:  Think Global, Think Aphrodelics  :  text: richard pettauer

"One two - I got more styles than Kung Fu - the Aphrodelic Crew comin' through brand new!"

Shadee, Clumsy, Shake und Rodney - Drei MCs und ein DJ rocken die Show. Es ist 1:30 Uhr morgens, einige der Besucher in der Libro Music Hall sind schon halb eingeschlafen. Timbo King und Dreaddy Kruger von der Royal Fam sind schon eine ganze Weile von der Bühne verschwunden, und A.D., der Gastgeber des Abends, kündigt frenetisch die Aphro-Crew an. Senator Blaise aus Paris, der diesen Event veranstaltet hat, will "erstklassige Bands auf einem Haufen versammeln" und in Wien in Sachen HipHop missionieren. An diesem Abend war er schon recht erfolgreich, aber der Höhepunkt steht erst noch bevor: Der Interims-DJ geht und Rodney Hunter betritt die Szene. Das Handtuch eng um den Kopf geschlungen (O-Ton: "Ist gut gegen Schwitzen beim Konzert!") wirft er die Turntables an. Sekunden später explodiert die Bühne. Eine Stunde lang rocken Shadee, Shake und Clumsy, und die Zuhörer wissen, daß hier eine Wiener Ausnahmeband am Werken ist. Was ist denn so besonderes an den Aphrodelics? Wer glaubt, hier vier Schwarze vor sich zu haben, die ein bißchen mit Gangsta-Image spielen und schnelle Kohle mit HipHop machen wollen, der hat sich gewaltig geschnitten. Erstens sind die vier schon zu lange in der Szene tätig und beginnen erst jetzt langsam, den wohlverdienten Erfolg zu ernten, und zweitens haben sie ihren ganz eigenen Stil entwickelt. Und der ist so gut, daß sie es nicht notwendig haben, neidisch auf den großen Bruder US-Amerika zu schauen und von dort zu kopieren. Nach dem Konzert sitzen die vier in der Garderobe. Nach längerer Bühnenabsenz war der Abend eine Art Auftakt für die Konzeption ihrer Live-Show, denn in den nächsten Wochen und Monaten sind einige Auftritte angesagt, immerhin kommt ihr erster Longplayer "On The Rise" am 5. Oktober in den Handel. Rodney, der beim Interview am Vortag noch behauptet hat, er mache halt mal so den DJ, weil gerade Not am Mann ist, erzählt mir, daß er einige Battles gewonnen hat und ein paar DJ-Titel eingefahren hat. "Ja, wir machen halt unseren Sound schon lange, und jetzt sind wir erfolgreich!" - Arroganz scheint den Aphros, die "The Source" mit dem Motto "Act Local, Think Global" betitelte, trotz außergewöhnlichen Erfolges fremd. Wer immer noch glaubt, daß es unmöglich sei, von Österreich aus eine internationale Karriere zu starten, der sollte in den nächsten Monaten die Ohren spitzen. Keine Ausreden mehr, Werner Geier hat mit seinem kleinen, aber ultrafeinen Uptight-Label mal wieder eine Band auf den Weg nach oben gebracht. Im Studio im fünften Bezirk stapeln sich an der Wand die Alben - ehrfürchtig steht der Besucher vor der Sammlung, die so ziemlich alles umfaßt, was im Bereich elektronischer Musik und Hip Hop in den letzten zwanzig Jahren rausgekommen ist. Werner packt gerade seine Kollektion für den Abend zusammen, er wird im Museumsquartier auflegen. Uptight hat in der letzten Zeit, nicht zuletzt dank der Aphrodelics, verstärkte Medienpräsenz bekommen. "Wir machen jetzt schon seit Jahren unsere Produktionen, und im Moment werden wir recht viel beachtet - mir ist das egal, wir machen mit unserer Sache weiter. Gut wenn's läuft," nimmt der Mastermind seine Erfolge gelassen. Die Aphrodelics? Ja, natürlich freut er sich über deren Erfolg. Uptight? Mal sehen, es wird weitergehen wie bisher. Über die Aphrodelics gibt's noch eine Menge mehr zu sagen. Beim Interviewtermin im Studio hört sich Shadee gerade die neue Funkmaster Flex Vol.3 an, Rodney sitzt hinterm Computer und tut Dinge, die Produzenten eben so tun, Clumsy und Shake kommen etwas später.

wellbuilt: Seit wann gibt's die Aphrodelics in dieser Besetzung?

Shadee: Seit ungefähr drei, fast vier Jahren schon..

wellbuilt: Wie fühlt es sich so an, in Wien Hip Hop zu machen und seine Tracks nach internationalen Standards zu produzieren? The Source schreibt über euch, eure Single wird häufig auf VIVA gespielt, wie hat sich das alles entwickelt?

Shadee: Das war nicht so, daß sich von einem Tag auf den anderen was geändert hätte. Wir sind in dieser Szene aufgewachsen, haben früher immer schon gefreestyled. Damals hat DSL noch im B.a.c.h. aufgelegt, Basic hat der Club geheißen. Werner (Geier, Anm. d. Red.) hat dort auch aufgelegt. Wir waren immer die Jüngsten dort und haben uns auch entsprechend aufgeführt, sind auf die Bühne gegangen. Das war dann auch schon irgendwie normal für uns, zu versuchen, die Leute in Stimmung zu bringen. Und ich hab eine Mutter, die solche Musik hört - und so sind wir da eben reingewachsen.

wellbuilt: Wie viele Tonträger habt ihr inzwischen aufgenommen?

Shadee: Bei meiner ersten Platte war ich noch mit DJ Functionist zusammen, vor den Aphrodelics hat's verschiedene Gruppen gegeben: Sonz of da Doom, das waren Clumsy und sein Bruder, und ich war mit Functionist zusammen, der jetzt bei FM4 arbeitet. Auf dem Album , "Back in the days - Austrian Flavas Vol. 1", war "Back to Attack" drauf, das war unser erster Tonträger. Wir haben eine Weile Erfahrungen gesammelt und dann irgendwann gesagt, daß es jetzt Zeit ist, uns auf das zu fokussieren, was wir wirklich machen wollen. Irgendwann haben wir dann auch angefangen, selber Instrumentals zu basteln, wir haben Demotapes aufgenommen und waren viel in Österreich unterwegs, wir waren bei Naughty by Nature und Gang Starr im Vorprogramm...

wellbuilt: Was ist in letzter Zeit passiert? Von der Wiener Hip Hop Band plötzlich zu internationaler Bekanntheit, ihr werdet auf VIVA und MTV gespielt, "The Source" (US-amerikanischer East-Coast Bibel; Magazine for Hip Hop Politics and Culture; Anm. d. Red.) schreibt über euch...

Clumsy: Wir sind schon lange bei Uptight unter Vertrag, und haben dann den Deal bekommen. Dann ist alles recht schnell gegangen: Zu "Rollin' on Chrome" haben wir das Video gedreht, ohne dabei daran zu denken, ob das jetzt ein Hit wird oder nicht.

Shadee: Für uns war bei diesem Song nichts anders: Wir haben uns Rodneys Beat angehört, Lyrics dazu geschrieben und darüber gerappt - und das ist daraus geworden. Beim unserem Album ist uns wichtig, daß verschiedene Flavas drauf sind - wenn du einen Longplayer aufnimmst und es immer nur das gleiche Schema in jedem Song, dann wird's schnell langweilig. Wir haben softere, härtere, schnellere, langsamere Nummern - es sind Songs drauf, die sich die Leute so sicher nicht erwarten. Für uns hat sich durch den Erfolg in dieser Hinsicht nichts geändert - du gibst Interviews, bist vielleicht im Fernsehen - aber wir machen die gleiche Musik wie früher.

wellbuilt: Musik - Rodney macht die Instrumentals. Wie hat das begonnen?

Rodney: Ich mach schon sehr lange Musik, habe früh angefangen, Baß zu spielen - die ersten Tracks hab' ich vor zehn Jahren gemacht. Ich hör mir sehr viel an, und alles, was paßt, wird verarbeitet - es kann überall ein geiler Sample drauf sein, da gibt's kein System - du hörst was und dann fällt dir was dazu ein.

wellbuilt: Würde es Dich als DJ reizen, bei euren Konzerten live Samples zu verwenden?

Rodney: Ja, sicher. Wir haben solche Sachen vor, das war technisch bis jetzt noch nicht machbar, weil wir am Album gearbeitet haben. In Zukunft wird sich live sicher einiges ändern, daß man flexibler wird, daß weniger von DAT und Vinyl und mehr live kommt - wenn man mal einen Song länger spielen will oder verkürzen. Wir arbeiten schon daran, relativ bald wird's sowas geben. Wir wollen auch mit Bandverstärkung arbeiten.

wellbuilt: Wie sieht's in der nächsten Zukunft aus? Euer Album ist fertig, geht ihr auf Tour?

Shake: Die zweite Single ist jetzt draußen (Nothing to lose), das Video dazu ist gedreht und läuft langsam an. Wir bereiten eine fette Show vor, und werden demnächst einige Konzerte spielen - und wir werden flashen! Alle Songs am Album sind neu und im letzten halben Jahr entstanden - außer "On the Rise", der Song ist schon älter, und so heißt das Album auch.

Shadee: Die Leute stellen sich das vielfach so einfach vor, die glauben, daß wir einfach nur rumhängen und Beats machen, aber es ist schon sehr viel Arbeit dahinter, man muß auch den Antrieb haben, weiterzumachen. Das war früher sicher anders, und da motiviert der Erfolg natürlich schon. Am Anfang kommt überhaupt kein Geld rein, und du mußt trotzdem dahinter bleiben. Wir wollen nicht nur in Österreich gehört werden, sondern möglichst überall.

wellbuilt: Auf eurer neuen Single haben die Stereo MCs einen Song remixt, wie ist es dazu gekommen?

Clumsy: Die Stereos sind gute Freunde von Rodney, wir haben sie in Wien beim Auflegen getroffen und sie haben erfahren, daß Rodney mit uns gerade eine CD aufnimmt, und so hat sich das ergeben. Unser Sound hat sie begeistert, und sie haben vorgeschlagen, einen Remix zu machen, der dann eher ruhig geworden ist.

wellbuilt: Was sagt ihr zu deutschsprachigem Hip Hop und zur Szene in Europa? Was haltet ihr von Kommerzrap?

Shadee: Prinzipiell ist's natürlich gut, wenn das ganze wächst. Nimm mal Frankreich her: Da gibt's immens viel fetten Hip Hop, die Plattenfirmen machen dort auch mehr.

Shake: Es kommt immer auf die Musiker an: Es gibt Gruppen, die einfach ihre Musik machen wollen, ohne Kompromisse einzugehen, und es gibt Leute, die sagen, sie wollen davon leben und so viele Hörer wie möglich erreichen. Das möchten wir auch gerne, aber musikalisch werden wir sicher keine Kompromisse eingehen. Wir machen die Beats, die wir wollen, und wir wissen auch, daß die Leute das mögen, ohne daß wir gezwungen sind, Kompromisse einzugehen.

Shadee: Wenn wir einen Song covern, dann geben wir ihm unsere eigene Note. Das zählt, der eigene Stil. Hip Hop ist eine Kultur, die um die ganze Welt geht, und jeder, der will, kann sich einklinken und das beste für sich selber rausholen.

Clumsy: Überall, wo es Großstädte gibt, wird es Hip Hop geben - Graffiti, Breakdancing...es ist eine urbane Kultur ohne Grenzen, es gibt sie in allen Sprachen. Wir planen, mit Acts aus Europa zu arbeiten, mal sehen, was sich ergibt. Wir haben ja auch mitgekriegt, wie das wächst - früher hat kaum jemand in Wien Hip Hop gehört, und heute spielen sie's in jeder Radiosendung - so ist das eben heutzutage.

wellbuilt: Habt ihr jemals drüber nachgedacht, einen deutschen Song aufzunehmen?

Shadee: Nein, eigentlich nicht. Das geht auch vom Gefühl her nicht, wir haben gelernt, Englisch zu rappen. Wir versuchen, dort ständig besser zu werden, und konzentrieren uns darauf. Clumsy: Irgendwann vielleicht. Wenn wir uns danach fühlen, werden wir was auf deutsch machen - aber das muß Aphro-Style sein, was ganz anderes. Im Moment fühlen wir uns mit Englisch sehr wohl - aber sag niemals nie.

wellbuilt: Habt ihr eine spezielle Message für unsere Leser?

Clumsy: Get the LP, yo, you never heard something like this before in Vienna. Keep your eye on the Aphrodelics, word up.

Shadee: Kommt zu unseren Shows. Wird euch gefallen.