: the drummers of japan : yamato

text & interview: andreas probst

Die Tugend der Konzentration – jeder Moment ist entscheidend

Die japanische Percussion-Group „YAMATO“ im Wiener Museumsquartier

Unter allen traditionellen japanischen Instrumenten ist die Taiko heute wohl am populärsten und auch über die Landesgrenzen hinaus am bekannntesten. Über 4000 Laien- und Profigruppen, so genannte Kumi-daiko, gibt es mittlerweile in Japan. Aber auch im Ausland nimmt die Taiko-Begeisterung zu. Vor allem in den USA wo bereits knapp 150 Taiko-Gruppen existieren. Daß mehrere Taikos in einer Art Ensemble zusammen gespielt werden, kam erst nach dem 2. Weltkrieg auf. Als Begründer der Kumi-daiko gilt der Jazz-Musiker Oguchi Daihachi, der zum ersten Mal in den 50er Jahren Taikos unterschiedlicher Größe und Tonlage zusammenstellte, mit langsamen und schnellen Rhythmen experimentierte und so mit der jahrhundertealten Taiko-Tradition brach.

Die Herstellung einer Taiko ist aufwendig. Nur besonders schwere und harte Hölzer, wie z.B. der japanische Kejaki oder die amerikanische Esche liefern, eignen sich für ihren Bau. Da Taikos traditionell aus einem Holzklotz geschnitzt werden, braucht man für eine große O-daiko Bäume, die mindestens 200 Jahre alt sind. Nach dem Fällen muß das Holz zehn Jahre getrocknet werden bevor es bearbeitet werden kann. Sind die fertigen Trommelbäuche dann mit gegerbten Leder bespannt und lackiert, geht es ans Verzieren und Bemalen. Erst dann ist die Taiko wirklich fertig und spielbar.
Bereits vor 1400 Jahren und vermutlich sogar noch früher wurden Taikos in kriegerischen Auseinandersetzungen und in Friedenszeiten als Kommunikationsmittel eingesetzt. Auf dem Schlachtfeld wurden sie benutzt um die Kampfhandlungen zu koordinieren und dem Feind Angst einzujagen. Außerdem signalisierten die Taikos herannahende Taifune oder vertrieben böse Geister. Ihr Klang war so durchdringend, daß sogar die Dorfgrenzen mit ihrer Hilfe abgesteckt wurden: wo man den Taiko-Schlag nicht mehr hören konnte, war auch das Dorf zu Ende. Da Taikos im täglichen Leben so wichtig waren, glaubte man bald daß die Trommeln von Göttern bewohnt wurden. Als sich shintoistischer und buddhistischer Glauben im 6. Jahrhundert n. Chr. rituell verfestigten, entschieden die Priester darüber, welche Männer die Taikos bei religiösen Zeremonien spielen durften.

YAMATO ist eine neue wilde Trommler-Generation. Barfüßige junge Menschen mit Punkfrisuren, so kraftvoll und konzentriert wie „Kodo“, aber ohne deren tiefe Religiosität, die es nicht gestattet auch nur einen Gesichtsmuskel zu bewegen. Mit wuchtigem Enthusiasmus schlagen sie auf ihre Instrumente ein um sie wenig später nur hauchzart zu berühren, ein Klang wie Regentropfen, der von Instrument zu Instrument weitergegeben wird, um in unterschiedlichen Tempi formvolldendet variiert zu werden. Im Verlaufe ihres Auftritts beweisen die Musiker von YAMATO zunehmend mimetische Qualitäten und entwickeln Schritt für Schritt eine Art Varieté und Zirkusnummer. Die führt hinab in die unschuldige Vorstellungswelt von Kindern. Aus simplen Scherzen heraus entfaltet sich jene faszinierende Stimmung, die den Zauber einer gelungenen Performance ausmacht. Wenn sich eine YAMATO-Akteurin auf der Shamisen – eine Art japanisches Banjo – ins Zeug legt, als gelte es Speed-Metal Rekorde zu brechen, ist auch die Brücke zwischen Tradition und Popkultur geschafft.

Für wellbuilt koordinierte Andreas Probst ein Gespräch mit dem künstlerischen Leiter und Gründer der Gruppe Masa Ogawa.

Der Name YAMATO ist mit einer langen Geschichte verbunden – politisch, geschichtlich, kulturell. Fühlen Sie eine Verantwortung wenn Ihr Ensemble diesen Namen trägt?

Heute hat das eine vielleicht ganz andere Dimension gewonnen. Als wir uns damals zusammenfanden waren wir noch ganz junge Leute und sagten uns wir wollen mit traditionellen japanischen Instrumenten den Geist Japans in alle Welt tragen.

Wie haben Sie angefangen sich mit traditioneller japanischer Musik zu beschäftigen?

Nach dem 2. Weltkrieg kam aus dem Westen der Jazz und die populäre Musik zu uns. Und da kam es dann zunehmend zu gemeinsamen Auftritten von Jazzmusikern und Wadaiko-Spielern. Dadurch bekam die japanische Trommel ein neues, ein sozusagen musikalisches Leben.

Haben Sie sich mit dem religiösen Hintergrund es Trommelns beschäftigt?

Früher stand das Religiöse ziemlich im Vordergrund. Es war gewissermaßen ein Zwiegespräch mit den Göttern, was die Arbeit des Trommlers ausmachte. Das ist jetzt verschieden. Es gibt aber Stücke, die aus dieser Vorstellung heraus entstanden sind. Wenn man so will, sind sie eigentlich alle an die Götter adressiert. Unsere Götter sind allerdings von anderer Natur als der (christliche) Gott des Westens. Unsere Seelen können mit ihnen, den Seelen der Verstorbenen, die in sehr unterschiedlicher Form auftreten, kommunizieren.

Früher wurden die Trommeln nur von Männern gespielt. In Ihrer Gruppe sind auch Frauen ...

Revolutionär ist das eigentlich nicht. In letzter Zeit spielen viele Frauen Taiko. In der Musik sind die Rollen unterschiedlich verteilt, es gibt aggressive und eher zurückhaltende Partien. Die Frauen schlagen die Trommeln ganz anders als die Männer, eher weich. Wir achten darauf, daß möglichst eben so viele Frauen wie Männer auf der Bühne stehen. Ich denke, das ist wichtig für die Auftritte.

Welches Verhältnis hat YAMATO zu Tradition und Moderne?

So wie wir unsere Arbeit verstehen, versuchen wir beim Entwickeln eines Stückes etwas ganz Konkretes unausgesprochen hineinzubringen, das den 'Geruch‘ der Tradition spürbar macht. Wir machen das ganz intuitiv, schreiben unsere Stücke, bis wir sagen, das ist lustig oder das ist traurig.

Wie lange haben Sie gebraucht damit das Ensemble die notwendige Synchronität erreicht hat?

Das dauert. Unser Leben ist in erster Linie gemeinschaftlich organisiert. Wir essen gemeinsam, wir gehen zur gleichen Zeit schlafen, stehen zur gleichen Zeit auf. Damit fängt es schon mal an. Dann laufen wir einige Kilometer gemeinsam, trainieren unsere Muskulatur ehe wir mit den Proben beginnen. So bewegen wir uns jeden Tag rund zwölf Stunden gemeinsam. Man muß kontinuierlich zusammen sein, gemeinsam leben und proben. Und je länger wir zusammen sind desto größer wird die Fähigkeit gemeinsam Probleme zu lösen. Das ist sehr wichtig.

Wie wirken sich unterschiedliche Stimmungen der Ensemblemitglieder auf die Performance aus? Sie erwischen sicher auch mal einen schlechten Tag ...

Das kommt schon mal vor. Pro Jahr haben wir zwischen 150 und 200 Konzerte, wir sind ständig auf Achse. Wenn man nicht allein ist, sondern zehn Leute beteiligt sind, so unterscheiden sich deren körperliche und seelische Befindlichkeiten ganz erheblich. Aber das gehört einfach dazu, das macht schließlich auch die Bühnenpräsenz von YAMATO aus.

Wie schaffen Sie es trotzdem immer eine gute Show abzugeben?

Aus der Sicht eines Japaners gesagt: wir verstehen uns spontan, da bedarf es keiner Worte. Wenn der eine einen Schritt zurück macht, geht der andere einen vor, wenn der andere einen Schritt nach vorne macht, zieht sich der eine zurück. Wenn der eine nicht gut drauf ist, springt ein anderer für ihn ein. So helfen wir uns gegenseitig.

Es gab rituelle und philosophische Impulse, die das Wadaiko-Spielen beeinflußt haben: der Buddhismus und die Shinzo-Religion. Spielt das bei Ihnen auch ein Rolle?

Für uns gibt es eigentlich keine religiösen Implikationen. Nur: die Taiko gilt als Sitz der Gottheiten, die für uns viel näherstehende Wesen sind, eine Art Kumpel vielleicht. Und daher ist es uns wichtig, die Instrumente gut zu behandeln, nicht unseren Frust an ihnen
auszulassen.

Ihr aktuelles Programm heißt „Beat Of The Spirit“. Welche Assoziationen verbinden Sie mit diesem Titel?

Weil die Menschen einen 'Geist‘ haben, leben sie. Ich denke, daß sie daher lachen, weinen und andere Empfindungen haben. Das ist jetzt vielleicht eine komische Geschichte, aber in Japan ist man beispielsweise der Meinung, wenn jemand stirbt und man das Körpergewicht vor dem Tod und danach vergleicht, dann hat es unmittelbar nach dem Eintritt des Todes etwas abgenommen. Die Japaner sprechen davon, daß die Seele (Tamashii) den Körper verlassen hat.

Was möchten Sie mit diesem Programm ausdrücken?

Was ich und meine Freunde ausdrücken wollen, ist die Stärke des Lebenden, des lebendigen Menschen. Was immer man von einem lebenden Menschen äußerlich wahrnehmen kann, im Zentrum seines Lachens oder Weinens, ist in jedem Fall das Schlagen seines Herzens zu vernehmen. Und das wird von seiner Seele, seinem Tamashii, bewegt. In unserem Konzert machen wir den Klang der Trommel hinter dem an der Oberfläche wahrnehmbaren Weinen, Lachen, der Bitterkeit hörbar. Und das ist der Klang der Seele, des Herzens.

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