:  Führung durch die Tanz-Bar :
Gewinnspiel: siehe Ende es Textes

Das "Café Jenseits" in der Nelkengasse war 20 Jahre lang ein Bordell, und das ganze Interieur wurde im Originalzustand belassen, wie der Kellner versichert. Diesen ausgesprochen plüschigen, gemütlichen Abhäng-Ort hat sich die Waldviertler Band 99 für die Präsentation ihres ersten Longplayers "Tanz-Bar" ausgesucht.

Zuerst einmal: Von der Covergestaltung, dem Booklet bis zur Rückseite der CD samt silberscheibigem Inhalt haben "99" ein Erstlingswerk abgeliefert, das vor allem durch seine Homogenität und den durchgehend qualitativ hochwertigen Inhalt Hörer auf seine Seite zieht. Von Erstlingsproduktionen (noch) mäßig bekannter Bands ist man sowas in Österreich ja nicht unbedingt gewohnt, aber "99" bringen auch auf Tonträger diese seltsame Mischung aus Ernsthaftigkeit, Melancholie und Rabaukentum, die ihre treuen Fans immer wieder zu den Liveauftritten pilgern läßt.

"99", sprich Neunundneunzig, steht unter Anführungszeichen, die charakteristisch für die Einstellung der Band sind: Man könnte eigentlich alle Songs unter Anführungszeichen setzen, um sie zu relativieren, denn wenn Vocalist Clemens mit erstaunlicher Emotionslosigkeit dahinsingt und dann Hannes mit voll geladener E-Gitarre hineindonnert, dazu Herwig am Schlagzeug und Willy am Bass mit erdbebenähnlichen Crescendo-die Stimmung eines Songs in wenigen Sekunden umschlagen lassen, steht der Hörer erstmal ziemlich verloren dar. Obwohl man nicht den leidigen Vergleich mit den Sternen oder Tocotronic heranziehen sollte, um jede Pop-Rock Band mit deutschen Texten zu schubladisieren, haben "99" mit den beiden Hamburger Schülern zweifellos etwas gemeinsam: die einzelnen Songs wollen etwas Zeit haben. Wenn auch "Beim Fernsehen und im Kino" oder "Widerlich" gewisse Ohrwurmqualitäten á la einmal reinhören nicht abzusprechen sind, so wird sich vor dem geneigten Hörer das volle Klangspektrum der immer wieder klug eingestreuten Dissonanzen beim schnellen Durchhören niemals voll entfalten - mit anderen Worten, ihre Musik ist anspruchsvoll - sie nimmt den Hörer solange in Anspruch, bis sich die Melodien im Kopf festgefressen haben, dann hat diese Scheibe ihr Ziel erreicht - und das wird sie mit Sicherheit nicht nur bei Fans zeitgemäßer Gitarrenmusik.

Die Tanz-Bar, so der Titel des Albums, hat Platz für 99 durstige Barfliegen, von denen allerdings nur die ersten zehn interessante Gesprächspartner darstellen, während die restlichen 88 (Tracks( mehr oder weniger nutzlos rumhängen, und Track 99 wünscht dann noch eine gute Nacht. Aber zur versprochenen Führung: In Kürze wird das schwarz-weiße Video zu "Beim Fernsehen und im Kino" veröffentlicht - eine Hommage an die 8mm Kameras, mit denen unsere Eltern in den 70ern ihre Urlaubserinnerungen festhielten. Die schnellen Schnitte und die teils extrem unruhige Kameraführung ergänzen sich perfekt mit dem ersten Track des Albums. Weiter geht's mit "Spätestens seit Mai", dem wahrscheinlich eingängigsten Song der ganzen Scheibe, dem Clemens mit ruhiger Intonation besondere Kraft verleiht. "Widerlich", vor mehr als einem halben Jahr als Single veröffentlicht, kommt als Nr. 3 aus dem Reich der Toten zurück, allerdings in der Herbstversion mit besonders widerlicher Verzerrung auf der Stimme. "Einfach Seltsam", denkt sich Track 4, der zufällig auch auf diesen Namen hört. Track 5 findet die Tanz-Bar "Voll Gut", ist auch kein Wunder, verstehen sich die meisten Songs untereinander doch prächtig.

"Sternenland", "Superstar" und "Fortgehn" schrauben bei der zweiten Hälfte des Albums das Hitpotential etwas herunter und die Nachdenklichkeit und Kontemplation hinauf - nicht etwa, weil es sich um drei sehr langsame Songs handelt, sondern weil gerade in diesen Stücken den Texten besondere Aufmerksamkeit zukommen sollte. Aber in Bars trinken ohnehin nur Langeweiler schweigend. Ein recht prominenter Stammgast ist Nummer 9, der "Mann im Mond", und "W. (Teil 4)" möchte als der, der immer als letzter geht, lieber anonym bleiben. Wenn ihr mit den Gästen der Tanz-Bar ein Schlückchen trinken wollt, dann servieren "99" gleich die richtigen Cocktails.

Schickt eine email an voortekk@wellbuilt.net, die schnellsten drei gewinnen je eine limitierte Vinylsingle von "99".