:  eins, zwo  :

text: pamela rußmann

Die erste Hürde in Sachen Erwartungsdruck haben Dendemann und DJ Rabauke - wie man es landauf, landab von ihnen erwartet - genialisch genommen. Nix mit Bescheiden sein und so, ach was, beim Intro zum ersten Album "Gefährliches Halbwissen" wird gleich die Latte so hoch gelegt, daß andere bereits beim Anblick dieser schwindelnden Höhen in Ohnmacht fallen. Diese zwei sind nicht irgendwelche zwei, hier kommen Eins, Zwo, vor etwas mehr als einem Jahr als geheimst gehandelter Geheimtip aus dem noch unerforschten Hamburg-Eimsbusch aufgetaucht, und seitdem stetig weiter hineingedrungen in unsere Gehörgänge und nicht mehr verschwunden. Während andere Kollegen ob des Erfolgsdrucks, der über der Fertigstellung des ersten Longplayers lastete, zusammengebrochen wären, starten Eins, Zwo alias Dendemann und DJ Rabauke erst jetzt so richtig durch. Das Video zur aktuellen und eigentlich wirklichen ersten Single "Danke, gut" läuft auf mittlerer Heavy-Rotation, Promotiontermine zwischen Wanne-Eikel, Wien und Wohnungsumzug und schließlich eine Tour, die Anfang Mai beginnt und Anfang Juni in der Wahlheimat Hamburg endet.
Ja, es geht ihnen gut, auch wenn die letzte Nacht bis sieben Uhr früh gedauert hat, aber das passiert eben, wenn man mit den Kollegen von Kinderzimmer Productions und Dynamite Deluxe zu lange im Tourbus zusammenhockt und wer weiß was alles zu bequatschen hat. Und es gibt viel zu bereden, denn deutschsprachiger HipHop erhält nun zwar endlich die nötige öffentliche Aufmerksamkeit, andererseits sollte man aber auch sein Leben soweit noch in Bodennähe bewältigen, daß Erfolgsdruck nur ein Schlagwort bleibt, und bloß nicht zum Leitmotiv wird.
"Diesen Erfolgsdruck haben wir schon deutlich zu spüren bekommen", gibt Rabauke freimütig zu, "von seiten der Fans oder von befreundeten Bands, z.Bsp. Die meinten, obwohl sie noch nichts vom Album gehört hatten, weil ja noch nichts da war, ach, das muß das derbste werden. Und wir so: äh, meinste?" Dendemanns Reaktion auf diesen Hype war, einen irren Ehrgeiz im Studio zu entwickeln. Im Falle Eins, Zwo war es aber eindeutig nicht bloßer Ehrgeiz, der das erste Album "Gefährliches Halbwissen" zu diesem Niveau hingeführt hat, als welches es nun in unsere Köpfe dringt. Es ist das harmonische Zusammenspiel zwischen einzigartigem Sprachtalent, absolutem HipHopFanatismus und ausgeprägter Beobachtungsgabe, das Dendemann aka Daniel Larusso zu dem wahrscheinlich momentan besten deutschsprachigen MC geformt hat. Der kongeniale Mann an den Turntables, DJ Rabauke, steht zur Zeit unverdient viel zu oft im Schatten, denn ohne sein sicheres Gespür für gescratchte Textzitate, seine langjährige Erfahrung als Tour-Dj von Fettes Brot und seine Skills beim Beatbasteln wäre Kompagnon Larusso wohl nie so groß geworden. Wie sagt schon der Pressetext? Hier kommt das wichtigste Duo seit Salz und Pfeffer, seit Adam und Eva...Und noch ein Aspekt darf hier nicht außer acht gelassen werden: die seit zwei Jahren brodelnde HipHop Community Hamburgs, die durch ihre Protagonisten Fünf Sterne Deluxe, Absolute Beginner, Dynamite Deluxe und Doppelkopf eine angenehme Eigendynamik entwickelt hat. "Das ist ein Wettbewerb, der diese fünf, sechs Gruppen unheimlich gepusht hat", sagt Dendemann.
Wem beim Thema deutschsprachiger HipHop die Grausbirnen aufsteigen, der hat die letzten zwei Jahre geschlafen. Soviel Bosheit darf sein, denn wer der deutschen Sprache immer noch keine Melodie abgewinnen kann, wer noch immer meint, nur was Englisch gesungen Schrägstrich gerappt wird, ist gut, der spitze bitte die Ohren. Harte Konsonanten und mehrsilbige Wörter sind hier, beim "Gefährlichen Halbwissen", kein Thema mehr, und so reimen sich Worte aufeinander, die man zuvor so nicht kannte: wie z.Bsp. fetter Beat ist/Hepatitis, Falschparken/Halbstarken, Waschbrettbauch/Haarschnitt brauch oder längst weit mehr/Adoleszenznightmare. Dendemann mit seiner Reibeisenstimme legt sich spitzbübisch über die Beats von Rabauke, er schreibt Geschichten mit Lach und Sach und zieht sich schelmisch die Schirmmütze ins Milchbubengesicht. Rabauke alias Thomas Jensen läßt ihn deuten, agieren und argumentieren und konzentriert sich derweilen auf den seriösen Part des Duos. "Gerade was die vielen gescratchten Textzitate angeht, ist deutscher HipHop ein ganz großer Einfluß für uns beide", erweist Rabauke seinen Mitstreitern Referenz. "Wir sind einfach deutsche HipHop-Fans", wirft Herr Larusso ein, "mindestens so, wie wir Fans von amerikanischen Rap-Sachen sind."
Was sich auf der EP Sport vor mehr als einem Jahr angekündigt hat, wird beim Longplayer weitergeführt: dieser gewisse zynisch-charmante Blick auf die Umgebung und das eigene Leben, Geschichten aus dem Alltag, dazwischen Sprüche aus der Klamottenkiste und die Erhebung des Banalen zur Kunst. Nächtelang wird in der zugemüllten Küche bei Kerzenlicht an Reimen gebastelt, oder sagen wir besser: werden Silben verschoben, umgedreht und verflüchtigt, bis es den typischen Eins, Zwo-Flow hat. Und Dendemanns Nachbarin darf sich nicht wundern, wenn sie demnächst um Interviews gebeten wird, schließlich hat er der Omi aus dem ersten Stock ein musikalisches Denkmal gesetzt. Als er in der Zeit der Aufnahmesessions keinen Schlaf gefunden hat, war eine ältere Dame in der Wohnung über ihm die einzige, die zu so nächtlicher Stunde noch wach war. "Diese Dame leidet offensichtlich unter Schlaflosigkeit", diagnostiziert er, "ich hab sie auch bloß einmal gesehen, aber ich konnte sie halt immer hören, weil sie furchtbar schlecht Akkordeon spielt und auch noch einen ganz entsetzlichen, trockenen Husten hat. Naja, die hat mich schon ein Stück meines Weges begleitet." Geteiltes Leid ist eben noch immer halbes Leid.