:  Der Mensch lebt nicht vom Brot allein...  :  text: ritchie pettauer

...ein bißchen Fett, das muß schon sein. Aus diesem Grund sprachen wir mit Fettes Brot über ihr neues Album und die lange Schaffenspause.

Die drei Nordlichter Dr. Renz, König Boris und Schiffmeister bereichern seit ihrer Erstveröffentlichung "Mitschnacker" die deutsche Hip Hop Szene mit teils witzigen, teils ernsten Songs. Konstant und unverändert sind in der ganzen Zeit allerdings ihr Einfallsreichtum und ihre musikalische Kreativität geblieben. Ob das neue Album "Fettes Brot läßt grüßen" die hohen Erwartungen erfüllen kann, müßt ihr beurteilen. Was die Brote selbst so zu erzählen hatten, lest ihr im Folgenden. Wenn ihr sie live hören wollt, dann kommt am 11. Oktober in die Szene Wien.

wellbuilt: Was habt ihr in der letzten Zeit so getrieben? Da war's ja eher ruhig um euch...

Boris: Wir sind nach wie vor ein Herz und eine Seele: Die Pause ist mehr aus Zufall entstanden. Nach dem letzten Album haben wir zwei Touren gemacht, Promotion, Fernsehwerbung, eine Radioshow, und wir haben uns um ein paar Privatsachen gekümmert. Dann haben wir Lust verspürt, eine neue Platte zu machen und gemerkt, daß die letzte doch schon wieder relativ lange zurückliegt. Wir haben uns in ein Haus außerhalb von Hamburg eingeschlossen, sozusagen im Dorf, für ein Monat, und angefangen zu arbeiten. Dort sind die Gerüste und die ersten Ideen für die neuen Songs entstanden.

wellbuilt: Die neue Platte klingt sehr anders als ihre beiden Vorgänger. Wie seht ihr das?

Dr. Renz: Können wir eigentlich schwer beurteilen, in dieser Platte liegt unser Herzblut. Aber ich denke schon, daß es eine gewisse Linie gibt, die man von "Mitschnacker" bis jetzt verfolgen kann.

wellbuilt: Die Erwartungshaltung vor der Veröffentlichung war ja recht groß. "Fettes Brot" gehört neben den "Fanta 4" sicher zu den Bandnamen, an die man beim Begriff "deutscher Hip Hop" als erste denkt. War das für euch eine gewissen Verantwortung in Zeiten der Pop-Kommerzialisierung von Hip Hop?

Dr. Renz: Ich glaub nicht, daß wir die Aufgabe haben, den Leuten den korrekten Hip Hop beizubringen. Wenn jemand Nana toll findet, wird er im schlimmsten Falle, oder im besten, oder in irgendeinem Falle, beides zuhause haben. Da kann man sich entweder ärgern oder freuen.

Boris: Entweder ist das Glas halb voll oder halb leer. Aber natürlich haben wir an unsere eigene Musik durchaus den Anspruch, daß sie als ernstgemeinte künstlerische Äußerung zu verstehen ist. Wir liefern sicher nichts ab, hinter dem wir nicht stehen, oder von dem wir glauben, daß es nur halbgar ist. Insofern ist das für uns das hip-hop-politisch Korrekteste, was wir machen können. Wir würden uns aber sicher nicht einschränken, indem wir sagen: "Mensch, jetzt hat Nana so'n Scheiß produziert, jetzt dürfen wir keine poppigen Songs mehr machen." Auch wenn wir Songs machen, die die selbstgesteckten Grenzen von Hip Hop erweitern, weil sie zum Beispiel nur gesungen sind, dann ist das bewußt so gewählt. Das heißt nicht, daß wir uns zu einer Band entwickeln, die nur noch singen wird, weil sie sich anmaßt, das zu können.

wellbuilt: Á propos Singen und Gitarren: wie ist es eigentlich zur Zusammenarbeit mit Tocotronic gekommen?

Boris: Wir haben die irgendwann mal kennengelernt, und fanden uns gegenseitig nett. Warum eigentlich nicht einen Song zusammen machen? Dann ist die Idee entstanden, "Waiting for Robert de Niro" von Bananarama zu covern und daraus "Warten auf Nicole Krebitz" zu machen. Die Tocos hatten auch Bock drauf, wir waren also zwei Tage bei denen im Studio, und das Aufnehmen hat großen Spaß gemacht. Das war's eigentlich.

wellbuilt: Früher habt ihr recht viel mit Tobi/Bo, Fischmob und anderen Yo Mama Acts zusammengearbeitet, auf der neuen Platte ist keiner von denen gefeatured. Hat das einfach so aufgehört oder gibt es bestimmte Gründe dafür?

Boris: Nee, gar nicht. Das hat sich nicht ergeben, die sind viel unterwegs, wir sind viel unterwegs. Unsere Wege haben sich in der letzten Zeit nicht so sehr gekreuzt.

Schiffmeister: Es war auch für dieses Album kein Posse-Song geplant. Wir haben mit Tocotronic und Heinz Strunck zusammengearbeitet, ein Witzerzähler aus Hamburg, der wahrscheinlich bald ins Schattenkabinett von Schröder gerufen wird, oder auch nicht. Auf der aktuellen Single haben wir einen Song mit Eins Zwo zusammengemacht, quasi als Tourhymne. [Fettes Brot gehen ab 8. Oktober zusammen mit Eins Zwo auf Tour; Anm. d. Redaktion]

wellbuilt: Wie ist das mit den 3 Fragezeichen? Die kommen auf eurer Platte mehrmals vor.

Boris: Als wir noch jung und unschuldig waren, haben wir die Kassetten gehört, und wir durften auch mal auf einer Folge mitsprechen. Wir haben die Jungs dann gefragt, ob sie für unsere Platte das Intro sprechen. Das ist nicht von einer Kassette, sondern extra für die Platte gesprochen.

wellbuilt: Was sagt ihr zur deutschen Hip Hop Szene? Da hat sich in letzter Zeit doch recht viel getan.

Schiffmeister: Wir lassen grüßen.

[Pause]

Schiffmeister: Wir lassen recht herzlich grüßen.

Schiffmeister: Ja, was soll ich sagen zur deutschen Hip Hop Szene?

Dr. Renz: Ja, was sagst du denn dazu?

Schiffmeister: Ich kann, glaub' ich, zu so einer undefinierten Masse von komischen Dingen nichts sagen. Ich kann nur konkret zu bestimmten Anlässen was sagen. Aber allgemein kann ich herzlich wenig sagen.

Boris: Es gibt viele gute Bands, wie ich finde, und es gibt natürlich auch, weil Hip Hop grö0er geworden ist, Begleiterscheinungen. Aber davon lassen wir uns nicht sonderlich beeinflussen.

wellbuilt: In Hamburg geht ja doch einiges ab. Würdet ihr die Hamburger Szene als eher homogen bezeichnen?

Dr. Renz: Eine homogene Szene würd' ich das nicht nennen. Es gibt eine Menge Bands, die ihre Musik auf verschiedene Weise machen und die auch ganz verschiedene Herangehensweisen haben. Aber das Schöne ist, daß es unter den Bands in Hamburg doch ein sehr respektvolles Miteinander gibt. Mit einigen Bands haben wir natürlich mehr zu tun, mit anderen weniger, aber der Konkurrenzgedanke existiert nicht. Wenn man sich trifft, unterhält man sich freundschaftlich.

Boris: Ein Mit- und ein Nebeneinander würd' ich sagen.

wellbuilt: Wie gefällt's euch, in Wien zu spielen?

Boris:Sehr gut. Wir haben zweimal hier gespielt, einmal im U4, einmal in der Szene. Danach bin ich furchtbar krank geworden und mit Schüttelfrost zusammengebrochen. Ich bin dann gleich nach der Show zurück ins Hotel und hatte hohes Fieber. Aber ich hab's überlebt. Knapp.

wellbuilt: Wie lange habt ihr am neuen Album gearbeitet?

Boris: Angefangen haben wir im Oktober, abgeschlossen haben wir's im Sommer dieses Jahres.

Dr. Renz: Also vier Jahre.

Boris: Wir nehmen uns Zeit. Es kann schon mal zwei Wochen dauern, bis wir mit einem Song zufrieden sind. Aber dafür ist das Ergebnis natürlich um so berauschender.

wellbuilt: Seid ihr ernster geworden?

Boris: Nee, das würd' ich nicht sagen. Auf dem Album gibt's sowohl ernste Songs als auch witzige. Wir arbeiten uns von Song zu Song nach vorne, aber es gibt von vornherein keine Idee wie: "Wir machen jetzt eine ernste Platte." Das läßt sicher auch viel Raum für Interpretationen.

wellbuilt: Habt ihr eine Message für unsere Leser?

Boris: Eigentlich keine spezielle. Außer vielleicht: Es gibt zwei Schlüsselchen zum Herzen. Das eine heißt "bitte", das andere "danke". Und das Glück der Erde liegt auf'm Rücken vom Pferd.