:  element of crime  :
unüberhörbar: unerhört gut

text: thomas weber

Selten ist Musik in der Lage, Gänsehaut und ein flaues Gefühl in der Magengegend aufkommen zu lassen. Element Of Crime ist das auch mit ihrem jüngsten Album (das sie, wenig nachvollziehbar, "Psycho" genannt haben) gelungen. Verständlich, daß "Psycho" kein plätschernd nebenbei hörbares Album geworden ist; viel zu gleichberechtigt ist der Text dazu gegenüber dem durch und durch durchdachten und auf allen Ebenen durchinstrumentierten Sound ausgefallen. Viel zu nervig wären da die eindringlichen, deutschsprachigen Texte, die jeden Versuch, ins hintergründige Abseits gedrängt zu werden, von Vornherein zum Scheitern verurteilt scheinen lassen. Hingabe total, das fordert "Psycho"; Hingabe total, das verdient dieses Album, und es macht es uns leicht, denn immerhin findet ein Songwriter wie Sven Regener kaum Seinesgleichen in deutschsprachigen Gefilden. Und auch die lockere musikalische Atmosphäre, durch die Element of Crime diesmal mehr denn je bestechen, die bringen - zumindest Bands - sonst kaum einmal zustande.

Ein gemütliches Blumenfauteuil, darauf ein gut gekleideter Mann in Bügelfaltenhosen und weißen Schlüpfern, in einer Hand Werbezeitschriften, an der anderen eine goldene Uhr und einen protzigen Ring; auf dem Kästchen daneben eine Schüssel mit Duftkräutern und ein Porzellanerpel, der sich die aufgeplusterten Brustfedern putzt; auf dem flauschigen Teppichboden liegt, zu Füßen des Lesenden, ein winziges, hundsgroßes Pferd, die pedikürten Hufe in alle Richtungen ausgestreckt; sprich: Dekadenz total!
So sieht zwar nicht unbedingt das Umfeld aus, in dem Element Of Crime ihre Songs entstehen lassen, aber das Cover zu ihrem neuen Album "Psycho", und gewisse Parallelen zur vorherrschenden Ästhetik der Band lassen sich nicht leugnen. Sänger, Gitarrist und Trompeter Sven Regener versucht das auch gar nicht erst: "Klar, dieses Pferd, das eigentlich ein Hund sein sollte, dieses barocke Umfeld, dieser Typ, eigentlich ein Freak, das ist unsere Welt." Eine Welt in der vieles nicht gleich beim ersten Mal klar nachvollziehbar ist, und wenn dann oft nur vermeintlich. Immer wieder lassen sich neue Herangehensweisen und Ansatzpunkte finden, vor allem Svens lyrisch durchstrukturierte Texte tun sich in diesem Zusammenhang als Universum auf, aus dem es kein zurück mehr gibt. In "Jetzt mußt Du springen" wird es dem Hörer zum Beispiel offengelassen, ob er den Text jetzt aus der Sicht eines Zehnjährigen erzählt bekommt, der sich vor versammelten Vätern nicht vom Dreimeterbrett zu springen traut, oder aber aus der Sicht eines Selbstmörders, der auf dem Dach eines Hochhauses noch einmal sein Leben Revue passieren läßt; beide Möglichkeiten bieten sich an. Einige Lieder funktionieren sogar auf mehreren Ebenen, verblüffen immer wieder aufs neue und lassen sich auf diese Weise nie ganz durchschauen. "Wenn Du das so sagst, dann sehe ich das als Kompliment. Für mich ist aber zunächst einmal wichtig, daß ein Text gut klingt. Jeder Text ist an sich ja auch eine musikalische Idee. Natürlich will sich ein Sänger mit einem Text auf lange Sicht hin nicht langweilen. Ich habe sicher ein Widerstreben dagegen, Texte zu machen, bei denen man sofort weiß, worum es geht. Ein einfacher Schluß, am Ende vielleicht eine Moral, das wars; also das ist mir ganz sicher zu wenig. Bei mir führt das manchmal vielleicht auch zu ganz grauslichen Ergebnissen. Ich denke da jetzt zum Beispiel an "So wie Du", diese Nummer hat vor allem Leute, die sich sehr stark auf Texte fixieren irritiert. Die kann man überhaupt nicht mehr deuten: das muß man dann einfach einmal so nehmen wie es ist. Ich finde das gut so. Es ist doch auch schön, wenn es auch nach zehnmaligem Hören noch etwas zu entdecken gibt, wenn man je nach Stimmung etwas anderes heraushören, alles umwerten kann. Das finde ich attraktiv und erstrebenswert. Beim Schreiben der Texte kann ich aber natürlich nicht sagen: so, ich muß jetzt hier unbedingt noch eine dritte oder zweite Ebene einziehen. Das hätte dann mehr einen handwerklichen Aspekt und würde wahrscheinlich auch sehr schnell durchschaubar werden. In bezug auf die Form der Texte bin ich ganz sicher kein großer Experimentierer. Mir reicht es völlig aus, Strophe und Refrain zu haben; ich brauche keinen C-Teil. In dieser Hinsicht wollte ich das Pulver auch ganz sicher nie neu erfinden. Wichtig ist aber, daß die Texte immer zur Musik entstehen. Es gibt also schon eine Idee zu der ich dann den Text suche, die Geschichte da drinnen, die passenden Worte. Melodie ist schon da und will mit Wörtern gefüllt sein."
Auf "Psycho" gibt es zumindest zwei Nummern, die ziemlich schnell Gedanken an Velvet Underground aufkommen lassen. "Michaela sagt" zum Beispiel, die erste Single, oder die rettende "Kavallerie", auf die es nicht mehr zu warten gilt. Beide Nummern weisen ganz deutlich auf die vielleicht etwas verblassten Vorbilder zurück, die Element Of Crime trotzdem nie so ganz hinter sich gelassen haben. "Durch Velvet Underground haben wir uns ja überhaupt erst getraut die Musik zu machen, die wir jetzt machen. Zumindest bei mir war das sehr stark beeinflußt durch Velvet Underground, David Bowie. Velvet Underground, das sind ja durchwegs eigentlich sehr warme Songs, die sehr kalt rüberkommen. Simpel aber eigenartig, das hat jemanden wie mich ermutigt, anzufangen zu singen und Songs zu schreiben."
Die Annäherungen an den Chanson, die noch auf den Vorgängeralben ganz deutlich herauszuhören waren, die wurden auf "Psycho" genauso in den Hintergrund gedrängt, wie der sonst für die Band typische Einsatz von Violine und Trompete. "Wir haben mit dem Sound diesmal viel experimentiert, "Psycho" ist, sagen wir einmal: viel gitarrenrockiger, sicher, das ist eigentlich eher der Sound aus dem wir kommen. Wir haben also weniger mit akustischen Instrumenten gearbeitet, weniger nach vorne. Wir haben im Studio viel experimentiert, uns dort auch wirklich viel Zeit genommen, also jeden Song im Studio fertig gemacht, einen nach dem anderen. Das kam uns sehr entgegen; da wird der Spaß am Experiment natürlich größer, unter Anführungszeichen sogar: extremer in eine Richtung gepusht. Wenn der Sound kalt sein soll - wie z.B. in "Jung und schön" - dann wird’s auch kalt. Wir fanden das sehr aufregend."
Daß "Psycho" nicht als bewußtes Gegenstück zum Vorgänger, nicht als Distanzierung von "Die schönen Rosen" (1996) gedacht war, das hervorzuheben, daruf legt Regener Wert. "Es bringt nichts, sich vorzunehmen, auf jeden Fall alles anders zu machen. Das führt nur zu Verkrampfungen, die bald ziemlich unangenehm werden. Wir waren ohnehin ziemlich gut drauf. Die andere Platte liegt ja auch schon zweieinhalb zurück. Natürlich fragt man sich, ob man überhaupt noch eine neue Platte machen soll, ob es in der Form überhaupt noch etwas zu entdecken gibt, ob noch irgendetwas Aufregendes kommen kann, ob das überhaupt noch möglich ist. Das ist für uns, wir haben ja doch schon eine ganze Menge Platten gemacht, die Antriebskraft, sich nochmal aufzuraffen, sich zu sagen: es gibt noch eine Menge zu entdecken, es ist noch lange nicht alles getan, was innerhalb des "elementschen Universum", diesem kleinen Kosmos, getan werden kann. Das war zumindest die Voraussetzung. Dieses Mal sind wir nur mit ganz grob gefaßten Ideen ins Studio gegangen, wir hatten keine Arrangements vorbereitet. Es gab nur ein paar Ideen, Melodien und Rhythmen. Nur ohne Text würde ich nie ins Studio gehen, da wäre ich zu abgelenkt, um etwas zu schreiben. Außerdem bin ich im Studio in einer ganz anderen Rolle, da könnte ich keinen Songtext schreiben. Diesmal waren es nur relativ rohe Gerüste der Songs, wie gesagt, Arrangement hatten wir keines wirklich im Kopf, teilweise hatten wir nur Ideen gesammelt, die aber noch nie ausprobiert. Bei "Damals hinterm Mond" (1991) war das ganz ähnlich, damals war das aber ein Zeitproblem, da sind wir gar nicht dazu gekommen, uns so großartig vorzubereiten; damals habe ich sogar im Studio noch vier Texte machen müssen. Die Herangehensweise jetzt, die ist aber schon ein großer Gegensatz zu der auf den Platten davor. Das macht die Studioarbeit natürlich extrem spannend, wenn man überhaupt keine Idee hat, wo man am Ende rauskommen wird. Da ist natürlich auch ein Risiko dabei, daß es überhaupt nicht funktioniert. Generell hat es bei uns sowieso wenig Sinn, sich im Vorfeld einen fixen Plan zu machen; dafür ist die Gruppe in sich zu heterogen. Die Vorlieben , die dann am Ende auch diese Melange im Sound ergeben, die sind zu unterschiedlich. Ich bin eher der melodiöse Typ, der teilweise auch auf eher schmalzige Songs steht. Jakob (Gitarrist, Anm.) zum Beispiel spielt dann aber eine sehr kalte Gitarre dazu. Oft glaube ich, wäre das eine ohne das andere gar nicht erträglich. Richard war am Schlagzeug diesmal sicher weniger verspielt und hatte manchmal Lust, einfach ein hartes treibendes Schlagzeug zu spielen."

Element of Crime, das heißt dann einerseits: alles ist möglich, andererseits gibt es aber doch den klassischen Rock`n`Roll-Ansatz. Das Verbindet die Band auch mit den Krautrockern CAN, einem anderen großen Vorbild. "Die haben sich ja zum Beispiel auch dadurch von den anderen Krautrockbands unterschieden, daß sie mit ihrem Schlagzeug den Songs gewissermaßen ein Skelett eingezogen haben, was die ganze Sache zum Grooven gebracht hat." Und am Groove sind auch Element Of Crime ganz eindeutig interessiert. Ihrem mittlerweile langjährigen Produzenten David Young sei hier vorbehaltlos recht gegeben, wenn er im Labelinfo zu "Psycho" die musikalischen Qualitäten "seiner" Band hervorhebt, weil über die aufgrund der "exzellenten Lyrics" oft hinweggesehen wird. Denn die Bestandteile Element Of Crimes sind zwar dreißig Prozent Lyrics und dreißig Prozent Musik, den Reiz dieser Band und im speziellen dieses Albums macht aber die Kombination dieser aller Elemente aus, die dann summa summarum eben doch hundert Prozent ergibt.

VÖ Psycho 8.3. 1999