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text: pamela rußmann

Freundeskreis-Album: ESPERANTO, erscheint am 20.4. in Österreich bei Four Music/Sony

Im vergangenen Jahr war HipHop aus Hamburg mit all seinen illustren Vertretern tonangebend: zuerst brauten die Fünf Sterne Deluxe Teufelszeugs in ihrem Labor zusammen, das Fette Brot gaukelte sich mit ihrem HipHop Kabarett durch die Konzerthallen von hier nach Buxtehude und retour, dann betrieben Eins, Zwo Sport und verglichen HipHop mit Pizza, und schließlich waren die Absoluten Beginner hammerhart am Start.
Doch wer nun meint, der Rest der Nation hätte derweilen im Dornröschenschlaf gelegen, der irrt: unbemerkt vom medialen Hype ging die HipHop-Szene aus Stuttgart ans Werk und startet nun – im Frühjahr 1999 – ordentlich durch.

Ende April erscheint in Österreich das zweite Album vom Freundeskreis, es trägt den programmatischen Titel "ESPERANTO" und hat Freund wie Feind kalt erwischt: Immer schon waren Maximilian, Don Philippe und DJ Friction bekannt für hieb-und stichfeste Inhalte, metaphorische Feinheiten, eingebettet in fette Beats. Wenn ihr erstes Album "Die Quadratur des Kreises" (1997) schon cremig wie Schlagsahne war, dann darf man "Esperanto" getrost mit zart auf der Zunge schmelzendem Vanilleeis an einem Julitag vergleichen.
Während sich rappende Kollegen weltweit mit der vermeintlich drohenden Apokalypse beschäftigen und horrible Weltuntergangsszenairen schaffen, besinnt sich der Freundeskreis auf eine Weltanschauung, die man kurzsichtigerweise als Hippiegedankentum vorverurteilen könnte: Völkerverständigung, love is all around us, Verbrüderung, wir reichen uns die Hände – doch was sich vom Titel der Platte über Bandlogo bis Tourplakate zieht, ist schlicht und einfach eine neu entfachte Auseinandersetzung mit Esperanto. 1887 von dem gebürtigen Polen Ludwig Zamenhof aus 14 Sprachen zusammengebastelt und als einzige und einfache Sprache für die ganze Welt erfunden, 1999 von Maximilian aus Stuttgart-Westend zu einem Synonym für HipHop erkoren. "Ich sage z.Bsp. bei Esperanto ´Wir besetzen Botschaften in totgesagten Wortschätzen`. Wir kramen also einen Wortschatz raus und hauchen ihm neues Leben ein", erklärt Maximilian. "Esperanto kommt vom Französischen espoir, hoffen, und für uns ist das ein sehr hoffnungsvolles Ding. Jetzt am Ende des Jahrtausends, wo alle nach neuen Konzeptionen fürs nächste suchen, sagen wir eben, wie A Tribe Called Quest das in Amerika mit ihrem Love Movement gemacht haben, daß es auch anders geht." Eben Liebe, Verbrüderung und sich Hinwegsetzen über sprachliche Barrieren, einfach einen positiven Akzent setzen.
Esperanto ist ein sehr persönliches Album geworden, was für Max nichts Außergewöhnliches ist, wie er meint. "Natürlich ist es sehr persönlich, aber darum geht es ja schließlich im HipHop, um Authentizität. Das ist ganz einfach ein Teil des MCing", sagt er, "und letztlich ist die Geschichte, die ich erzähle, eine Geschichte, die jeder andere auch erzählt, nur daß die Leute eben andere Namen haben und an anderen Orten leben." Es kommt nicht darauf an, wo du bist, sondern was du machst, wie es Max trefflich in dem Song "Erste Schritte/Retrospektive" auf dem neuen Album bemerkt. "Wenn ich texte, will ich es gut machen. Mir geht es drum, eine Vision, die ich habe, zu erzählen und meine Reimtechnik als Vehikel zu benützen, um die Musik klingen zu lassen. Aber ich will auf keinen Fall ein Sklave der Technik sein, wie es bei sehr vielen Rappern der Fall ist."
Großen Respekt zollt Maximilian den französischen Rappern Shurik´n und Freeman von I AM aus Marsaille. Mit Shurik´n zusammen hat Max das Lied "Letter Exchange/Briefwechsel" geschrieben. I AM, das sind sowas wie Götter in Frankreich, keiner arbeitet soviel wie sie, keiner ist so konsequent, so am Boden geblieben und trotzdem wahnsinnig erfolgreich. "Die reden einfach übers Leben", schwärmt Max, "sie sind sehr fucked up aufgewachsen, und für so jemanden ist es eine viel härtere Entscheidung Musiker zu werden als für mich z.Bsp. Bei denen geht´s um ganz andere Sachen, denn wenn du Musik machen willst, dann bedeutet das ja auch eine lange Durststrecke zu überstehen, wo nichts passiert und du dir für wenig Geld den Arsch abspielst. Und wenn du dann noch für deine Freunde, die teilweise in den Knast gehen, noch ein Sprachrohr wirst und drüber reden kannst, welches Leben die führen, dann ist das einfach der Hammer", fügt Max nachdenklich hinzu.
Was man dem Album Esperanto vom ersten bis zum letzten Ton anhört: hier war jemand am Werk, der mit sich und seinem Leben vollends zufrieden ist, der weiß, was er will und der das HipHop-immanente Wettbewerbsgetue nicht mehr nötig hat. "Ich will den Leuten einfach ins Gesicht lächeln und allen sagen, hey, ich bin glücklich!"