:  Der Beginn des absoluten Erfolgs...  :

<bambule>, die: Radau. norddeutsch; Ärger machen, Aufruhr machen, aufmischen. Ehemaliger Kampfruf der Rocker, wenn sie mit ihren Motorrädern über den Kiez fuhren und die Luden (Zuhälter) plattmachen wollten. (zitiert nach Eißfeldt 1999)

Wo immer die Absoluten Beginner auftauchen, haben sie tausend Styles im Gepäck. Ob sie Plan haben oder nicht, ihr Zug ist ganz eindeutig gewaltig am Kommen. Mit ihrem aktuellen Album "Bambule" wollten's die Hamburger Rapper, die sich sieben Jahren im deutschen Untergrund auf dem Label Buback Tonträger herumtreiben, wissen - und der kommerzielle Erfolg blieb ihnen nicht verwehrt.

wellbuilt: Ihr seid schon lange im Business, und jetzt habt ihr auch den kommerziellen Durchbruch geschafft. Wie seid ihr zu Hip Hop gekommen und was gibt's an historischem Wissen über die Beginner zu erzählen?

Leo: Zu Hip Hop gekommen bin ich über meinen Bruder einerseits über Public Enemy und andererseits. "It takes a nation of millions to hold us back" war die erste Platte, die ich mir selber gekauft habe. Dann gab's noch viele andere Gruppen, die mich geflasht haben, und irgendwann hab ich selber einen Text geschrieben. Ich war in Frankreich auf Urlaub und bin dort von so einem Campingplatzbullen angemacht worden, weil ich ein Butterflymesser bei mir hatte und er wohl geglaubt hat, ich sei ein derbes Ghettokid. Und dann hab ich einen Text auf Englisch geschrieben, daß das alles Rassisten waren und so. (Eißfeldt macht den A-Capella Beat klar, Leo beginnt zu rappen:)
I tell you a little story about some fuckin' racist,
we had trouble with them and with the coolish white kids.
We hang at a party, really cool,
fuckin' kids makin' noise, ha, fools.
Weiter weiß ich nicht mehr.

Eißfeldt: Ich hab dazu meinen ersten Beat gemacht.

Leo: Diesen Text hat Martin irgendwann in die Hände gekriegt, und er hat damals ein bißchen Low-Fi Equipment gehabt und ein paar Texte geschrieben gehabt und fand das Zeug geil. Wir haben uns gut verstanden und dann angefangen mit "concept is attitude". Die anderen kamen später mal dazu und jetzt sind wir halt die Beginner - und am Start! So die Kurzform.

wellbuilt: Wie seid ihr zu eurem Namen gekommen? Was heißt es für euch, ein Beginner zu sein?

Leo: Ich weiß nicht mehr genau, wie wir auf den Namen kamen, weil's schon sieben Jahre her ist - und ich bin jetzt erst 21. Damals hatten wir unsere ersten Songs geschrieben und dieser Namen ist uns eingefallen, anfangs allerdings "Beginnerz" mit Z hinten dran, so auf Gangsta Style. Ein Freund hat für uns ein Logo gemalt. Den Namen kann man vielleicht erst jetzt deuten, jetzt nachdem wir ein paar Releases hinter uns haben. Ich würd' sagen, daß wir tatsächlich mit jeder Veröffentlichung was Neues gemacht haben - zumindest für uns selber ein neues Kapitel begonnen haben. Es war natürlich immer Hip Hop, aber auch immer wieder eine neue Variante, ein neues Gefühl. Immer wieder ein Beginn mit etwas Neuem.

wellbuilt: Es gibt euch jetzt schon seit sieben Jahren, warum kam der Erfolg gerade mit "Bambule"? Hattet ihr beim Aufnehmen von z.B. "Liebeslied" das Hitpotential im Hinterkopf?

Eißfeldt: Bei dieser Veröffentlichung stand eine Menge Geld dahinter. Das hat wieder gezeigt, daß breiter Erfolg im Endeffekt nur mit Geld zu tun hat. Natürlich kommt's auf die eigenen Styles an, aber ob die Leute was kennenlernen und sich's dann kaufen, das hängt vom Werbeaufwand ab: Du kannst alles auf's Geld zurückführen: Auf das Geld, das gebraucht wird, um Werbeblöcke zu kaufen, um eine Infrastruktur aufzubauen, die's möglich macht, Videos bei Musiksendern unterzubringen, Promos, Snippet Tapes zu machen, DJs zu bemustern - einfach die Möglichkeit, die Leute mit der Nase drauf zu stoßen, daß es da in Hamburg drei Jungs gibt, die derbe, fette Beats machen, ohne daß sie dafür Geld ausgeben müssen. Wir haben gesagt, wir wollen das diesmal so. Wir wollen eine fette Rap-Platte machen, nicht unbedingt, um Massen zu verkaufen, aber um mal zu schauen, ob's klappt: Denn wenn's dann nicht klappt, dann ist es nur unser Style, der daran schuld ist. Dieses Mal haben wir's mit diesem fetten Major-Giganten versucht, und wir können nicht mehr der Indie-Struktur die Schuld geben, wenn der Erfolg ausbleibt.

wellbuilt: Der Aufschwung von Hip Hop zieht Kommerzveröffentlichungen wie Nana oder Papa Bear nach sich. Glaubt ihr, daß der Hip Hop Kultur dadurch Schaden zugefügt wird?

Leo: Das ist eine sehr schwierige Frage. Es gibt zwei Perspektiven, von denen aus man diese Frage betrachten kann: Diese Leute bieten Motivation und Inhalt für Real MCs, für Texte, die davon handeln, wie real man selber ist und wie scheiße die anderen sind. Das ist auch cool und kommt gut rüber, man kann sich so abgrenzen und sagen, ich mach so etwas nicht...von dieser Perspektive aus kann man nicht sagen, daß solche Typen Hip Hop schaden. Und auf der anderen Seite ist es einfach schade, wenn der Großteil der Bevölkerung tatsächlich Pop-Scheiß mit Hip Hop definiert. Man muß aber sehen, daß es den Großteil sowieso nicht interessiert. Ich mach' eine Platte für 50 Leute und freu' mich dann darüber, wenn ich ein paar Tausend verkaufe. Wenn's hunderttausend werden, kann ich mir einiges leisten, aber in erster Linie geht's nur darum, deine eigene Musik zu machen. Hip Hop hat seine eigenen kleinen Strukturen, wie eine Art Basar oder ein Pool. Und dann gibt's halt die großen Industrien, die sich das greifen und ihr Geld damit machen. Irgendwann wird Hip Hop nicht mehr in den Top 10 sein, und dann werden Leute sagen, Hip Hop ist tot. Und dann werden wir sagen, Hip Hop lebt. Haben wir halt keine Platten mehr in den Top 10, Scheiß drauf.

Eißfeldt: Das Gute ist, daß wir die ganz Zeit daran gearbeitet haben, die einen bewußt, die anderen unbewußt, daß kein großer Supermarkt diesen ganzen Hip Hop Basar schlucken kann. Und das Gute an Amerika ist nicht nur, daß es uns gezeigt hat, was Hip Hop ist, sondern auch, daß uns die Leute dort so weit voraus sind, weil man sieht, was die Fehler sind und wie man's nicht machen sollte. Da sprech ich für alle Gruppen in Deutschland, mit denen ich abhänge: wir haben diesen Umstand immer im Hinterkopf gehabt und darauf geachtet, kleinere Gruppen zu featuren, auf Tour mitzunehmen - da gibt's zum Glück noch kein "Ich verdien' mehr als du", sondern allenfalls "Ich rap' geiler als du.", das spornt an. Da ist was, was nicht mehr so schnell weggeht. Wenn Hip Hop nicht mehr auf MTV und auf Viva läuft, dann machen wir unsere eigenen Zeitungen und drehen unsere Videos mit unseren kleinen Digicams, die wir uns dann alle leisten können und bringen Videomagazine raus, oder was auch immer - es gibt eine dicke Basis, das ist das Wichtigste.

wellbuilt: Was ist eure private Lieblingsmusik? Was hört ihr zuhause?

Eißfeldt: Ich bin diesbezüglich ein schlechter Interviewpartner, weil ich superviel höre. Ich kann nur sagen, was momentan aktuell ist: Wenn ich aufräume oder abwasche - für mich ist Musik immer was Anspornendes - läuft "The Verve". "Urban Hymn" ist meiner Meinung nach die Platte des Jahres. Da flash ich voll drauf. Und auf die Pete Rock LP ("Soul Survivor, siehe gap Dezember 1998), aber das ist die einzige Rap-LP dieses halbe Jahr, die ich mir immer reinpfeife. Es gibt zuviel, was nicht cool ist. Motown hör' ich auch.

Leo: Bei mir ist das Problem, daß ich englische Texte nicht gut genug verstehe. Ich muß mal wieder, was heißt mal wieder, ich muß überhaupt mal ins Ghetto chillen, zurück zu meinen Homies. (allgemeines Gelächter) Dadurch hab ich einen höheren musikalischen Anspruch an Songs. Supergeiler Rap reicht nicht, das gewisse etwas kommt bei mir mehr über die Musik als über die Raps rüber. Deshalb machen wir's auch anders.

Eißfeldt: Im Prinzip können wir unserer eigenen Unbildung dankbar sein. Jetzt, wo du das sagst, fällt's mir wie Augen von den Schuppen: Sam (Sammy Deluxe von Dynamite Deluxe) kann sehr gut englisch, und der kommt immer mit den Sachen an und sagt, hör dir das an, das ist das Derbste. Dann denk ich mir manchmal, ja, vielleicht, aber der Beat ist Scheiße.

wellbuilt: Produzenten im Sinne eines Beatbastlers hab ihr ja keinen. Wer ist bei euch dafür zuständig?

Eißfeldt: Im Prinzip machen wir das alle, bei dem Album hat sich's halt so ergeben, daß ich ein bißchen mehr gemacht hab'. Produzent heißt ja eigentlich nicht Beatmacher wie im Hip Hop. Mit Matthias Arfmann arbeiten wir seit unserem ersten Song zusammen. Wir bauen die Tracks zuhause und die endgültigen Versionen machen wir dann mit ihm im Studio.Er hat in der ganzen Zeit genau wie wir superviel gelernt, und jetzt haben wir eine Art der Zusammenarbeit, die unseren ganz eigenen Style ermöglicht. Insofern ist er eine Art ursprünglicher Rockproduzent, weil er mit den Beginnern ins Studio geht, um ein Album aufzunehmen. Und er achtet darauf, daß sich irgendwie ein roter Faden durchzieht und nicht jeder Song anders klingt.

wellbuilt: Hört ihr eure eigene CD an?

Leo: Nein, das wär übertrieben. Ich würd mich nicht ins Auto setzen, das ich nicht hab, und dann meine Platte reingeben, die ich nicht hab. Aber wenn ich's in einem Club mal läuft, dann flasht mich das schon.

Eißfeldt: Das ist seit Bambule so.