicht in gewisser Weise die Befürchtung, daß einige jüngere Fans, die noch nicht über ausführliche Leseerfahrungen verfügen, diesen nicht verstehen?

Ich glaube wir sind jetzt um einiges zugänglicher als zu der Zeit als wir diese Manifeste zu jedem Song hatten. Jetzt haben wir die Texte, diesen Essay und Zitate zu jedem Songtext. Und Lesevorschläge – so rücken alle Texte in einen größeren Gesamtzusammenhang. so ist es einfacher zu verstehen um was es in jedem einzelnen Song geht. Und es gibt eben auch Tips wo ich mehr über das Thema herausfinden kann. Ich denke Kids heutzutage sind viel intelligenter als die Öffentlichkeit sie sieht. Das ist was ich glaube. Ich sehe das nicht als Problem. Das passierte mir als ich begann politische Rockbands zu hören – als ich 14 oder 15 war. Ich begann das alles aufzunehmen. Dieser Song veranlaßte mich dieses Buch zu lesen und jener Song veranlaßte mich den Film anzusehen oder was auch immer. Das wollen wir mit der Noise Conspiracy erreichen – eine Quelle der Inspiration – aus der du alles nehmen kannst was du willst und damit machen kannst was du willst. Ich unterschätze die Kids nicht – ich glaube wirklich an sie. Ansonsten wären wir ohnehin verloren.


Wann findet ihr eigentlich Zeit all diese Bücher zu lesen?

Alle von uns lieben es Kultur zu konsumieren – Platten, Bücher, Filme. Ein Monat lang auf Tour zu gehen – in einem Van zu sein mit denselben Leuten. Jeden Tag 6 – 8 Stunden fahren. Dann ist es sehr angenehm in ein Buch zu entfliehen. Ich lese hauptsächlich auf Tour. Jeder in der Band liest unterschiedliche Bücher. So wird alles gesammelt und es ergibt eine bunte Mischung. Ich kann somit einen Lesevorschlag zu diesem Song abgeben. Dennis hat dazu etwas total anderes. Wir arbeiten vollkommen im Kollektiv. In jedem Aspekt der Band – auch wenn es um intellektuelle Dinge geht.


In dem schon angesprochenen Essay schreibt ihr über Angst, Arbeit, Markenzeichen und andere Dinge. Ist es für jemanden, dem die ganzen Nachteile des Kapitalismus so nahe gehen eigentlich möglich noch glücklich zu sein?

Es ist sehr einfach sich in einem kapitalistischen System fallenzulassen. Und es kann sehr schnell sein, daß man sich verloren und alleine fühlt, wenn man sich mittels Ellbogentechnik gegen die Masse stellt, die versucht alles zu nehmen was sie kann und dabei ständig in Konkurrenz steht. Es ist klar, daß viele Leute sich einsam und niedergeschlagen fühlen. Aber da ist etwas, daß wir als Band mit einer Platte die heißt "A new morning, changing weather" machen können. Wir können Inspiration und Hoffnung bringen und speziell mit dieser Platte weisen wir gezielt auf die Geschichte des Widerstandes hin. Wir geben Beispiele von Leuten, die kämpften und Dinge verändert haben. Wir wollen als Beispiel voran gehen, da wir immer alles gemeinsam machen. Wir versuchen ein Kollektiv zu sein, das an sozialistischen Grundsätzen arbeitet. Die Summe von uns zusammen ist um einiges stärker eine einzelne isolierte Person in t(i)nc. IN einer Zeit von Egoismus und Konkurrenz wollen wir etwas sein, das dem entgegentritt. Eine sehr wichtige Message: t(i)nc = Kollektiv.


Wer hat eigentlich eure Biographie geschrieben? Sie scheint doch um einiges radikaler zu sein, als bspw. der Text im Booklet!

Ich habe die geschrieben. Wir wissen das. Das ist auch der Grund wieso ich das so geschrieben habe. Wir wurden schon so oft falsch gedeutet. Wir wissen, dass Mainstream-Journalisten sich einfach nicht für uns interessieren. Ich habe die schwedischen Reviews der neuen Platte heute bekommen. Die wichtigen Zeitungen geben uns meist 3 aus 5. Dann heißt es immer: Guter Garagen-Rock – von MC5 beeinflusst – radikale Texte. Die haben sich die Platte gar nicht wirklich angehört. Sie haben sich keine Zeit dafür genommen oder sich überhaupt keine eigene Meinung darüber gebildet. Leute sagen das nämlich schon über uns seit wir begonnen haben. Wir werden ständig falsch gedeutet – wir werden zwar von der Presse nicht diskriminiert, aber sie respektieren uns nicht wirklich, da wir ja bloß Punks sind, und deshalb können sie über uns schreiben was sie wollen. Mich macht es etwas krank und es interessiert mich außerdem nicht immer diese Bios zu lesen die Bands an Promo-Agenturen, Zeitungen und Booking-Agenturen senden. Wenn es um Promotion geht, dann ist es immer wie bei Headbangers Ball – die Produktion des Albums klingt als ob ein LKW von einer Klippe fällt – oder so. Wir können soetwas einfach nicht schreiben. Wobei ich soetwas über die Noise Conspiracy schon gerne schreiben würde. Unsere Biographie geht an so viele Leute und die bekommen natürlich viele Sachen – und deshalb dachten wir, wir sollten etwas machen, dem sie Aufmerksamkeit schenken.


Ihr werdet von November weg in den USA touren. Wie steht ihr zur Bombardierung von Afghanistan und wie werdet ihr darüber mit dem amerikanischen Publikum sprechen?

Wir werden Turbane tragen und ein großes Transparent mit Osama Bin Laden im Hintergrund haben. Nein nur ein Scherz – natürlich haben wir darüber schon gesprochen. Vor allem auch weil es uns näher betraf. Das alles passierte ja am 11. September und wir sollten am 12. nach New York fliegen um in Manhattan zu spielen und dort für 4 Tage zu wohnen. Das passierte dann nicht. In der letzten Woche verfolgte ich kaum die Nachrichten – wegen der Tour. Ich habe nur deutsche Zeitungen gesehen und ich bin mit der deutschen Sprache nicht sehr vertraut. Ich hoffe, dass das was wir sehen nicht der III. Weltkrieg wird. D.S.-13 sind gerade in den USA auf Tour. Ich wohne mit dem Schlagzeuger zusammen. Und er sagte, die Amerikaner waren schon Nationalisten bevor das passierte, das war laut ihm aber noch gar nichts, im Vergleich dazu was sie jetzt sind. Er sagte dann noch zu mir: 'Das ist total verrückt hier. Ich möchte fast nach Hause kommen.‘ Es ist für uns dieses Mal anders in die USA zu fliegen um dort zu touren und noch dazu Kommunistenabschaum zu sein. Amerikaner, nicht alle selbstverständlich, sagen oft – natürlich seid ihr auf unserer Seite. Jetzt in diesen Zeiten sollen alle Länder uneingeschränkt Pro-Amerika sein, weil das mit dem WTC und dem Pentagon passiert ist. Das Bild das in Mainstream-Massenmedien gezeichnet wird ist sehr einseitig würde ich sagen. Ich glaube es ist eine Möglichkeit für uns jetzt in die USA zu gehen um über diese Dinge zu sprechen, um Leuten klar zu machen warum die Leute in den arabischen Staaten so 'böse‘ auf die USA sind. Wieviele unschuldige Frauen wurden im Golfkrieg getötet? Wie fühlen sich die Palästinenser wenn die USA Israel sponsert und dann deren Truppen ihre Häuser zerstören. Natürlich sind die Leute 'böse‘ auf Amerika. Es ist auf jeden Fall eine Möglichkeit.


Glaubst Du, ihr werdet in den USA Probleme bekommen?

Ich weiß nicht. Ich hoffe nicht. Als wir bei unserer letzten Tour nach Kanada fuhren – das war genau in der selben Woche als die Proteste in Quebec stattfanden – da stahlen uns die Zollwachebeamten die gesamte politische Literatur die wir mitgebracht hatten. Ich glaube wir haben sozusagen schon einen gewissen Ruf dort. Ich sehe aber kein Problem – momentan zumindest.

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