: bis zum bitteren ende : 20 jahre die toten hosen

text: thomas weber

Mit "Auswärtsspiel" veröffentlichen die Toten Hosen dieser Tage ihr neues Album. Sänger Campino macht sich nach zwanzig Jahren Bandgeschichte nicht nur Gedanken über die Existenzberechtigung seiner Band, sondern erweist sich im Interview mit Thomas Weber als überaus (selbst)kritischer Denker. Campino über das Älterwerden, Berufsjugendliche und politischen Aktionismus.

Auf "Auswärtsspiel" beschäftigt ihr euch thematisch erstmals mit dem Älterwerden. Wie sehen sich denn die Toten Hosen nach 20 Jahren?

Uns ist natürlich auch bewusst, dass wir jetzt eine Art Jubiläum haben und wir wollten mit der neuen Platte ganz klart keine Retro-Jammer-Nummer machen. Es sollte kein Rückblick sein, sondern das Hier und Jetzt zeigen. Schließlich muss sich das Zeug auch mit unseren alten Sachen messen lassen. Wir werden immer wieder gefragt: 20 Jahre - wie lang soll denn die Scheiße noch weitergehen? Deshalb haben wir aus einer selbstironischen Haltung heraus "Alte Punks" geschrieben. Darin geht es darum, dass wir alt werden, morgens Kreuzschmerzen haben und einfach keine zwanzig mehr sind. Generell sehen wir das aber locker. Beschäftigen wir uns mit dem Altwerden? Hm, vielleicht scheint das auch so, weil ein paar Lieder vielleicht eine Depri andeuten...

Ich habe eher an diesen selbstironischen Ansatz gedacht, wenn ihr etwa singt "das einzige was nicht kaputt an mir ist, sind die Brücken in meinem Gebiss"...

Also wir gehen damit offen um. Wir brauchen weder uns, noch jemand anderen bescheißen. Uns gibt es seit 20 Jahren, wir haben eine gute Zeit gehabt, viel Spaß gehabt, auch viel Scheiße erlebt, und ich freu` mich so wie ich hier sitze auf die nächste Tour. Auch an eine Tour gehe ich immer mit dem Gefühl heran, das wir auch beim Aufnehmen jeder Platte haben: Dass es die letzte sein könnte. Diese Haltung, ach das ist das 13. Oder 14. Album, schon wieder die xyste Tour, die mag ich nicht. Man soll sich nicht vormachen alles wäre "Und täglich grüsst das Murmeltier", das ist es nämlich nicht. Je länger unsere Geschichte andauert, desto weniger selbstverständlich ist sie, desto glücklicher macht sie mich. Der brutale Car-Crash von unserem Schlagzeuger, der nie wieder Schlagzeug wird spielen können, das war wieder ein Warnsignal. So a la "Bilde dir nicht ein, dass die Sache ewig so weitergehen wird!". Nur wenn man sich dessen bewusst ist, entwickelt man keine Routine.

In einem der neuen Songs taucht wieder einmal der Slogan "Bis zum bitteren Ende" auf. Langsam klingt das ziemlich glaubwürdig.

Ja, ja. Natürlich ist das in erster Linie eine Anspielung auf unseren Wahlspruch. Im Titelsong "Auswärtsspiel" bezieht er sich gleichzeitig darauf, dass du immer zu deinem Fußballteam gehst, immer verlierst, also eins auf die Schnauze bekommst, die Sache aber trotzdem durchziehst, weil es nun mal dein Verein ist. Genauso kann ich mir vorstellen, dass wir eine Menge Anhänger haben, die mit einer ähnlichen Einstellung zu den Hosen stehen. Und auch mal sagen: Okay, die Platte war Scheiße. Ganz so wie wir halt zu Fortuna gehen und sagen: Okay, haben wir heute verloren. Es ist mehr ein sich über eine Grundhaltung definieren und auch eine Treue zu einer Sache zu haben, wenn man mal versagt...

Mittlerweile sind mehrere Generationen mit eurer Musik aufgewachsen. Wie haben sich denn eure Fans abseits von diesem harten Fan-Kern im Laufe der Jahre verändert?

Schwierige Frage. Uns hören relativ viele Leute zu, weshalb es eine Wahnsinns-Bandbreite gibt, die wir früher in einem Punk-Club nie hätten entwickeln können. Dann denke ich, man sollte sich nicht zu sehr Gedanken darüber machen, warum die einem jetzt zuhören und warum nicht, denn wenn du damit anfängst, analysierst, dann fängst du schon an zu kalkulieren. Und dann fängst du an nach so einer Erwartungshaltung zu schielen und die auch bedienen zu wollen. Ich glaube, dass in diesem Moment unser Selbstverrat beginnt. Solange ich Lieder mache, die aus meiner Sicht aus dem Hier und Jetzt kommen, also aus der Sicht eines Ende-30jährigen, solange diene ich mich niemandem an, solange belüge ich mich auch nicht selber, Es gibt genügend Themen, die kann ein 6Jähriger genauso okay finden wie ein 60Jähriger. Ich kann mit einem 20Jährigen reden, der plappert für mich kein Chinesisch, aber ich muss mich ihm nicht andienen. Und ich möchte nicht seine Klamotten anhaben, möchte auch nicht in seine Diskos gehen. Ich freue mich auch über einen Opi, der kommt und ruft: "Ey, das ist wie damals!". Das ist der einzige Weg, wie wir noch vor uns selber Respekt haben können. Und wie wir die Leute nicht bescheißen. Uns vorzumachen, dass wir noch die Opelgang von früher sind, das wär` einfach Käse.

Die Toten Hosen sind längst eine Institution, vielleicht noch am ehesten vergleichbar mit den Ärzten, die aber doch eher Berufsjugendliche sind.

Mittlerweile kommen wir mit den Ärzten ja ganz gut klar. Ich lass das, was du über die eben gesagt hast, jetzt einmal wertfrei im Raum stehen. Der Unterschied zwischen den Ärzten und uns ist, dass die mal eine Pause hatten und fünf Jahre lang versucht haben, Solokarrieren zu machen. Und ich glaube, wenn daraus Karrieren geworden wären, dann wären die Ärzte heute nicht mehr zusammen. Dass ihre Solokarrieren gescheitert sind, hat sie in ihrer Persönlichkeit aber weitergebracht. Sie sind dadurch bessere Typen geworden als sie früher waren und ihre Zielausrichtung ist eine ganz andere. Sie machen sich über vieles lustig, verarschen sich selbst und ihre Fans. Und entwickeln damit auch eine unangreifbare Haltung, weil - unter Anführungsstrichen - ja alles nicht so gemeint ist. Ich glaube, dass wir viel eher angreifbar sind, weil wir versuchen eine Meinung zu vertreten. Für einen Zyniker sind wir optimal, weil man uns als Jusos oder alt gewordene Jusos darstellen kann. Aber ich scheiß da drauf. Ich riskiere diese Verrisse, weil ich eine Aussage machen will. Mir wäre es zu wenig, eine ganze Platte zur Verfügung zu haben, eine ganze Stunde lang Aufmerksamkeit, da wäre es mir einfach zu wenig, nichts zu sagen, was Essenz hat, keine Botschaft. Es geht mir darum zu sagen, was mir ein echtes Anliegen ist. Und ein Witz ist nicht mein Anliegen. Das ist schon lange vorbei.

Welchen Stellenwert hat für euch politischer Aktivismus?

Wir sind weder eine Band, die in jedem Lied mit dem erhobenen Zeigefinger loslegt, wir sind ja mit unseren Saufliedern auch ziemlich unkorrekt. Vom puren Partyblödeln bis zu politischen Aussagen ist alles drin. Wir hatten für diese Platte ein Lied geplant, das politisch auf die zwölf gegangen ist, das eigentlich die erste Single hätte werden sollen und in Deutschland zu 100 Prozent für Mega-Aufregung gesorgt hätte. Dann kam dieses Attentat am 11. September, und jetzt gerade interessiert sich niemand für Innenpolitik. Wir kamen uns mit dem Lied völlig fehl am Platz vor, weshalb wir es vom Album genommen haben. Jetzt ist es erst einmal im Regal und wenn die Zeiten wieder etwas ruhiger sind, dann werden wir die Nummer wahrscheinlich wieder rausholen müssen. Weil mache Dinge sich einfach nicht ändern, auch wenn sie in der aktuellen Wahrnehmung überspielt werden.

Kannst du dazu konkreter werden?

Also das mag ich jetzt nicht, weil es schon auch von einem Überraschungseffekt und Schockelement lebt. Aber wenn es dann kommt, dann weißt du, was ich gemeint habe. Es war zur Zeit einfach nicht der richtige Moment. Du kannst dir im Moment mit tagespolitischen Äußerungen so unheimlich den Mundverbrennen, weil die Zeiten so unsicher und umstürzlerisch sind. Du kannst nur hinterher kommentieren, was du auf Bildern siehst. Trotzdem kann man Grundhaltung haben und Prinzipien vertreten. Man kann Dinge billigen oder prinzipiell nicht billigen. Man kann die US-Betroffenheit grenzenlos teilen und völlig unkritisch mitmachen, oder aber sagen, okay, ein unmögliches Attentat, die Übeltäter müssen ausfindig gemacht werden, aber die Frage nach dem WIE darf ja wohl noch gestellt werden. Wir dürfen auch nicht die Haltung haben, die manchen Menschen sehr gelegen käme, die manche gerne von uns hätten, so "Ey, macht Musik, aber ansonsten haltet die Schnauze". Das war nie unser Ding und das wird auch nie so sein. Trotzdem kann man mit der Musik nicht mehr die Leute so mobilisieren, wie das noch in den 80ern ging. Auch U2, die ja die letzten Dinosaurier der Politmusik sind, auch denen gelingt das nicht mehr. Der Widerstand gegen AKWs oder Castor-Transporte, das ist doch alles nur mehr ein kümmerlicher Haufen im Verhältnis zu damals. Mitte der 80er Jahre kamen bei Festivals gegen Wiederaufbereitungsanlagen oder bei den ersten Anti-Rechts-Demos 100.000 oder 120.000 Leute. Das sind Zahlen, auf die kommt man heute nicht annähernd hin.

Und woran könnte das liegen?

Die Leute sind von Politik sowieso ein bisschen übersättigt. Es gibt viel mehr Zerstreuungsmöglichkeiten, aber auch viel mehr Möglichkeiten sich zu äußern. Übers Internet etwa. Die Leute laufen heute nicht mehr unbedingt auf die Strasse. Man darf auch nie vergessen, dass die Musik ohnehin immer nur einen Aha-Effekt bewirken kann. Wenn sich ein Künstler zum ersten Mal zu einem Thema äußert, dann ist das in den Medien eine große Meldung. Etwa "Die Toten Hosen spielen für die Stahlarbeiter in Dortmund". Sobald du bei der zweiten Veranstaltung bist, ist das eine winzige Meldung. Beim dritten Mal gar keine, weil es als selbstverständlich angenommen wird. So nutzt sich dein Name - und damit die Wirkung - unglaublich schnell ab. Ich glaube, dass Musik auch zu oft von der Politik missbraucht und vor einen Politkarren gespannt wurde. Und dann war das irgendwann halt nicht mehr attraktiv.

Ihr seid aber trotzdem nach wie vor aktiv.

Wenn es um ein Ding geht, das brennt, dann bringen wir uns gerne ein. Und wenn es sonst keine Möglichkeit gibt, dann nehmen wir auch mal die Gitarre in die Hand. Aber trotzdem ist total klar, dass die Durchschlagskraft, die solche Aktionen mal hatten, verloren gegangen ist. Wenn ich jetzt mal an unsere ganzen Anti-Rechts-Lieder denke, das waren ja nie Melodien um Leute umzudrehen oder umzupolen. Wir haben sie immer als Kampfhymnen verstanden, für diejenigen, die so denken wie wir. Das sollte immer nur ein Soundtrack sein um auf die Strasse zu gehen und sich zu wehren.

Für viele Teenager waren solche Hymnen dennoch prägend. Die Toten Hosen hatten ja immer sehr viele jüngere Hörer.

Ja klar, wenn jemand noch politisch unbeeinflusst ist. Und sich noch gerne der Meinung seiner Helden und Idole anschließt, dann hat das durchaus einen Kick. Jemand findet halt das cool, was der ältere Bruder cool findet. Das kann auch eine perverse Wirkung in die falsche Richtung haben. in den neuen Bundesländern in Deutschland sind halt unheimlich viele Kids rechts, weil das schick ist rechts zu sein. Da übernehmen dann 12Jährige die Meinung von 15Jährigen und du hast keine Chance da durchzukommen. Auch was Rockmusik angeht. Eine ganze Menge Bands kommt so an die Jugend noch ran. Das bedeutet bei den Leuten dann auch automatisch, dass die Toten Hosen Scheiße sind. Da findet keine Vermischung statt. Es war immer eine Gefahr zu sagen, nur weil du links bist, bist du automatisch ein Softie, ein Hippie und hörst nur Weichei-Musik. Und wir, die Rechten, wir sind die Toughen. Wir wollten immer das linke Proll-Gegengewicht sein. Zwar auch mit simplen Sachen, Hool-Touch, aber trotzdem mit was in der Birne. Diese härtere Feld wollte ich den Rechten nicht überlassen. Es ist eine beschissene Entwicklung. Bis die Onkelz kamen, gab es das in Deutschland nicht, dass Rockmusik von rechts benutzt wurde. Damals haben die Onkelz nun mal "Türken Raus"-Lieder gehabt, was sie heute machen, darüber will ich mich jetzt nicht auslassen, das rechte Skin-Image wurde von ihnen verbreitet. Vielleicht hätte, wenn sie es nicht gewesen wären, jemand anders damit angefangen. Aber vorher gab es das nicht. Geschichtlich war Rockmusik überall immer Underdog-Musik und links. Die ganzen rechten Philosophien stammt ja immer von Spießern und Losern, die gegen kleinere Loser treten. Es findet sich kein Beispiel in der Geschichte, in dem Rechtsextremismus mit einem Heldenkampf nach oben verknüpft gewesen wäre. Niemand legt sich mit Überlegenen an, man sucht sich immer nur kleine Wichte aus. Und da ist die Rockmusik in den letzten Jahren halt teilweise moralisch und ideologisch gekippt.

Schon eure Platte "Opium fürs Volk" (1996) war eine sehr selbstkritische Abrechnung mit euren Idealen. Und auch da ging es euch bereits um die Vereinnahmung von politischen Symbolen und Schlagworten.

Im Grunde ging es uns damals vor allem darum aufzuzeigen, dass diese "Freiheit", nicht mehr drei sondern vierzig Fernsehkanäle zu haben, zu einer geringeren Bandbreite geführt hat als früher. Auf drei Kanälen wurden mehr strange Dinge durchgedrückt als jetzt. Weil es keine Alternative gab. Heute hast du vierzig Anbieter und überall dieselbe Scheiße. Im Kampf um diese Quoten. Es gibt nur die Breite an Sendern, aber keine Breite des Niveaus. Die totale Vollverflachung. Wir, die wir irgendwann in der Subkulturecke angefangen haben, sind ja selber nur ein Rad in er Maschinerie. Je mehr wir gestrampelt haben, desto mehr wurden wir benutzt und haben uns wahrscheinlich auch gerne benutzen lassen. Trotz unseres ganzen Geschreis sind wir letztlich auch nur ein Ventil dafür, dass die Leute nicht randalieren, dass sie ihre Aggression und Luft raus zu lassen, die wahrscheinlich nötig wäre um richtig Zoff zu machen. Und insofern gibt es nur eines: Wenn du hier wohnst, dann bist du Teil dieser Maschinerie mit allem Wenn und Aber. Oder du musst als Eremit in die Wüste gehen oder als alternativer Bauer in irgendein anderes Land gehen und dich ganz ausklinken.


Seht ihr euch da auch als eine Art Korrektiv?

Korrektiv wofür?

Etwa um gewissen Tendenzen entgegenzuwirken...

Überhaupt nicht. Alles in allem sind wir eine Rockband, die dadurch eine Existenzberechtigung hat, dass sie Lieder in der Sprache verfasst, die die Leute hier verstehen. Vom Handwerk her gibt es sicher viele englische oder Ami-Bands, die uns weit überlegen sind, aber da gibt es für viele Hörer den Nachteil, dass die gar nicht verstehen, was der oder die da eigentlich singt. Es gibt so viel Musik, die sich sehr gut gespielt anhört und auch sehr hart, aber eigentlich singt die Band nur Quatsch, Wohlstands-Kacke. Das war immer unsere Existenzberechtigung, dass wir verstanden wurden, aus der Sicht von Leuten die auch hier leben Themen aufgreifen konnten, die eine gewisse Relevanz haben oder hatten. Gleichzeitig war das auch unser Limit. Es bedeutet, dass wir in Amerika und England oder wo auch immer nicht unbedingt gehört wurden, oder nur von einer ganz ganz kleinen Minderheit. Dieser Deal geht aber für mich in Ordnung. Wir haben immer ganz bewusst Deutsch gesungen, weil wir von hier kamen und von den Leuten um uns verstanden werden wollten. Aber mehr auch nicht. Korrektiv würde bedeuten, ein Aufgabe zu haben, eine staatstragende. So sehe ich uns eigentlich überhaupt nicht. Letztendlich lassen wir irgendwelche Sachen ab, Statements und Lieder, und müssen - eben weil es verstanden wird - dahinter stehen.

: related link :

Aktuelle Tourdaten unter http://www.dietotenhosen.de. Hier findet sich auch ein Interview, das Campino für die Magazinbeilage der Süddeutschen Zeitung mit Joe Strummer (The Clash) geführt hat.