: dauerfisch : endlich - aus scheisse gold machen

interview + text: thomas weber

Musik für deutsche Trainspotter hat - wenig nachvollziehbar - jemand einmal Dauerfischs Musik genannt. Auch auf ihrem neuem Album "Crime Of The Century", in das die beiden Soundbastler André Abshagen und Achim Treu unter anderem orientalische Klänge einfließen haben lassen, drängen sich Assoziationen in Richtung Trainspotting nicht gerade auf. Trotzdem, cinematisch kann man den Sound Dauerfischs ruhigen Gewissens nennen, zumal die beiden sympathischen Künstler mit der Bezeichnung Easy Listening keine rechte Freude haben.

Nicht daß aller Anfang schwer wäre, ganz im Gegenteil. Alles Große, so scheint es, beginnt immer im Rausch der Euphorie. Nur folgt dem wiederum notgedrungen die Ernüchterung. Und dann, dann geht es - erst langsam aber doch - stetig voran. So wie "Tausend ganz legale Steuertricks", Dauerfischs letztes Album (nicht ihr Debüt, aber doch ihr erster Longplayer auf dem renommierten Bungalow Label), das in bezug auf die Verkaufszahlen eher enttäuschend war, vorbestellungsmäßig vom Nachfolger aber bereits bei weitem übertroffen wird. Ganz ähnlich hat sich auch Dauerfischs ganz eigentümliche Herangehensweise ans Musikmachen heraus gebildet. "Wir haben eigentlich zu Hause angefangen Ping Pong Bälle aufzunehmen, dann aber schon früh auf den ersten Ataris herum probiert und auch früh Synthesizers gekauft. Allerdings mit der völlig falschen Intention. Ich hatte nur einmal gehört, daß man mit Synthesizern alle Instrumente nachahmen kann. Da hab ich mir damals, gleich als der raus kam, mit meinem ganzen Geld den MS 20 gekauft. Und als ich den dann zu Hause angeschlossen hatte, war ich natürlich super enttäuscht. Ich dachte, da kommen jetzt Violinen oder andere tollen Sounds raus. Nach dieser anfänglichen Enttäuschung habe ich dann angefangen trotzdem drauf zu spielen, ja und heute ist er halt einfach Standard-Repertoire", beschreibt Achim ganz ohne Nostalgie seine ganz persönliche Musikgeschichte.
Heute benutzen Dauerfisch zwar eine ganze Menge an elektronischem Equipment, ihre Musik verstehen sie aber ganz dezidiert "nicht in erster Linie als elektronische Musik." Auch daß sie keine "Maschinen-Fetischisten" sind, darauf legen sie wert. "Wir verehren unsere Geräte nicht kultisch oder so. Elektronik ist bei uns nur Mittel zum Zweck. Was wir machen ist im weitesten Sinne eine Vermischung von Originalinstrumenten und Elektronik. Auch finden wir immer die Ergebnisse am besten, bei denen dann später gar nicht mehr unterscheidbar ist, was gesamplet ist und was nicht. Wichtig ist, daß ein Sound dabei heraus kommt. Schön, wenn alles unklarer Herkunft ist."
Von dieser Warte aus läßt sich auch die Mitgliedschaft Dauerfischs bei macos erklären, die ein Button auf ihrer offiziellen Homepage verrät. macos, ein Kürzel für die Vereinigung der "Musicians Against Copyrighting Of Samples", der Dauerfisch unter anderem gemeinsam mit sample-freudigen Bands wie Pitchshifter, Statemachine und den Swamp Terrorists angehören. Ideologische Gründe werden dafür wohl genauso verantwortlich sein, wie der Umstand, daß es zusehends schwerer wird zu samplen. "Diese sogenannten Kultplatten, die sind langsam richtig abgegrast", berichtet Achim auch aus seiner Erfahrung als Produzent (für die Maxwell Implosion) "Bei jedem zweiten Loop kommt schon ein `Uh, das können wir nicht nehmen, das hat schon der und der genommen´ oder `Ne, das haben die Franzosen schon genommen´. Teilweise streiten sich die Leute ja schon um Samples, da streiten sich dann manche DJs, wer als erster eine Platte mit einem ganz bestimmten Sample rausbringt. So was ist natürlich völliger Schwachsinn. Unser Anspruch ist es schon, Samples so zu verwenden, daß man, wenn man schon erkennt, was jetzt ein Sample ist und was nicht, daß man dann wenigstens nicht erkennt, wo es her ist. Und wenn was erkannt werden soll, dann machen wir das an einer expliziten Stelle, dann ist das auch eher ein Zitat. Wir sind jetzt sicher keine Groove-Diebe, sondern versuchen Samples so einzusetzen, daß sie ganz anders klingen. Wir würden jetzt sicher nicht irgendwelche Herbie Hancock Basslines samplen."
Statt den genannten `Kultplatten´ grasen Andre und Achim lieber diverse Flohmärkte nach Sample-Rohstoffen ab. Was dabei auch wirklich brauchbar ist, das stellt sich freilich zumeist erst zu Hause heraus. "Nichts darf mehr als umgerechnet 7 Schilling kosten. Klar, da kaufen wir dann auch richtigen Müll, aber das muß man riskieren. Oft samplen wir uns auch selber bzw. unsere eigenen Platten. Aber auch 70er Rock-Sachen werden verwertet. Emerson, Lake & Palmer zum Beispiel, oder Supertramp und Pink Floyd. Wir versuchen aus Scheiße Gold zu machen und verwenden die schauderhaftesten Samples von den schauderhaftesten Originalplatten." Ein hehrer, gewissermaßen alchimistischer Anspruch, zumal zu den musikalisch ansprechenderen Einflüssen Dauerfischs so unterschiedliche Größen wie Zappa, Aphex Twin, die Beach Boys, Beck und Queen gehören.

Zwischen-Text:

"Lustig: Ich nahm einen Trip im Zug.
Da waren zwei oder drei Autos,
die parkten unter den Sternen ..."

(CD-Booklet zu "Crime Of The Century")